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Völkermord

Genozid an Herero und Nama: Europäische Reuewelle kündigt neue Ära an

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Die Abbitten Frankreichs und Deutschlands sind das Ende des Gedächtnisverlusts der ehemaligen Kolonialnationen. Der Leitartikel.

Die Gewissen fangen an zu beißen. Am Donnerstag entschuldigte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während eines Besuchs in Ruanda für die Mitverantwortung seines Landes am Völkermord in dem zentralafrikanischen Staat – knapp einen Tag später schlug sich Bundesaußenminister Heiko Maas für den deutschen Genozid an den namibischen Völkern der Herero und Nama vor die Brust.

Die beiden Abbitten mögen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Schließlich ereignete sich der französische Fehltritt vor 27, der deutsche vor 117 Jahren. Trotzdem kündigt die europäische Reuewelle eine neue Ära an: Das Ende des arroganten Gedächtnisverlusts der ehemaligen Kolonialnationen.

in Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama.

Genozid an Herero und Nama: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika

Das deutsche Mea Culpa bahnte sich schon seit einiger Zeit an: Hundert Jahre nach dem „Verlust“ der Ex-Kolonie im Südwesten Afrikas hatte Berlin 2015 erstmals eingeräumt, dass es sich bei dem Feldzug der „Schutztruppen“ in „Deutsch Südwest“ um einen Völkermord gehandelt habe. Das war keineswegs unumstritten: Als General Lother von Trotta mit seinem „Vernichtungsbefehl“ am 2. Oktober 1904 die Ausrottung der Herero angekündigt habe, habe er damit nur gegenüber Berlin und der afrikanischen Bevölkerung den starken Maxen markiert, wird eingewandt. Seine kümmerlichen Truppen seien nicht in der Lage gewesen, ein Volk zu vernichten.

Die Frage mag für Völkerrechtshistoriker interessant sein: Angesichts der Ermordung fast der Hälfte aller Herero – unter anderem in eigens eingerichteten Konzentrationslagern – fällt es schwer, von etwas anderem als einem Völkermord zu reden.

Jahrzehntelang hatte sich die Bundesregierung um die Anerkennung des Genozids gedrückt – weniger aus moralischen als aus finanziellen Gründen. Warum jüdischen Überlebenden des Holocausts Entschädigung zukam, während afrikanischen Hinterbliebenen eines Völkermords diese vorenthalten blieb, war kaum zu rechtfertigen.

Bundesaußenminister Heiko Maas hat sich für den deutschen Genozid an den namibischen Völkern der Herero und Nama entschuldigt.

Von direkter Entschädigung der Herero und Nama ist erneut keine Rede

Dabei nutzte Berlin auch zynischen einen Umstand aus: Weil die Herero und Nama nicht zuletzt wegen des Genozids im 1990 demokratisch gewordenen Namibia weder in der Mehrheit noch an der Regierung waren, blieb Berlin ein Türchen offen. Die deutsche Diplomatie verwies darauf, dass dem jungen afrikanischen Staat mit Entwicklungshilfe mächtig unter die Arme gegriffen werde – und die von Ovambo dominierte Regierungspartei Swapo bestärkte sie darin. Sie hatte kein Interesse an einer direkten Entschädigung der Herero und Nama: Schließlich standen diese der Swapo-Regierung eher feindselig gegenüber.

Auch die jetzt gefundene Vereinbarung zwischen der deutschen und namibischen Regierung krankt an diesem Detail. Wieder spricht Berlin dem nur 2,5 Millionen Einwohner zählenden Halbwüstenstaat die Finanzierung von Entwicklungsprojekten in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro zu – von direkter Entschädigung der Herero und Nama ist erneut keine Rede.

Deutschland könnte Schuld an Herero und Nama auf direktere Weise gutmachen

Herero-Vertreter sind deshalb alles andere als zufrieden: Wieder einmal seien sie von der eigenen Regierung verraten worden, schimpft Herero-Chef Vekuii Rukoro: „Diese Vereinbarung sühnt das Blut unserer Vorfahren nicht.“ Rukoro war nie an den deutsch-namibischen Verhandlungen beteiligt.

Berlin findet, direkte Entschädigungszahlungen an Herero und Nama könnten die ethnische Unwucht Namibias verschlimmern, die die Schutztruppe einst angerichtet hatte. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Doch zumindest auf eine Weise könnte Deutschland seine Schuld gegenüber den Herero und Nama auch auf direktere Weise wieder gutmachen. Indem ihnen von weißen Farmern erworbenes Land zur Verfügung gestellt wird. Das ist der Grund und Boden, den Deutsche ihnen einst stahlen.

Noch heute befinden sich rund 70 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Namibias in der Hand weißer Farmer, während die Mehrheit der Herero und Nama weiter in Reservaten oder in den Slums der Städte wohnt. Gut möglich, dass die Swapo-Funktionäre auch einen solchen Deal nicht gerne sehen. Ein paar Bedingungen muss sich allerdings auch die namibische Regierung gefallen lassen.

Völkermord an den Herero und Nama
Wo?Kolonie Deutsch-Südwestafrika
Wann?1904 bis 1908

Kolonialzeit: Die europäische Reuewelle wird hoffentlich weiter gehen

Berlins zögerliche Schritte zur Wiedergutmachung werden nicht nur in Windhuk argwöhnisch beäugt, auch in europäischen Hauptstädten runzeln viele die Stirn. Schließlich handelt es sich bei dem deutschen Schuldeingeständnis um das erste einer Kolonialmacht. Doch auch das britische Empire sowie Frankreich und Portugal gingen bei der Kolonialisierung Afrikas nicht gerade zimperlich vor.

Den Briten wird sowohl bei der Niederschlagung des kenianischen Mau-Mau-Aufstands wie in den beiden südafrikanischen Burenkriegen verbrecherisches Vorgehen vorgeworfen – wie sich französische Soldaten während des Algerienkriegs schwere Menschenrechtsvergehen zuschulden kommen ließen. Das Berliner Mea Culpa hat einen Damm gebrochen: Die europäische Reuewelle wird hoffentlich weiter gehen. Und zwar keineswegs gratis. (Johannes Dieterich)

Rubriklistenbild: © Jürgen Bätz/dpa

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