Männer arbeiten auf einem Gerüst
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Niedriglohn: Wer drin ist, kommt schwer wieder raus – ein Armutszeugnis für Politik und Gesellschaft

Niedriglohn

Hartz IV: Wer drin ist, kommt schwer wieder raus – ein Armutszeugnis für Politik und Gesellschaft

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Selbst gut qualifizierte Menschen haben es immer schwerer, aus der Niedriglohn-Falle herauszukommen. Ist das nur ein Mangel an einem insgesamt gerechten Systems? Nein, es ist ein zentraler Bestandteil dieses Systems.

Dass die Bertelsmann-Stiftung weder zum Deutschen Gewerkschaftsbund noch zur Linkspartei oder dem Paritätischen Gesamtverband gehört, hat sich schon länger herumgesprochen. Insofern lässt sich der neuesten Studie, die die „Bertelsmänner“ gerade verbreitet haben, zumindest ein positiver Aspekt abgewinnen: Die Erkenntnis, dass die Kosten des Wohlstands in unserer Gesellschaft höchst ungerecht verteilt sind, beginnt den Kreis der „üblichen Verdächtigen“ zu verlassen.

61 Prozent der Niedriglohn-Beschäftigten sind weiblich

Der Niedriglohn, so das Ergebnis der Untersuchung, ist für viele Menschen keineswegs nur der Einstieg in immer bessere Zeiten. Ein großer Teil der schlecht Bezahlten kommt aus dieser Situation nicht mehr hinaus. Ganz besonders trifft es, wieder einmal, die Frauen: 61 Prozent der Niedriglohn-Beschäftigten sind weiblich. Auch Menschen mit mittlerer oder hoher Qualifikation sind immer weniger vor mieser Bezahlung geschützt: Sie machen inzwischen 40 Prozent des Niedriglohnsektors aus. Und Corona wird an all dem sicher nichts zum Positiven ändern.

Wer nun glaubt, es handele sich um Mängel an einem insgesamt gerechten System, die sich leicht beheben ließen, irrt. Der Niedriglohnsektor war und ist aus Sicht dieses Systems kein Fehler, sondern ein erwünschter Bestandteil. Gerhard Schröder, der dem neoliberalen Modell mit seiner Agenda 2010 zum Durchbruch in Deutschland verhalf, hat das unumwunden zugegeben: „Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Dass er mit „bester Niedriglohnsektor“ kaum besonders auskömmliche Gehälter meinte, darf vorausgesetzt werden – sonst hätte er wohl kaum „Niedriglohn“ gesagt.

Demütigend niedrige Hartz-IV-Sätze

Wenn es ein Zufall ist, dass am selben Tag wie die Studie die neuen und immer noch demütigend niedrigen Hartz-IV-Sätze bekannt werden, dann hat sich der Zufall sehr weise verhalten. Denn zu Schröders „Reformen“ gehört beides: „Verkauf Dich um fast jeden Preis oder lass Dich vom Staat billig abspeisen“, so lautet das Prinzip, das den deutschen Sozialstaat bis nahe an die Unkenntlichkeit verändert hat.

Die Niedriglohnschwelle liegt übrigens nach internationaler Definition für den Untersuchungszeitraum der Studie bei 11,40 Euro brutto pro Stunde, das sind zwei Drittel des mittleren Lohns. Mit diesen 11,40 Euro lässt sich sicher irgendwie leben. Aber ist das das Ziel der freien Marktwirtschaft, mehr als ein Fünftel der Beschäftigten „irgendwie“ durchkommen zu lassen? Und nebenbei bemerkt: Wer auf den gesetzlichen Mindestlohn angewiesen ist, wird selbst nach den jetzt beschlossenen Erhöhungen noch deutlich unterhalb der Niedriglohnschwelle bleiben.

Wollten sich Politik und Gesellschaft von diesen Armutszeugnissen ernsthaft befreien, wäre mehr notwendig als diese und jene Korrektur. Es hilft alles nichts, wenn der Reichtum nicht konsequent umverteilt wird zugunsten des Gemeinwohls. Und woran sollten wir das Gemeinwohl messen, wenn nicht daran, dass möglichst alle auskömmlich leben können?

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