1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare

Gaskrise in Deutschland: Die Ampel muss und kann mehr tun

Erstellt:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Spanien schreibt für öffentliche Gebäude Höchsttemperaturen vor - daran sollte sich die Koalition ein Beispiel nehmen.
Spanien schreibt für öffentliche Gebäude Höchsttemperaturen vor - daran sollte sich die Koalition ein Beispiel nehmen. © Britta Pedersen/dpa

Die Ampel-Regierung in Berlin tut zu wenig, um einen harten Winter zu vermeiden. Dabei gibt es genug Ansatzpunkte. Der Leitartikel.

Das war jetzt schon die dritte Hitzewelle in diesem Jahr, nach einem warmen Frühjahr und Winter. Und es ist viel zu trocken. Deutschland schwitzt und die Stadtbäume werfen ihre Blätter ab. Für was waren diese weißen Dinger unter den Fenstern noch mal da? Bisschen viel verlangt, an die nächste Heizperiode zu denken? Unter normalen Umständen schon. Doch die Umstände, in denen wir leben, sind nicht normal. Spätestens seit dem 24. Februar nicht mehr.

Natürlich denken viele durchaus an den nächsten Winter, und besonders diejenigen, die die neue Gasabschlagsrechnung in den Händen halten. Kremlchef Wladimir Putin bereitet es offenbar diabolischen Spaß, mit den Ängsten der Deutschen zu spielen. Weniger Gas, nur noch ein bisschen Gas, vielleicht bald wieder volles Rohr. Oder gar keins mehr. Niemand weiß, wie knapp der Rohstoff sein wird, mit dem die Hälfte der deutschen Wohnungen beheizt wird und an dem Millionen Arbeitsplätze hängen. Momentan sieht es mit dem Füllstand der Speicher ganz gut aus, obwohl Russland über die Pipeline Nord Stream 1 wenig liefert. Er liegt bei 70 Prozent, und er steigt. Doch das kann sich schnell ändern, wenn die Heizperiode beginnt.

Energiekrise: Ampel und Unternehmen wollen Putins Gas ersetzen

Bundesregierung und Unternehmen haben viel unternommen, um Putins Gas zu ersetzen. Norwegen und die Niederlande liefern mehr, das wird ergänzt durch Flüssiggas aus Übersee. Hinzu kommt, dass der Gasverbrauch, die warme Witterung herausgerechnet, im ersten Halbjahr um fünf bis sechs Prozent zurückgegangen ist. Außerdem ist Hochsommer und der Gasbedarf gering. Und es gibt laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag bereits einen spürbar rückläufigen Gasverbrauch in der Industrie. Die Energie ist so teuer geworden, dass zahlreiche Betriebe bereits Teile ihrer Produktion stillgelegt haben.

Bisher reicht das aus, um die Speicher aufzufüllen – und eine Entspannung zu signalisieren, die trügerisch sein kann. Die Bundesregierung jedenfalls tut zu wenig, um die weiterhin unvermindert drohende Krise zu entschärfen. Die Ampel-Koalition scheint abgelenkt von der Debatte, ob die restlichen Atomkraftwerke nun länger laufen sollen oder nicht.

Energiekrise: Mühsam befriedeter Atomkonflikt bricht wieder neu auf

Dabei ist doch bekannt, dass ein Streckbetrieb und auch Laufzeiten über 2023 hinaus nur wenig Gas einsparen können. Um rund ein Prozent würde der Gesamtverbrauch laut Studien gemindert werden. Wenn der Streckbetrieb notwendig ist, um das Stromnetz zu stabilisieren, kann er im kommenden Winter toleriert werden. Darüber hinaus gehende Laufzeiten sind nicht tolerabel. Aus Sicherheitsgründen, weil der so mühsam befriedete Atomkonflikt in der Gesellschaft wieder neu aufbrechen würde, und weil die Atomkraft nicht zu dem angestrebten 100-Prozent-erneuerbare-Energie-System passt.

Der Ein-Prozent-Anteil könnte leicht zusätzlich weggespart werden, wenn Bundesregierung, Industrie und Verbraucher:innen das Einsparen wirklich konsequent angehen würden. Doch hier hapert es. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzt zu sehr darauf, dass die Menschen und die Unternehmen den Gasverbrauch freiwillig oder wegen der hohen Energiepreise senken. Das wird nicht reichen. Die Bundesregierung muss das Einsparen aktiv voranbringen. Sie muss zum Beispiel erlauben, dass Zentralheizungen in Mehrfamilienhäusern etwas kälter eingestellt werden dürfen, und sie sollte Bonuszahlungen für Haushalte einführen, die im laufenden Jahr weniger Gas verbrauchen als in den Vorjahren. Und: Habecks Plan, Gaskontingente in der Industrie durch Auktionen frei zu bekommen, ist zwar gut. Nur: Das hätte schon längst gemacht werden sollen und sollte nun schnell beginnen.

Energiekrise: Staat kann durchaus Vorgaben zum Einsparen

Spaniens Regierung hat gerade vorgemacht, dass der Staat durchaus Vorgaben zum Einsparen machen kann. Madrid schreibt zum Beispiel vor: Heizen in öffentlichen Gebäuden, Arbeitsstätten, Hotels nur bis 19 Grad, Kühlen nur bis 27 Grad. Beleuchtung von unbenutzten Büros und Schaufenstern nur bis 22 Uhr. Und: Geschäfte müssen Automatiktüren installieren, die je nach Jahreszeit kalte oder warme Luft im Innenraum halten.

Daran sollte die Ampel-Koalition sich ein Beispiel nehmen. Es gibt solche und unzählige andere Schritte, um die immer noch grassierende Energieverschwendung zu verringern. Kurzfristig umsetzbare wie ein Tempolimit auf Autobahnen, ein 365-Euro-Jahresticket für den ÖPNV und ein Sofort-Beschleunigungsgesetz für den Windkraftausbau; und langfristigere wie ein Boosterprogramm für Wärmepumpen zur Hausheizung und ein Wärmedämmprogramm, das die Fördersätze verdoppelt statt sie, wie soeben von der Ampel umgesetzt, teils sogar zu kürzen. (Joachim Wille)

Auch interessant

Kommentare