Präsidentschaftswahlen in Frankreich 2022: Emmanuel Macron gilt als Favorit.
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Präsidentschaftswahlen in Frankreich 2022: Der amtierende Präsident Emmanuel Macron gilt als Favorit.

Wahl in Frankreich

Analyse der Wahlergebnisse: Neuer Klassenkampf in Frankreich

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Nach der Wahl in Frankreich zeigt sich: Die politischen Grenzen verlaufen nicht mehr zwischen rechts und links, sondern oben und unten. Eine Analyse.

Paris – Das Phänomen blieb bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 am Sonntag (10.04.2022) weitgehend unbeachtet, weil vom Duell Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen verdrängt: Die konservativen Republikaner und die Sozialistische Partei haben bei der Wahl einen historischen Absturz erlebt. Er bedeutet für die französische Politik nichts weniger als eine tektonische Plattenverschiebung.

„Les Républicains“ (LR) und ihre gaullistischen Vorgängerparteien auf der bürgerlichen Rechten und die – in Wahrheit sozialdemokratische – „Parti Socialiste“ (PS) auf der Linken hatten in Paris seit dem Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger abwechselnd regiert. Charles de Gaulle gründete 1958 in Frankreich die Fünfte Republik, François Mitterrand führte 1981 die Sozialisten an die Macht; dann folgten wieder Gaullisten wie Jacques Chirac.

Doch die Republikanerin Valérie Pécresse erhielt am Sonntag gerade mal 4,8 Prozent der Stimmen. Die Sozialistin Anne Hidalgo fiel auf sage und schreibe 1,8 Prozent zurück. Zum Vergleich: Der Sozialist François Hollande hatte vor zehn Jahren 28,6 Prozent erhalten, der Republikaner Nicolas Sarkozy 27,2 Prozent.

Wahl in Frankreich 2022: Macron beherrscht das politische Zentrum, Populisten die Ränder

Zeichen des Niedergangs der einstmals stolzen Konservativen: Pécresse musste am Montag mit übernächtigter Miene vor die TV-Kameras treten, um von den Menschen eine Geldspende zu erbetteln. Ihre Partei hat zu wenig Stimmen gemacht, um Wahlkampfmittel zu erhalten, und riskiert den Bankrott. Für die Parti Socialiste gilt dasselbe. Von ihrem Wahlabend bleibt das Bild der Parteispitze, die das Ein-Prozent-Resultat in einem Pariser Restaurant erfuhr. Im Saal brach nicht einmal Elendsgeschrei aus. Schlimmer: Es herrschte Totenstille.

Wo die Millionen Stimmen der einstigen Pariser Platzhirsch-Parteien hingegangen sind, ist unschwer zu erkennen: zu Macron, zu Le Pen und dem linken Volkstribun Jean-Luc Mélenchon. Die drei erhielten alle mehr als 20 Prozent der Stimmen und sind die neuen Platzhirsche der französischen Politik. Zuvor hatten sie die beiden Regierungsparteien regelrecht „leergesaugt“, wie der Demoskop Jérôme Fourquet erklärt. Viele gemäßigte Republikaner, aber auch viele Sozialisten sind schon 2017 zu Macron übergelaufen. Nun sind auch die „härteren“ Anhänger:innen dieser Parteien nach außen gewandert, sei es zu Le Pen oder Mélenchon.

Statt einer Linken und Rechten, wie sie Frankreich seit der Revolution von 1789 kannte, dominieren nun Rechts- und Linkspopulist:innen am Rand des politischen Spektrums, während Macrons Partei das politische Zentrum beherrscht. „Wir sind in ein anderes Universum gekippt“, erklärt Fourquet. „Der Gegensatz lautet nicht mehr rechts und links, sondern oben und unten: Die besseren Einkommensklassen stimmen für Macron, die unteren für Le Pen oder Mélenchon.“

Frankreich-Wahl 2022: Es riecht nach Klassenkampf

Das riecht vielleicht noch stärker nach Klassenkampf als der alte Rechts-Links-Kontrast und weckt ungute Erinnerungen an die „Gelbwesten“-Bewegung. Die Entwicklung ist in Frankreich nicht neu, sie hat sich seit langem abgezeichnet. Vollendet wurde die Zerstörung der Altparteien durch Macrons Bewegung „En marche“, die als Hauptinhalt die Initialen ihres Gründers trägt.

Der wiederkandidierende Präsident musste sich am Montag vor der Presse verteidigen, er habe die etablierten Parteien zerstört. „Das ist nicht meine Verantwortung, das ist der Wählerwille“, erklärte er. Wenn der Präsident nun von besonnenen Stimmen bedrängt wird, dann auch wegen der Angst vor einem Wahlsieg Le Pens in zwei Wochen. Das Programm des Präsidenten ist dünn und ambivalent, sein Wahlkampfeinsatz war bisher dürftig.

Anders Le Pen: Sie verströmt derzeit Energie und steht für viele für eine echte Alternative. Das macht die Lage ungemütlich. Macron hat zwar taktisch brillant seine Konkurrenz in der politischen Nachbarschaft ausgeschaltet. Damit stärkte er aber indirekt auch die Radikalpopulist:innen. Eine davon, Marine Le Pen, könnte ihm in zwei Wochen sogar zu stark werden. (Stefan Brändle)

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