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Über den Krieg zu schweigen, macht die Verbrechen nicht ungeschehen.
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Über den Krieg zu schweigen, macht die Verbrechen nicht ungeschehen.

Leitartikel

Angriff auf die Sowjetunion vor 80 Jahren: Nicht nur ein Überfall

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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Wer über die eigenen Verbrechen im Krieg und über die Fehler danach spricht, beugt neuen Konflikten vor. Der Leitartikel.

Der Kalte Krieg wirkte – es lässt sich nicht anders sagen – wie eine Beruhigungspille auf Deutschlands Gewissen. Der Eiserne Vorhang machte es sehr bequem, darüber zu schweigen, dass Deutsche für den Tod von 27 Millionen Menschen im Osten verantwortlich waren.

Der Kniefall Willy Brandts, der heute als Bitte um Vergebung zitiert wird, spielte für die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte 1970 keine große Rolle. Empörung gab es indessen über den Warschauer Vertrag, mit dem die Bundesrepublik ehemalige deutsche Gebiete an Polen abtrat. Endgültig.

Die Dimension dessen, was sich im Osten ereignet hatte, wird nur sehr langsam begreifbar. Vorherrschend ist aber nach wie vor die selbstbezogene Erinnerung: Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten, Flucht und Vertreibung deutscher Zivilisten aus dem Osten und die Gräuel sowjetischer Armeeangehöriger. Viel zu oft wird verdrängt, dass all das Folgen eines selbst verschuldeten Krieges waren.

80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion: Wenig Wissen über Osteuropa

Wenn man in der Sowjetunion geboren ist, dort und in Deutschland aufgewachsen ist, dann stellt man fest, dass der Politik- und der Medienbetrieb in Deutschland sich geradezu obsessiv speziell mit Russland und zunehmend mehr mit anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion befassen – aber sehr wenig darüber wissen, was dort im 19. und 20. Jahrhundert passiert ist. Die Konflikte, die es dort heute gibt, sind ohne die westliche koloniale Politik ebenso wenig zu verstehen wie ohne die koloniale Geschichte Russlands und der Geschichte der Sowjetunion.

Dabei könnte gerade der Zweite Weltkrieg im Osten Teil der aktuellen Kolonialismusdebatte in Deutschland sein, wenn sie ihren Blick weiten würde. Der Rassismus, der die Kolonialpolitik in Afrika begünstigte und legitimierte, war kein anderer Rassismus als der gegen die Menschen im Osten und Zentralasien. Die Unterteilung von Menschen in höher- und minderwertigere Rassen ist die Voraussetzung für den letzten Schritt: die Bereitschaft, „Minderwertige“ auszubeuten und zu vernichten.

In seiner Rede zum Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid und unsere Verantwortung es fordern.“ Was auch immer Deutschland bisher an Wiedergutmachung für Menschen leistete, die aus dem Osten zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren – es war zu wenig und kam für Millionen zu spät. Angesichts der neuen Konflikte im Osten ist es geradezu zwingend für Deutschland, sich heute umso stärker zu engagieren. Denn auch im Osten fehlt es an einer umfassenden Aufarbeitung des Krieges.

Russland und die Sowjetunion: Moskau monopolisiert den Sieg

Der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ dient Moskau als ein identitätsstiftendes Moment. Das heutige Russland hat ihn monopolisiert, die Rolle anderer Staaten wird gar nicht groß erwähnt. So gut wie kein Wort fällt auch zu den eigenen dunklen Kapiteln, zum Überfall auf Polen und Finnland oder zu den Deportationen zahlreicher Gruppen vor und während des Krieges nach Zentralasien und Sibirien, die Bestrafung Hunderttausender sowjetischer Kriegsgefangener nach deren Befreiung aus deutschen KZs, selbst die Zahl der Opfer ist bis heute nur geschätzt.

Unvollständig ist auch die Aufarbeitung der Geschichte in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Staaten des ehemaligen Ostblocks. Während in Frankreich oder den Niederlanden über Kollaboration durchaus geredet worden ist, wird das im Osten tabuisiert oder sogar sanktioniert. Dabei muss man noch nicht einmal an die lange Geschichte der Pogrome in Polen oder der Ukraine erinnern oder an den Prozess gegen den in der Ukraine geborenen John (Iwan) Demjanjuk, der im Vernichtungslager Sobibor als Helfer tätig war.

Die Mörder hatten überall Helfer. Aber darüber herrscht Schweigen – in Russland wie anderen Ex-Sowjetstaaten.

Hinzu kommt die Instrumentalisierung der Geschichte. Wenn in den baltischen Staaten oder der Ukraine die Rede von Widerstand gegen das Sowjetregime ist, dann wird nur die eine Seite erzählt. Dass unter den „Helden“ auch jene waren, die den Deutschen halfen, Juden, Roma und andere Minderheiten zu töten, wird ausgeklammert.

Deutschland hat die Pflicht, von eigenen Fehlern zu erzählen

Diese Art der Abgrenzung zum heutigen autokratischen Regime in Moskau verzerrt die eigene Geschichte. Das wird nicht nur den Opfern nicht gerecht. Das birgt auch neue, künftige Konflikte in sich.

Deutschland hat keine moralische Legitimation, anderen Staaten in Osteuropa zu sagen, wie sie ihre Geschichte aufarbeiten sollten. Doch Deutschland hat die moralische Pflicht, anderen von den eigenen Fehlern zu erzählen. Gerade weil wieder zu häufig die Rede vom neuen Kalten Krieg ist, muss Deutschland für eine internationale Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und seiner Auswirkungen stärker Impulse setzen.

Angesichts der neuen Nationalismen im Osten ist das schwierig. Aber das nicht zu versuchen – das kann sich Deutschland nicht erlauben. (Viktor Funk)

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