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Leitartikel

Desaster in Afghanistan: Lange Liste von Fehlern führt zum Scheitern des Westens

  • Andreas Schwarzkopf
    VonAndreas Schwarzkopf
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Der Konflikt in Afghanistan ist nach dem Sieg der Taliban nicht zu Ende. Nicht nur Europa wird noch lange mit den Folgen zu tun haben. Der Leitartikel.

Kabul - Selten war eine Niederlage so absolut wie in Afghanistan. Viele Menschen stehen dort nach dem Sieg der Taliban vor dem Nichts, andere fürchten um ihr Leben. Sie fühlen sich obendrein zu Recht im Stich gelassen von einer Regierung, die erst den angekündigten Rückzug der USA und ihrer Verbündeten nicht ernst nahm und dann statt eine Strategie gegen den Vormarsch der Dschihadisten zu entwickeln, lieber an einem Fluchtplan für sich arbeitete.

Kein Wunder also, dass die Armee ohne politische Führung und ohne die Unterstützung der US-Einheiten und geschwächt durch eine teilweise korrupte Offiziersriege keine besonders große Kampfmoral entwickelt hat. Auch die USA waren mit ihrem in Teilen wenig umsichtigem Rückzug keine Hilfe, sondern haben den Vormarsch der Aufständischen ungewollt befördert. Dieses Bild des chaotischen Rückzugs fügt sich in die lange Liste von Fehlern der vergangenen 20 Jahre.

Die Taliban erklären sich siegreich in Afghanistan.

Dramatische Fehleinschätzung der USA und der Verbündeten in Afghanistan

Bedauerlicherweise hat der Westen kaum daraus gelernt. Da ist die Hybris der US-Amerikaner und ihrer Verbündeten, die Demokratie nach Afghanistan und auch in den Irak exportieren zu wollen. In beiden Fällen ist der Westen gescheitert.

Vor allem in Afghanistan haben sie die Komplexität des Problems unterschätzt. Dem US-geführten internationalen Bündnis ist es nicht gelungen, eine angemessene Strategie zu entwickeln. Sie haben es auch versäumt zu beschreiben, wann sie was erreichen wollen. Zusätzlich haben sie ihr Vorgehen kaum überprüft. Das erklärt die dramatische Fehleinschätzung der USA und der Verbündeten. Sie gingen fälschlich davon aus, dass die zahlenmäßig überlegene afghanische Armee die Taliban mit deutlich weniger Kämpfern schon im Zaum halten wird.

Afghanistan: USA, Großbritannien und Deutschland haben keinen Plan B

Und nun wird ein weiterer Fehler offenbar. Der Westen hat keinen Plan B. Den USA, Großbritannien und Deutschland scheint es zwar noch zu gelingen, ihre Staatsangehörigen und einige Tausend Ortskräfte auszufliegen. Es könnten allerdings mehr sein, wenn die rot-schwarze Bundesregierung in den letzten Wochen nicht so viel Zeit damit verplempert hätte, diesen Prozess mit internen Machtkämpfen zu behindern.

Aber auf die schlechteste aller Entwicklungen in Afghanistan sind die Alliierten nicht vorbereitet. Sie haben mit dem Rückzug des Militärs nicht nur das entscheidende Machtmittel aus der Hand gegeben, sie wissen auch nicht, was sie nun erreichen können und wollen. Und bisher erwecken die Taliban auch nicht den Eindruck, als wollten sie die finanziellen Hilfen des Westens im Gegenzug von Konzessionen in Anspruch nehmen. Sie haben den Taliban also nichts mehr entgegenzusetzen.

China und Russland füllen neben Taliban das Machtvakuum in Afghanistan

Für die Folgen werden vor allem Afghaninnen und Afghanen teuer bezahlen. Die Taliban werden Frauen und allen, die die gestürzte Regierung oder die Staaten des internationalen Bündnisses unterstützten, das Leben sehr schwer machen. Selbst wenn sich im Idealfall die sogenannten moderaten Kräfte innerhalb der Taliban durchsetzen und das neue Regime keine Schreckensherrschaft wie in den 1990er Jahren errichtet, wird es mit den bisherigen Freiheiten für die Menschen am Hindukusch vorbei sein.

Neben den Taliban werden noch China und Russland das Machtvakuum füllen, das der Rückzug des Westens hinterlassen hat. Peking und Moskau werden allerdings ihre ökonomischen oder geostrategischen Ziele verfolgen und weniger die Interessen der Menschen in Afghanistan.

Machtübernahme der Taliban: Folgen für Europa dürften dramatischer sein als für Joe Biden

Die Folgen für US-Präsident Joe Biden werden deutlich weniger dramatisch. Schließlich sind die US-Bürgerinnen und -Bürger nach zwei Jahrzehnten kriegsmüde und mehrheitlich der Ansicht, der Rückzug ist richtig. Und noch geht Washington davon aus, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr mehr ausgeht.

Die Folgen für Europa dürften dramatischer sein. Denn viele Afghaninnen und Afghanen werden flüchten - erst in die Nachbarstaaten Iran und Pakistan, dann nach Deutschland und in andere EU-Staaten.

Afghanistan: Europa muss Flüchtende aufnehmen

Der alte Kontinent sollte also rasch seine Flüchtlingspolitik verbessern und sich darauf vorbereiten, mehr Menschen aufzunehmen. Sollten die bekannten Staaten wie Polen eine gemeinsame Flüchtlingspolitik weiter blockieren, sollten Deutschland und andere EU-Mitglieder im Alleingang die Flüchtlinge aufnehmen.

Moralisch lässt sich das rechtfertigen, weil Deutschland mitverantwortlich ist für das Schlamassel am Hindukusch. Zusätzlich benötigt das Land ohnehin Zuwanderung. Das hat jüngst selbst ein Konservativer Hardliner wie Friedrich Merz gesagt. (Andreas Schwarzkopf)

Rubriklistenbild: © Stringer/imago

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