Moria ist komplett zerstört.
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Moria ist komplett zerstört.

Lesbos

Moria brennt schon lange – doch die Brandstifter sitzen auch in Europa

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Die EU und ihre Mitgliedsländer haben die explosive Lage im Lager Moria geduldet. Sie passte zur Politik der Abschreckung. Damit muss sofort Schluss sein. Ein Kommentar.

  • Im Lager Moria ist eine Katastrophe eingetreten.
  • Das Camp ist durch ein Feuer vollständig zerstört worden.
  • Deutschland müsste nun die Vorreiterrolle in der EU übernehmen und Menschen aufnehmen.

Hätte sich jemand ein Szenario der Eskalation ausdenken wollen, es hätte ziemlich genau so ausgesehen: Menschen, die eine gefährliche Flucht hinter sich haben, werden am Rande Europas in einem viel zu kleinen Lager zusammengepfercht. Die Europäische Union inszeniert einen ewigen Streit, der nur ein konkretes Ergebnis hat: Die Geflüchteten müssen warten, warten, warten. Ohne Raum zum Bewegen, zum Hoffen, zum Schutz vor dem Virus, das sich unter ihnen auszubreiten beginnt. Eines wäre klar gewesen: Irgendwann kommt es zur Katastrophe.

Jetzt ist sie da, die Katastrophe, oder besser gesagt: Sie ist sichtbar geworden in Form lodernder Flammen über dem Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Brandstiftung ist nicht zu rechtfertigen. Aber Ursachen lassen sich sehr wohl finden. Im übertragenen Sinne lässt sich sagen: Gebrannt hat es dort schon lange. Und die symbolischen Brandstifter sitzen nicht nur in Warschau oder Budapest, sie sitzen auch in Brüssel und in Berlin.

EU hat das Elend im Lager Mora geduldet - Deutschland müsste Menschen aufnehmen

Niemand wird der EU und ihren Mitgliedsländern zugute halten können, sie hätten die explosive Lage auf Lesbos nicht gesehen. Sie haben sie gesehen, aber sie haben das Elend geduldet. Dass die Verhältnisse dort womöglich eine abschreckende Wirkung auf nachkommende Migrantinnen und Migranten haben könnten, passte nur allzu gut zu der Flüchtlings-Abschreckungspolitik, die Europa seit Jahren betreibt – nur unterbrochen von der einen, mehr oder weniger erzwungenen Ausnahme des Jahres 2015, als Deutschland darauf verzichtete, die eigene Grenze vor Hunderttausenden, die fast schon da waren, zu schließen.

Zwei Folgen müsste das Feuer jetzt haben: Kurzfristig müsste Deutschland endlich die Vorreiterrolle in einem unwilligen Europa übernehmen – und die Menschen aus Moria in einer humanitären Geste aufnehmen. Alle. Wer glaubt, das überfordere unser Land, fällt auf die Rhetorik der Abwehr herein, mit der er der AfD lange Zeit nach dem Munde geredet hat – Grüße an den Seehofer Horst.

Die Wirtschafts- und Handelspolitik der EU beseitigt keine Fluchtursachen, sondern schafft sie

Was dann – zweitens – auf längere Sicht zu geschehen hätte, liegt seit Jahren auf dem Tisch: legale Zugangswege, gesteuerte Aufnahme in wesentlich größerer Zahl als derzeit, Ende einer Wirtschafts- und Handelspolitik, die Fluchtursachen nicht beseitigt, sondern schafft.

Das ist illusorisch? Im Moment sieht es fast so aus. Aber wer schulterzuckend darauf hinweist, eine humane Politik würde nur wieder die ganz Rechten stärken, denkt nicht pragmatisch, sondern zynisch. Und verdient nur eine Antwort: Wenn ihr Werte habt, kämpft auch dafür. (Von Stephan Hebel)

Nachdem das Feuer in Moria mittlerweile gelöscht worden ist, hat Deutschland Griechenland offiziell Hilfe angeboten. Außerdem steht Griechenland im Verdacht, Geflüchtete mit Gewalt ins türkische Gewässer zurückgedrängt zu haben. Daniel Kubirski war als Fotograf auf der „Mare Liberum“, dem Schiff der Berliner NGO. Auch Moria besuchte er.

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