1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare

Olympia 2022: Die Karikatur von Spielen

Erstellt:

Von: Andreas Schwarzkopf

Kommentare

Corona und die Verletzung von Menschenrechten verhindern fröhliche Olympische Spiele in Peking. Der Leitartikel.

Die Olympischen Winterspiele in Peking drohen genauso eine Karikatur der Wettkämpfe zu werden wie die Sommerspiele in Tokio es waren. Corona verwandelt den sportlichen Wettstreit in eine Lotterie, weil Athletinnen und Athleten trotz der strikten Hygienekonzepte sich jeder Zeit anstecken können - oder auch nicht.

Zudem raubt die Pandemie dem Fest der Völkerverständigung die Begegnung. Ohne Publikum, ohne Treffen von Menschen von verschiedenen Kontinenten verlieren die Spiele halt ein wichtiges Ziel. Und auch die Sportlerinnen und Sportler werden sich jenseits der Arenen kaum treffen können. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, das olympische Feuer ein Jahr später zu entzünden.

Olympia 2022: Die Spiele hätten nicht an Peking vergeben werden dürfen

Noch schwerer wiegen die systematischen Menschenrechtsverletzungen Chinas in Tibet, gegen Uigurinnen und Uiguren oder auch das brutale Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong oder die Digitale Vollüberwachung. Gemessen daran hätten die Spiele nicht nach Peking vergeben werden dürfen. So weit, so richtig. Aber leider ist Letzteres nicht ganz so einfach.

Bei der Vergabe von Olympia 2022 im Jahr 2015 fehlten einige Vertreterinnen und Vertreter westlicher Verbände und Staaten. Hätten sie für den einzigen übrig gebliebenen Mitbewerber Almaty gestimmt, würden die Spiele nun in Kasachstan beginnen, wo jüngst bei Unruhen über 200 Menschen starben.

Auch Corona trübt die Stimmung in Peking.
Auch Corona trübt die Stimmung in Peking. © Michael Kappeler/dpa

München hatte übrigens seinerzeit die Bewerbung zurückgezogen, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu viele Auflagen erlassen hatte. Diese wollten die Menschen nicht erfüllen und stimmten deshalb dagegen.

China ist ökonomisch einfach zu wichtig

Außerdem scheitert das ohnehin politisch zahnlose IOC genauso wie die westlichen Staaten daran, China an Menschenrechtsverletzungen zu hindern. Die Strategie Wandel durch Handel hat jedenfalls nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Und die USA streiten bereits seit einigen Jahren mit Deutschland und den anderen EU-Staaten, mit welchem Druck Peking zum Einlenken gebracht werden kann. China ist ökonomisch einfach zu wichtig und lässt sich nicht ohne weiteres aus den globalen Handelsketten wegdenken.

Erschwert wird diese Debatte dadurch, dass globale Probleme wie der Klimaschutz und der Klimawandel nur gemeinsam gelöst werden kann. Auch deshalb verbietet sich ein Bruch mit Peking. In der China-Politik ist also Kooperation wichtiger als Konfrontation.

Olympia 2022: Man muss sich nicht zur Marionette machen

Dennoch muss man vor Peking nicht einknicken oder sich zur Marionette machen, wie IOC-Chef Thomas Bach nicht nur im Fall der Tennisspielerin Peng Shuai gezeigt hat. Er und die anderen Komittee-Mitglieder sollten sich ein Beispiel nehmen an einigen Athletinnen und Athleten, die bereits im Vorfeld Peking kritisiert haben. Oder an dem sogenannten politischen Boykott der USA und anderer Staaten, die keine hochrangigen Vertreterinnen und Vertreter schicken. Oder an den zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die kein Blatt vor den Mund nehmen.

All das wird zumindest in den westlichen Staaten den chinesischen Propagandaerfolg minimieren. Und womöglich sorgt diese Kritik dafür, dass der Druck auf das IOC steigt und es künftig die Menschenrechte wichtiger nimmt als bisher. Die Debatte über zeitgemäße Spiele wird sicher weitergehen, ja weitergehen müssen.

Olympia 2022: Peking macht vieles nur nach

Über Gigantismus und Nachhaltigkeit müsste ebenfalls gesprochen werden. Auch hier ist die Kritik an den Machern der Spiele Chinas zwar berechtigt, vergisst aber häufig, dass Peking vieles nur nachahmt, was anderenorts Standard ist. Ohne künstlich beschneite Pisten jedenfalls geht auch in den Alpen nur noch wenig. Und wie schwer es ist, nachhaltig zu leben oder wirtschaften, offenbart sich derzeit an vielen Themen und die westlichen Staaten sind alles andere als leuchtende Vorbilder.

Frankreich und die USA können jedenfalls bei ihren Spielen 2024 und 2028 zeigen, ob sie all diesen Ansprüchen gerecht werden. Es wird sicher spannend zu sehen, wie weit etwa die Vereinigten Staaten beim Thema Gewalt und Rassismus sein werden. Derzeit sterben jedenfalls jährlich rund 20.000 Menschen durch Tötungsdelikte, viele davon sind rassistisch motiviert.

Deutschland könnte übrigens Paris und Los Angeles folgen und sich für die Spiele 2036 bewerben, um 100 Jahre nach den missbrauchten Propaganda-Spielen der Nazis zu zeigen, dass es anders gehen kann und muss. Auch das wird sicher eine spannende Debatte. (Andreas Schwarzkopf)

Auch interessant

Kommentare