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Was wird aus der Friedensbewegung?

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Von: Pitt von Bebenburg

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Der Krieg gegen die Ukraine, der uns naheliegt, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch nicht nur dort herrscht Krieg. Der FR-Leitartikel.

Die Bomben treffen zivile Ziele. Sie töten und verletzen Frauen, Männer und Kinder. Sie zerstören die Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, die Internetversorgung.

Seit Jahren geht das so, ohne dass die Welt das Morden hätte stoppen können. Nein, die Rede ist an dieser Stelle nicht von der Ukraine, sondern vom Jemen, wo sich seit 2015 die von Iran unterstützten schiitischen Huthi-Rebellen mit der offiziellen Regierungsseite bekriegen, die von Saudi-Arabien und anderen arabischen Ländern befeuert wird.

Ostermarsch in Hannover
Ein Mann schwenkt beim Ostermarsch in Hannover eine Fahne mit einer Friedenstaube. © Julian Stratenschulte/dpa

Hunger und Leid in Jemen

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes Unicef sind bei den Bombardements und Kämpfen mehr als 10.000 Kinder getötet oder verletzt worden. Zwei Millionen der 30 Millionen Menschen im Jemen sind unterernährt. Fast eine halbe Million von ihnen könnte verhungern, wenn nicht bald Hilfe kommt.

Aber der Krieg im Jemen spielt in der internationalen Aufmerksamkeit kaum eine Rolle. Selbst die Nachricht, dass dort Anfang April eine Waffenruhe in Kraft getreten ist, wurde hierzulande so gut wie nicht wahrgenommen. Wie anders wäre es, wenn solche guten Nachrichten aus der Ukraine kämen.

Wegen Ukraine-Krieg: Das Bewusstsein könnte wachsen

Der Krieg gegen die Ukraine, der uns so viel näherliegt, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich – und nebenbei werden Mittel für internationale Nothilfe für die Menschen in Jemen und anderen Krisengebieten immer knapper. Dabei könnte auch das Gegenteil geschehen. Das Bewusstsein dafür, wie schrecklich Kriege sind, könnte wachsen in diesen Zeiten, da Bombardements die Menschen vor unserer Haustür treffen und Kriegsängste nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Jemen, Afghanistan, Syrien, Irak, Israel/Palästina, Eritrea, Somalia, Mali, Südsudan, Nigeria, Myanmar – die Liste der Länder, in denen blutige Auseinandersetzungen zum Alltag gehören, ist lang und keineswegs vollständig. Die Ostermärsche an diesem Wochenende bieten die Gelegenheit sich klarzumachen, dass mit dem russischen Angriff auf die Ukraine keineswegs der Krieg in die Welt zurückgekehrt ist. Er war immer da, an vielen Orten auf der Erde, die zu Orten des Schreckens geworden sind.

So zerrissen wie nie

Mit dem Entsetzen über die Bombardierung ukrainischer Städte, über Kriegsverbrechen an Zivilistinnen und Zivilisten könnte die deutsche Friedensbewegung so stark werden wie lange nicht mehr. Doch zugleich ist sie so zerrissen wie noch nie.

Die Hoffnung auf Frieden eint die ganze Bevölkerung. Tausende ziehen auf die Straßen. Doch sie sind sich nicht einig. Geht das noch, „Frieden schaffen ohne Waffen“? Lässt sich das vereinbaren mit den blau-gelben Farben der Ukraine, die ebenfalls auf den Kundgebungen zu sehen sind? Nein, das passt nicht zusammen.

Durch den Krieg ist etwas aufgebrochen. Die traditionelle pazifistische Friedensbewegung beharrt darauf, die Fehler der USA und der Nato zu betonen. Sie ist davon überzeugt, dass mehr Waffen noch mehr Leid und Todesopfer bedeuten. Auch Waffen, die zur Verteidigung der Ukraine geliefert werden.

Doch durch die russische Bombardierung von Mariupol, durch die Raketen auf den Bahnhof von Kramatorsk, die Bilder von den getöteten Menschen in Butscha, von den Massengräbern in Motyschyn keimen auch bei Friedensbewegten Zweifel auf, ob das der richtige Weg ist. Die langfristige Vision einer Welt ohne Waffen muss bestehen bleiben. Aber sie reicht nicht aus als Reaktion auf militärische Gewalt und Menschenrechtsverletzungen durch russische Angreifer.

Gilt das Recht des Skrupelloseren?

Friedenswillen darf nicht heißen, das Recht des Skrupelloseren zu akzeptieren. Denn so lassen sich dauerhaft weder Frieden noch humanitäre Lösungen erreichen, weder im Ukraine-Konflikt noch anderswo.

Zugleich kann Aufrüstung keine dauerhafte Lösung sein. Im Gegenteil: Um der Menschheit willen muss es wieder Abrüstungsverhandlungen geben. Es ist langfristig nicht hinzunehmen, gigantische Ressourcen in Militärgüter zu stecken statt in den Kampf gegen Armut, Hunger und die Klimakrise.

Viele Krisenherde

Die Friedensbewegung tut gut daran, den Blick auf die Krisenherde der Welt zu lenken. Nicht als Ablenkung vom Krieg gegen die Ukraine, sondern im Gegenteil als Mahnung, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Krieg ist ein Gräuel, das verhindert und eingedämmt werden muss, wo es nur geht. Im Jemen, wo ein Stellvertreterkrieg geführt wird, ohne dass es je eine Debatte über ein Ölembargo gegen Saudi-Arabien gegeben hätte. Und in der Ukraine, wo Russland den ganzen Westen herausfordert.

Friedensbewegte Menschen müssen ihre Regierungen dazu drängen, alles zu tun, dass daraus kein Weltkrieg entsteht. Alles zu tun, dass Russland diesem Krieg nicht weitere folgen lässt. Und alles zu tun, damit das Leiden der Ukrainerinnen und Ukrainer bald endet. Diese Ziele müssen die Friedensbewegung einen. Selbst wenn diejenigen mit Friedenstauben und diejenigen mit blau-gelben Flaggen gegensätzliche Wege zu diesem Ziel beschreiten wollen. (Pitt von Bebenburg)

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