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Der Mitgliederschwund bei Katholiken wie Protestanten ist nicht mehr zu stoppen. Bis 2060 wird die Zahl der Menschen, die in Deutschland einer christlichen Kirche angehören, auf etwa die Hälfte des heutigen Stands sinken.
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Der Mitgliederschwund bei Katholiken wie Protestanten ist nicht mehr zu stoppen. Bis 2060 wird die Zahl der Menschen, die in Deutschland einer christlichen Kirche angehören, auf etwa die Hälfte des heutigen Stands sinken.

Leitartikel

Relevant und sichtbar

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Der ökumenische Kirchentag soll die Konfessionen modernisieren. Das ist bitter nötig. Der Leitartikel.

Der Frankfurter Stadtteil Riederwald wurde vor gut 100 Jahren im Stil einer Gartenstadt erbaut. Die beiden Kirchen der ehemaligen Arbeitersiedlung, die eine katholisch, die andere evangelisch, strecken ihre markanten Glockentürme an der zentralen Verkehrsachse gen Himmel. Kaum 50 Meter liegen zwischen den beiden Gotteshäusern. Es sind zu Stein gewordene Manifestationen eines Geltungsanspruchs, der da lautet: Wir gehören in die Mitte der Gesellschaft, an uns kommt keiner vorbei.

Dieser Tage versammeln sich in Frankfurt Protestanten und Katholiken zu einem großen Fest. Es ist – nach 2003 in Berlin und 2010 in München – erst das dritte Mal, dass die Gläubigen der beiden großen christlichen Konfessionen gemeinsam einen Kirchentag feiern. Doch wo von Himmelfahrt bis Sonntag weit mehr als 100 000 Menschen aus nah und fern die Messehallen, die Straßen, das Mainufer und die Kirchen bevölkern sollten, ist von Feiern kaum etwas zu sehen.

Man ist versucht zu sagen: natürlich nicht. Weil es eben zur neuen Normalität gehört, dass Großereignisse fast nur noch im Netz stattfinden.

Nun hätte in Zeiten, in denen den Kirchen die Gläubigen in Scharen davonlaufen, ein Großaufgebot von Menschen Zeichen der Stärke und der Bedeutsamkeit sein können. Vielleicht hat Corona die Kirche davor bewahrt, sich dieser Illusion von Stärke und Relevanz hinzugeben.

Tatsächlich ist der Mitgliederschwund nicht mehr zu stoppen, bestenfalls zu bremsen. Bis 2060 wird die Zahl der Menschen, die in Deutschland einer christlichen Kirche angehören, Prognosen zufolge auf etwa die Hälfte des heutigen Stands sinken. Wiederum die Hälfte dieses Verlustes geht auf das Konto der demografischen Entwicklung. Der andere, in etwa ebenso große Teil beschreibt die Zahl jener, die der Kirche bewusst den Rücken kehren. Darin liegt eine Chance.

Denn ist es ja nicht so, dass das Wirken, das den christlichen Glaubensgemeinschaften entspringt, bedeutungslos wäre. Im Gegenteil. Mit Caritas und Diakonie sind sie unverzichtbare Träger sozialer Belange. Der Beistand, den gerade sozial benachteiligte Menschen, Kranke, Arme, Hilfsbedürftige, von Seiten der Kirche erhalten, ist ein wichtiger Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft. Das Tun von Amtsträgerinnen und Amträgern sowie Ehrenamtlichen stärkt vielerorts den Zusammenhalt der Gemeinschaften. Und natürlich sind sie mit ihren Gotteshäusern, den Chören und Kirchenmusikerinnen und -musikern bedeutsame Träger kultureller Leistungen.

Für jene, die aus der Kirche austreten, scheinen dies dennoch keine hinreichenden Gründe für einen Verbleib zu sein. Das Image von Kirche in der Öffentlichkeit ist oft ein anderes.

Noch immer schleppen die katholische und die evangelische Kirche die Last eines unsäglichen Missbrauchsskandals mit sich. Eine Last, die sie nicht abwerfen können, deren Bewältigung aber bei weitem nicht annähernd abgeschlossen ist. Bei allen hoffnungsvollen Ansätzen der Aufarbeitung prägt die jahrzehntelange Praxis von Missbrauch, Vertuschung und Verschweigen einen weiten Raum der Wahrnehmung.

Der strittige, ebenfalls unsägliche Umgang mit Homosexualität in der katholischen Kirche lässt viele Menschen an ihrer Kirche verzweifeln. Und wo sie nicht vom Glauben abfallen, kehren sie einer Institution den Rücken, der sie nicht (mehr) trauen wollen.

Dabei zeigt sich die Basis vielerorts wesentlich moderner als große Teile der Führung. Anlässlich des Aktionstags am Montag haben zahlreiche katholische Priester gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften demonstrativ gesegnet – in klarer Opposition zu Rom und zum Unwillen der deutschen Bischöfe. Das gesamte, vor allem digitale Programm des Ökumenischen Kirchentags ist durchzogen vom Bemühen, Glauben, Tradition und Modernität gleichzeitig zu leben. Die Relevanz der Themen von Klimawandel über Friedenssicherung bis hin zum Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus ist überdeutlich.

Gleichzeitig haben viele Kirchengemeinden die Not, die aus Corona entstanden ist und viele Möglichkeiten der persönlichen Begegnung zunichte gemacht hat, zur Tugend gemacht und neue Formate entwickelt, Menschen auch außerhalb des engeren Kirchenkreises zu erreichen.

Wenn die Kirche diese Impulse zur Modernisierung aus Frankfurt in die Zukunft trägt, dann kann sie sich selbst eine Zukunft bauen, in der sie nicht nur relevant, sondern auch sichtbar bleibt.

Im Riederwald haben die beiden Kirchengemeinden einen pragmatischen Weg eingeschlagen, ihre Zukunft etwas sicherer zu machen. Sie ziehen unter ein gemeinsames Kirchendach. Welches, scheint dabei nicht relevant. Auch das ist Ökumene.

Siehe auch Interview mit der Frankfurter Katholikin Marianne Brandt, die bei Maria 2.0 aktiv ist

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