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Kopftuch in Deutschland: Deplatzierte Debatte über Verbote

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Von: Ursula Rüssmann

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Die DIK ist es, die verbreiteten Vorurteilen gegenüber Muslim:innen immer wieder mal einen nüchternen, zurückgelehnten Blick auf die hochdiverse Realität dieser Bevölkerungsgruppe entgegensetzt.
Die DIK ist es, die verbreiteten Vorurteilen gegenüber Muslim:innen immer wieder mal einen nüchternen, zurückgelehnten Blick auf die hochdiverse Realität dieser Bevölkerungsgruppe entgegensetzt. (Archivbild) © Monika Skolimowska/dpa

Muslim:innen sind einem Anpassungs- und Ausgrenzungsdruck ausgesetzt wie keine andere Gruppe Zugewanderter. Ein Blick auf die hochdiverse Realität dieser Bevölkerungsgruppe lohnt sich. Ein Kommentar.

Allein Studien wie die jetzt vorgelegte über den Alltag und die Haltungen von Muslim:innen hierzulande zeigen, warum die oft umstrittene Deutsche Islam-Konferenz dringend notwendig ist. Denn die DIK ist es, die verbreiteten Vorurteilen gegenüber Muslim:innen immer wieder mal einen nüchternen, zurückgelehnten Blick auf die hochdiverse Realität dieser Bevölkerungsgruppe entgegensetzt. Umso bedauerlicher ist allerdings, dass diese differenzierte Sicht so wenig Eingang in politische Debatten und Reformdiskurse findet. Vielmehr sehen sich Muslime und Musliminnen einem Anpassungs- und Ausgrenzungsdruck ausgesetzt wie keine andere Gruppe Zugewanderter.

Greifen wir die religiöse Praxis und das Reizthema Kopftuch heraus. Die Befragung zeigt: Sehr viele Muslim:innen halten sich zum Beispiel an religiöse Ernährungsvorschriften, nur wenige gehen aber regelmäßig in die Moschee. Jede:r nach seiner und ihrer Façon, könnte man sagen. Nur eine Minderheit der Frauen wiederum trägt das Kopftuch, und vor allem schrumpft der Anteil der Trägerinnen, je jünger die Frauen sind. Verhüllung aus religiösen Gründen befindet sich offenbar auf dem Rückzug.

Kopftuch-Streit: Wer glauben und das auch nach außen zeigen will, muss das weiterhin dürfen

Damit zeigt sich in der muslimischen Bevölkerungsgruppe die gleiche Tendenz, die wir auch gesamtgesellschaftlich beobachten: Menschen wollen heute selbstbestimmter leben, auch wenn es um Religion geht, und trauen sich das auch zu. Die Deutungshoheit religiöser Instanzen wird kaum noch als gottgegeben hingenommen. Die Kirchen können ein Klagelied davon singen, und die Moscheen eben auch, wie die Studie zeigt.

Nimmt man diese gesellschaftliche Entwicklung ernst, entpuppen sich die hitzigen Debatten um das Kopftuchtragen und die Rufe nach Verboten als deplatziert und anachronistisch. Aber es geht um noch viel mehr.

Selbstbestimmt leben heißt auch: Wer glauben und das auch nach außen zeigen will, muss das weiterhin dürfen, auch wenn er oder sie zu einer immer kleineren Minderheit gehört. So schreibt es das Grundgesetz vor. Muslim:innen hierzulande, gerade auch viele jüngere, hier verwurzelte und gut ausgebildete, wissen genau um diese Versprechung, sie nehmen sie selbstbewusst für sich in Anspruch – und sie registrieren mit wachsender Frustration, dass die Realität eine andere ist. Nachweisliche berufliche Diskriminierungen junger Frauen, die das Kopftuch tragen wollen, sind das eine; verbreitetes Misstrauen, ja oft Feindseligkeit gegenüber muslimischer Religiosität insgesamt das andere. Es ist verdienstvoll, dass die Studie hier versucht, gegenzusteuern. Bleibt zu hoffen, dass sie vielfach gelesen wird. (Ursula Rüssmann)

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