Rechter Terror

Die Mehrheitsgesellschaft darf nicht stumm bleiben- Kommentar zu Prozessauftakt in Halle

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Auch all jene, die von Terror und Hetze nicht selbst betroffen sind, müssen den Kampf dagegen zu ihrem eigenen machen. Wer Minderheiten damit alleine lässt, macht sich mitschuldig. Ein Kommentar.

Claudia B., die Mutter des Attentäters von Halle, hat kurz nach der Tat in einem Interview mit „Spiegel TV“ beteuert, ihr Sohn habe nichts „gegen Juden in dem Sinne“: „Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen. Wer hat das nicht?“

Claudia B. ist nach allem, was man weiß, weder in rechtsextremen Gruppen aktiv, noch steht sie sonstwie am Rande der Gesellschaft. Im Gegenteil. Sie ist Grundschullehrerin und unterrichtet Ethik. Offensichtlich hat es jahrzehntelang niemanden gestört, dass sie eine latent antisemitische Weltanschauung hat und damit auch nicht hinterm Berg hält.

Rechter Terror in Halle: Prozess gegen Stephan B. beginnt

Auch wenn jetzt die Augen auf den Prozess gegen Stephan B. gerichtet sind, wenn es um seine Radikalisierung in den düstersten Echokammern des Internets geht, darf eines nicht aus dem Blick geraten: In gewissermaßen abgemilderter Form sind viele seiner antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Sichtweisen in der sogenannten Mitte der deutschen Gesellschaft weit verbreitet. Und die Gefahr, dafür Konsequenzen oder zumindest Widerspruch zu spüren, ist gering. Wer von dem „Manifest“ des Halle-Attentäters geschockt war, hat sich wohl nie durch die Facebook-Kommentare zu einem beliebigen Artikel über deutsche Politik geklickt.

Attentäter von Halle Stephan B.: rassistisches Weltbild

Die Lösung kann allerdings nicht primär im Ruf nach schärferen Gesetzen oder gar mehr staatlicher Überwachung liegen. Zwar ist es definitiv so, dass Sicherheitsbehörden die Infiltrierung öffentlicher Debatten durch rechtsextreme Gruppen lange mutwillig missachtet haben. Aber letztlich gibt es nur ein wirklich wirksames Mittel dagegen, dass die Hetze sich bei Familientreffen, im Lehrerzimmer oder in Kommentarspalten breitmacht – und sich irgendwann in physischer Gewalt Bahn bricht: Alle – auch jene, die nicht selbst betroffen sind – müssen den Kampf gegen diese Hetze zu ihrem eigenen machen.

Es mag nicht die Mehrheit sein, die ein geschlossen rassistisches und antisemitisches Weltbild vertritt. Aber es reicht, wenn ein Großteil der Gesellschaft zumindest passiv solche Tendenzen duldet. Manche können es sich leisten, den Hass zu übersehen oder als randständig abzutun. Doch all jene, die ins Feindbild der Hetzer passen – seien es Juden, Muslime, Homosexuelle oder politisch aktive Frauen – haben diesen Luxus nicht. Sie können nicht ignorieren, wenn jemand sie für alle Übel der Welt verantwortlich macht oder – wie in Halle, wie in Hanau – auf ihre Auslöschung abzielt. Wenn der Rest der Gesellschaft ihnen in diesem Kampf nicht zur Seite steht, macht er sich mitschuldig.

Rubriklistenbild: © Sebastian Willnow

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