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Leitartikel

Olympia 2021: Das IOC tut alles, um die olympische Idee zu zerstören

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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Es gibt Gründe genug, Olympia abzulehnen. Warum es sich dennoch lohnt mitzufiebern. Der Leitartikel von FR-Chefredakteur Thomas Kaspar.

Heute werden also wieder die Olympischen Spiele 2021 eröffnet. Haben wir keine anderen Probleme, als bei 339 Entscheidungen in 33 Sportarten und 51 Disziplinen mitzufiebern? Gibt es nichts Wichtigeres, als mit einem monströsen Rekordprogramm stundenlang einen öffentlich-rechtlichen TV-Sender zu blockieren? Die Antwort ist: Nein!

Die Idee der Olympischen Spiele, wie sie Erneuerer Pierre de Coubertin einst formuliert hat, bleibt zeitlos gültig: Menschwerdung bedarf neben Hirnbildung auch ein Gefühl für den Körper. Seele, Geist und Kraft müssen in Balance sein, um Menschlichkeit auszubilden. Die Besten bei Olympia sind in diesem Sinne Vorbild für einen ganzheitlichen Ansatz, der in einem fairen Wettbewerb alle vier Jahre seinen Höhepunkt findet.

Die Idee von Olympia bleibt bis heute gültig

Die Friedensidee dabei, den Austragungsort zu wechseln und so Begegnung auf allen Kontinenten zu ermöglichen, bleibt bis heute grundrichtig. Von friedlicher Begegnung können wir nicht genug bekommen, nichts braucht die Welt mehr als Dialog und Austausch.

Nun tut das Olympische Komitee selbst einiges, um diese hehre Idee zu zerstören. Es ist verständlich, dass sich viele mit Grausen abwenden und die Spiele für falsch, wenn nicht für absurd halten. Drei der wichtigsten Gründe: Corona, Korruption und Kommerz.

Olympia 2021: Corona, Korruption, Kommerz

Schon jetzt werden die ersten Virusfälle im Olympischen Dorf gemeldet. Die Organisatoren in Japan sind hin- und hergerissen zwischen ihrer traditionellen Gastfreundlichkeit und der Angst, die Pandemie mit Gästen aus aller Welt im eigenen Land zu verschlimmern. Japans konservativer Ministerpräsident Yoshide Suga setzt seine eigene politische Existenz aufs Spiel, weil er die Spiele ermöglicht. Seine Zustimmungswerte im Land sind im freien Fall. Um diese Unzufriedenheit nicht vollends kippen zu lassen, werden die Stadien leer und die Straßen ohne jubelndes Publikum sein. Es sind ein wenig Zombiespiele in Zeiten der Pandemie.

Es gibt Gründe genug, Olympia abzulehnen. Dennoch lohnt es sich mitzufiebern.

Dennoch werden Millionen Menschen an den Fernsehern mit ihren Athletinnen und Athleten mitleiden und mitjubeln. Das ist nicht nur Ablenkung, es ist mehr als Brot und Spiele für das dumme Volk. Olympia hält die Fackel hoch, dass es mehr gibt, als sich in Schockstarre freudlos zu Hause einzusperren. Es ist erlaubt Spaß zu haben, ja es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche nach den ausgetrockneten Corona-Monaten auch andere Ziele sehen, dass sie motiviert werden für den Sport.

Höchste Zeit, die Idee der Olympischen Spiele zu erneuern

Es ist gleichzeitig höchste Zeit, dass sich die olympische Idee erneuert. Kritiker bemängeln zu Recht: Für die Gastgeberstädte heißt Olympia Knebelverträge, unklare TV-Rechtsvergaben und extrem hohe Bewerbungskosten.

Die Spiele waren fast immer mit finanziellen Einschnitten für die Bevölkerung und teils mit heftigen sozialen Verwerfungen verbunden, wie zuletzt in Rio de Janeiro. Am Zuckerhut wurden Unsummen in Repräsentationsbauten gesteckt, während in unmittelbarer Nachbarschaft die Menschen in den Favelas vergeblich auch nur auf Strom- und Wasser warten.

Olympia 2021: Tokio zwischen Gastfreundschaft und Corona-Panik

Der immer extremere Gigantismus der Austragungen muss endlich ein Ende haben, die Spiele müssen vorleben, dass die Zeit des aufgeblähten Wachstums in einer Zeit des Klimawandels, der globalisierten Ungleichheit zu Ende ist. Die neue olympische Idee muss die behauptete Fairness des Sports auch außerhalb der Stadien zur Bedingung für die Austragung machen.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte gerade erst durchgedrückt, dass das olympische Motto geändert wird. „Schneller, höher, stärker“ ist nun ergänzt um „gemeinsam“. Das wirkte wie Hohn angesichts der Tatsache, dass jede politische Äußerung von Sportlerinnen und Sportlern untersagt wurde. Ein Zeichen der Hoffnung ist, dass die Bevormundung nicht mehr einfach hingenommen wird.

Schneller, höher, weiter, gemeinsam: Ist das neue olympische Motto Hohn?

Nike war die Göttin der Erzählung. Und wie ihre Namenspatronin schreibt auch Nike Lorenz, die Kapitänin des deutschen Hockeynationalteams eine große Geschichte. Sie akzeptierte nicht, dass ihr verboten wurde, die Regenbogenbinde bei den Spielen zu tragen. Und sie zwang das IOC zum Nachgeben. Nun darf sie sich ebenso für Gleichberechtigung einsetzen wie die Fußballerinnen aus fünf Nationen, die mit ihrem Kniefall gegen Rassismus protestieren werden. Es sind die Aktiven selbst, die den Sinn zurückbringen in die Stadien, die zeigen, was es heißt, Vorbild zu sein. Nicht nur am besten laufen, springen und werfen zu können, sondern den Wettbewerb als fairen Austausch gleichberechtigter Menschen vorzuleben.

Olympia 2021: Spaß ist die beste Antwort an korrupte Funktionäre

Es gibt also Gründe genug, die Olympischen Spiele abzulehnen. Doch es gibt genauso viele Gründe dagegenzuhalten: Eltern schnappt eure Kinder und begeistert sie für den Sport! Schickt sie auf Bolzplätze und in Vereine! Großeltern nehmt eure Enkel auf den Schoß und zeigt ihnen im Atlas, wo die teilnehmenden Länder liegen! Lebt ihnen Respekt vor jedem Menschen vor.

Nein, wir sind nicht naiv. Wir lassen uns nur nicht von korrupten Funktionären den Sinn von Olympia nehmen. Immer noch können die Spiele mehr sein als Kommerz, Korruption und Corona-Erstarrung. (Thomas Kaspar)

Rubriklistenbild: © dpa

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