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Wannseekonferenz: Wer in der Corona-Pandemie Nazi-Vergleiche zieht, sollte das Protokoll lesen

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Von: Stephan Hebel

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Ein Raum in der Gedenkstätte Villa am Großen Wannsee, wo 1942 die Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ organisierten.
Ein Raum in der Gedenkstätte Villa am Großen Wannsee, wo 1942 die Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ organisierten. © dpa

Vor 80 Jahren trafen sich am Wannsee führende Nazis, um die „Endlösung der Judenfrage“ zu besprechen. Wer heute Nazi-Vergleiche bemüht, sollte das Protokoll mal lesen. Der Leitartikel.

Die deutsche Sprache stellt manchmal ziemlich gefährliche Fallen. Zum Beispiel mit dem Wort „vergleichen“: Dummerweise enthält es die Silbe „gleich“, wodurch leicht das Missverständnis entsteht, dass zwei Dinge gleichsetze, wer sie miteinander vergleicht.

So kommt es, dass die Unsitte, gegenwärtige Zustände mit den Verhältnissen der Hitlerzeit gleichzusetzen, landläufig als „Nazi-Vergleich“ bezeichnet wird. Dabei sollten wir ruhig mal vergleichen – denn nur dann wird klar, wie unsinnig Gleichsetzungen sind. Sie verharmlosen den Holocaust und dämonisieren die gegenwärtigen Verhältnisse, statt sie vernünftig zu kritisieren. Tun wir für einen Moment mal ahnungslos in Sachen Geschichte und stellen uns folgendes vor: Die Regierung eines Landes hat sich entschieden, einen Teil der Bevölkerung zu vernichten. Im Geheimen treffen sich wichtige Funktionäre, um die Fortsetzung dieses Verbrechens, das längst im Gange ist, zu planen. Die Bevölkerungsgruppe, um die es geht, wird schon seit Jahren verfolgt, diskriminiert, an Leib und Leben bedroht. Jetzt aber soll der teuflische Plan der Vollendung zugeführt werden.

Protokoll der Wannseekonferenz ist eines der erschreckendsten Dokumente des Holocaust

Das ist keine Verschwörungstheorie, es ist die Geschichte der ganz realen Verschwörung eines verbrecherischen Regimes, das – unterstützt oder geduldet von großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft – eine Minderheit zum Sündenbock für alle Übel der Welt erklärt hat. Und dem es so gelungen ist, sich Gefolgschaft für seine eigenen Menschheitsverbrechen zu sichern.

Das Protokoll des erwähnten Treffens, der „Wannseekonferenz“ vor 80 Jahren, ist im Internet leicht zu finden. Es stellt in seinem bürokratischen, die „Endlösung der Judenfrage“ fast beiläufig benennenden Ton eines der erschreckendsten Dokumente des Holocaust dar.

Um nur ein Beispiel zu nennen: In einem Absatz geht es um die Deportation von Jüdinnen und Juden in den Osten, wo sie zur Zwangsarbeit getrieben werden sollen – was vielfach tödliche Folgen hatte. Im Protokoll klingt das so: „In großen Arbeitskolonnen … werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird.“

Protokolle und Dokumente auf der Website der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz

Corona-Impfgegner:innen vergleichen sich mit Jüdinnen und Juden

Massenmord, protokolliert als „natürliche Verminderung“: Kann, wer das liest, noch glauben, dass es im Deutschland des Jahres 2022 Menschen gibt, die sich wegen einer bestehenden Masken- und einer möglichen Impfpflicht mit den damals verfolgten, gequälten, vergasten Jüdinnen und Juden vergleichen?

Ja, die gibt es. Sie ersetzen die zynische Inschrift am Tor des Vernichtungslagers Auschwitz („Arbeit macht frei“) durch die Worte „Impfen macht frei“. Sie tragen Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“. Sie behaupten, in einer Diktatur zu leben oder unter der Herrschaft des Finanzkapitals, bei dem das Wort „jüdisch“ oft auch mitschwingt, wenn es nicht ausgesprochen wird.

Schweigen wird Verschwörungsfantasien auf Corona-Demos kein Ende machen

Das haben wir inzwischen bis zum Überdruss gehört, und oft genug haben wir gehört, dass die schweigende Mehrheit „nicht still bleiben“ dürfe, „wenn Extremisten die Axt ans demokratische Urvertrauen legen“ – wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier es am Mittwoch wieder formuliert hat. Warum also noch einmal eingehen auf den verlogenen Missbrauch der Geschichte?

Die Antwort: Weil Schweigen den von der extremen Rechten eingeflüsterten Verschwörungsfantasien der Demonstrierenden kein Ende machen wird. Weil diese Fantasien jede sachliche Kritik am realen und gegenwärtigen Versagen von Politik zu übertönen drohen. Und weil der Jahrestag der Wannseekonferenz einen Anlass bietet, daran zu erinnern, dass Aufklärung not tut, auch 80 und wahrscheinlich auch noch 100 Jahre „danach“.

Ein Film von äußerster Nüchternheit und Reduktion: Die Produktion des ZDF-Films „Die Wannseekonferenz“ ist von dem Historiker Peter Klein auf den aktuellen Forschungsstand gebracht worden.

Anderer Umgang mit Nationalsozialismus braucht auch Debatte über Corona-Politik

Es wird der Lage nicht gerecht, die Bevölkerung in die Minderheit der Extremisten und die Mehrheit mit dem „demokratischen Urvertrauen“ aufzuteilen, wie Steinmeier das tut. Dass die äußerste Rechte den „Nazi-Vergleich“ entdeckt hat, um von ihrem sehr heutigen faschistoiden Gedankengut abzulenken, ist das eine. Aber die Anfälligkeit fürs Gleichsetzen geht über diese Kreise offensichtlich hinaus – auch ein Demokrat wie der Linken-Präsidentschaftskandidat Gerhard Trabert ist gerade in das Fettnäpfchen getreten.

Der Umgang mit dem Nationalsozialismus ist offenbar bis heute von einer teils gezielten, teils unbewussten Verharmlosung geprägt. Wer das ändern will, braucht zweierlei: die Vermittlung historischen Wissens, für die sich unter anderem das Protokoll der Wannseekonferenz gut eignet – und eine kritische Debatte auch über die Corona-Politik, die zeigt, dass es auch anders geht als mit hanebüchenen historischen Gleichsetzungen. Dass es an beidem fehlt – das ist die große Gefahr für ein Staatswesen, das aus der Geschichte gelernt haben will. (Stephan Hebel)

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