PErfurt am 13. Juli: Eine Gruppe von Menschen protestiert vor dem Landgericht gegen Rassismus und Sexismus bei der Polizei.
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Erfurt am 13. Juli: Eine Gruppe von Menschen protestiert vor dem Landgericht gegen Rassismus und Sexismus bei der Polizei.

Leitartikel

„NSU 2.0“-Drohbriefe - Verfasser haben neben Rassismus noch ein anderes Motiv

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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„NSU 2.0“ bedroht selbstbewusste Frauen. Das ist Teil der rechtsextremen Ideologie. Darüber sollten auch Polizisten Bescheid wissen - und sich Gedanken über Männlichkeitsbilder machen. Der Leitartikel.

Von sieben Menschen ist bisher bekannt geworden, dass sie ekelhafte Drohbriefe von Rechtsextremisten unter dem Kürzel „NSU 2.0 erhalten. Es sind sieben Frauen: drei Politikerinnen, zwei Journalistinnen, eine Rechtsanwältin und eine Kabarettistin. Der Nazi oder, was wahrscheinlicher ist, die Nazigruppe, die dahinter steckt, hat offenkundig ein Problem mit Frauen.

Wer es sich antut, die widerwärtigen Drohschreiben zu lesen, merkt: Rassismus ist ein zentrales Motiv der Täter. Ihr anderes Motiv heißt: Sexismus. Das kann niemanden wundern, denn Sexismus und Antifeminismus sind ein fester Bestandteil der rechtsextremen Ideologie.

Das Motiv Sexismus ist in den Drohbriefen der „NSU 2.0“ unverkennbar

Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Gesellschaft sich solidarisch mit den Betroffenen erklärt und auch so verhält. Solche Drohungen können niemanden kalt lassen. Die Öffentlichkeit und die demokratischen Institutionen müssen den Frauen deutlich zeigen, dass sie ihnen beistehen und sie unterstützen. Auch wenn es sich ohnehin durchweg um starke Frauen handelt, die daran keinen Zweifel lassen, in der Politik, auf der Bühne und im Gerichtssaal. Sie machen den Mund auf, gerade gegen Rechtsextremisten.

Die Täter können solche selbstbewussten Frauen offensichtlich nicht ertragen. Sie reagieren mit Hass und Beleidigungen, und zwar in auffällig sexualisierter Sprache. Sie drohen mit Mord und mit sexualisierter Gewalt. Das Motiv Sexismus ist in den Schreiben unverkennbar.

„NSU 2.0“ und Sexismus: Täter können offenbar den Verlust der Macht an Frauen nicht ertragen

Die Nazis – die alten wie die neuen – vertreten eine Ideologie der Ungleichheit. Sie stellen sich selbst auf die oberste Stufe und werten andere ab: Menschen mit anderer Nationalität, mit anderer Herkunft, mit anderer Sprache, mit anderer Hautfarbe, mit einer anderen sexuellen Orientierung. Und sie weisen Frauen einen eng begrenzten Raum im Heim und am Herd zu, den diese nicht verlassen sollen. Rassismus, Nationalismus und Sexismus sind damit verschiedene Ausprägungen desselben Irrwegs – der Abwertung der anderen.

Die Mörder der Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) haben – abgesehen vom Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter – neun Männer ermordet, allesamt Gewerbetreibende mit ausländischen Wurzeln. Es waren rassistische Taten.

Die Drohbriefschreiber, die mit ihrem Kürzel an den NSU anknüpfen wollen, bedrohen nun Frauen. Es geht um die vermeintliche Macht dieser rechten Männer, die von den selbstbewussten Frauen infrage gestellt wird. Diesen Verlust von Macht an Frauen, auch noch an deutsche Frauen mit teils ausländischen Wurzeln, können die Täter offensichtlich nicht ertragen, und sie reagieren mit Gewaltfantasien. Man kann erahnen, wie gering ihr eigenes Selbstbewusstsein ausgeprägt sein muss.

„NSU 2.0“-Schreiben und Sexismus: Polizei sorgt nicht für Vertrauen bei den Betroffenen

Es muss alles getan werden, damit diese Täter gefasst, ihre Netzwerke zerschlagen und die unsäglichen Abfragen persönlicher Daten von Polizeicomputern gestoppt werden. Wer jetzt bedauert, dass das Vertrauen der Polizei durch die Debatten beschädigt werde, sollte nicht weniger beklagen, dass die Polizei nicht eben für Vertrauen bei den betroffenen Frauen gesorgt hat.

Es ist eine bittere Pointe, dass der hessische Innenminister Peter Beuth im Zuge des hessischen Polizeiskandals erneut LKA-Präsidentin Sabine Thurau vorgeführt hat. Sie war die erste Frau, die jemals in Deutschland in eine solche Position gerückt ist. Nun muss genau diese Frau zeigen, dass ihre Behörde wirklich alles getan hat, um die betroffenen Frauen zu schützen.

Deutschland führt in diesen Tagen eine breite Debatte über Rassismus, auch über rassistische Vorurteile in der Polizei. Sie ist bitter nötig.

„NSU 2.0“: Eine Auseinandersetzung mit Sexismus und Männlichkeitsbildern ist dringend nötig

Genauso dringend gehört aber die Aufarbeitung von Sexismus und Männlichkeitsbildern auf die Tagesordnung, die gerade in Institutionen wie der Polizei prägend sind. Die Bündnisse kampferprobter Männer, die verächtlich über Frauen reden, sollten dort nichts zu suchen haben. Eigentlich.

Es geht darum, dass die Polizei und andere Institutionen durchgelüftet werden, dass sie sich öffnen. Gerade auch für eine weibliche Herangehensweise. Für eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Das hilft bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Tätigkeit, aber auch mit der Klientel. Schließlich ist Kriminalität insgesamt ein ganz überwiegend männliches Problem, wie jede Kriminalitätsstatistik zuverlässig ausweist. (Von Pitt von Bebenburg)

Die Parallelen anderer Fälle zum „NSU 2.0“ dürfen nicht übersehen werden. Die Ermittler müssen über ihre Ländergrenzen hinaus schauen und mit den Kollegen eng kooperieren.

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