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Militär gegen Terror? Was Afrika wirklich braucht

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Von: Johannes Dieterich

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Szene aus Malis Hauptstadt Bamako.
Szene aus Malis Hauptstadt Bamako. © Florent Vergnes/afp

Der Militäreinsatz in Mali hat den Terror nicht besiegt. Aber die Menschen in der Region alleinzulassen, ist keine Alternative. Der Leitartikel.

Warum ausgerechnet jetzt? Der erste Putsch des malischen Militärmachthabers Assimi Goïta fand vor eineinhalb Jahren statt. Seit Jahren zeichnet sich ab, dass Frankreichs „Krieg gegen den Terror“ in der Sahelzone nicht zum erwünschten Erfolg führt. Und ebenfalls seit Jahren steht fest, dass der Drill malischer Soldaten durch europäische Ausbilder zumindest nutzlos, wenn nicht sogar schädlich ist.

Trotzdem wird der Chor jetzt auch in Deutschland immer lauter, der einen Abzug aller Bundeswehrsoldaten aus dem westafrikanischen Unruhestaat fordert. Unseren „Jungs und Mädels“ sei ein Einsatz in dem immer heißer werdenden Hotspot nicht länger zuzumuten, heißt es.

Dass sich die Debatte dermaßen zuspitzt, hat in erster Linie mit den Beziehungen zwischen Paris und Bamako zu tun. Nach dem Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan fürchtet Malis Militärmachthaber, dass ihm dasselbe Schicksal wie Präsident Hamid Karzai in Kabul ereilen könnte. Er lud deshalb 500 Söldner der russischen Wagner-Truppe ein, die ihm sowohl Schutz als auch ein wertvolles Unterpfand bieten sollten. „Wenn ihr geht, dann kommen die Russen.“

Paris reagierte darauf noch beleidigter als auf die wachsenden antifranzösischen Kundgebungen in seiner Ex-Kolonie. Im Kampf gegen die Dschihadisten seien bereits 53 französische Soldaten gefallen, hieß es, und das sei nun der Dank dafür. Die Verstimmung erinnert an Eltern, deren Kinder mit der ihnen entgegengebrachten Liebe unzufrieden sind: Dass mit der angeblichen Liebe etwas faul sein könnte, vermögen die beleidigten Eltern nicht zu sehen. Dabei verfolgt Malis Bevölkerung seit Jahren, wie Frankreichs Kampf immer sinnloser wurde: Der Terror verschwand nicht, er breitet sich aus.

Macron: Manöver vor der Wahl

Nun nutzt Paris die Weigerung der malischen Putschisten, in absehbarer Zeit Wahlen abzuhalten, zu eigenen Zwecken aus. Im April wird in Frankreich gewählt, und Emmanuel Macron darf sich gegenüber der Rechten keine Blöße geben. Der Präsident wird in den nächsten zwei Monaten den Anschein erwecken, als ob der Abzug der französischen Soldaten beschlossene Sache sei: Was nach der Wahl tatsächlich kommt, weiß keiner.

Und Berlin? Dort schickt man sich an, dem Un-Kurs des europäischen Nachbarn artig zu folgen. Dabei ist die Bundeswehr weder am französischen Kampf gegen den Terror beteiligt, noch sind die Beziehungen zwischen Mali und Deutschland durch den Kolonialismus beschädigt. Deutsche Regierungen haben sich 75 Jahre lang stets hinter Frankreich oder Großbritannien versteckt, wenn es um Afrika ging, keineswegs immer zum Wohl und Gefallen der Afrikaner, die sich ein eigenständiges deutsches Auftreten gewünscht hätten. In Mali bestünde jetzt die Chance dazu.

1100 von 1400 Bundeswehrsoldat:innen sind im Rahmen der UN-Mission Minusma in Mali stationiert. Ihr Auftrag ist es weder, Terroristen zu jagen, noch die Militärregierung zu stützen: Sie sollen – gemeinsam mit rund 14 000 weiteren Blauhelmen – die 20 Millionen Malier:innen beschützen. Vor den Extremisten, vor ethnischen Konflikten, vor den eigenen Soldaten. Das mag schwierig und oft sogar ausgeschlossen sein: Fest steht jedoch, dass es ohne Blauhelme noch schlimmer aussehen würde.

Die Menschen in Mali brauchen Schutz

Minusma wegen des Verhaltens der malischen Militärregierung abzubrechen, käme dem Abbruch eines Feuerwehreinsatzes wegen der Hitzeentwicklung gleich. Nach zwei Militärcoups sind die Malier nicht auf weniger, sondern auf mehr Schutz angewiesen. Allein schon, weil den Obristen auf keinen Fall gelingen wird, was den Franzosen nicht gelang – ein militärischer Sieg über die Islamisten. Malis Militärmachthaber werden sich auf ihre Bastionen zurückziehen, in denen sie sich – wie die Herrschenden in der Zentralafrikanischen Republik – notfalls auch von den Wagner-Söldnern beschützen lassen. Den Rest des Landes fressen die Hunde.

Christine Lambrecht sagte am Dienstagabend eine geplante Mali-Reise in letzter Minute ab, weil sich ein Mitarbeiter angeblich das Coronavirus einfing. Der Verteidigungsministerin muss das gerade recht gekommen sein: Sie wollte sich ohnehin vor einem Treffen mit dem malischen Militärchef Goïta drücken und lediglich die in Gao stationierten „Jungs und Mädels“ treffen. Ein netter PR-Termin – eine verantwortliche und profilierte Afrika-Politik, die sich die neue Koalition auf die Fahne geschrieben hat, sieht anders aus.

Wer sich auf den komplizierten Kontinent wagt – und dafür gibt es außer der europäischen Flüchtlingspolitik noch viele andere existenzielle Gründe –, muss sein Herz in die Hand nehmen und in eine von Militärmachthabern, gewissenlosen Bergbaukonzernen, Dschihadisten und korrupten Politikern bevölkerte Welt eintauchen.

Nur dort sind auch die mehr als 1,2 Milliarden Afrikaner:innen zu finden, die auf die Unterstützung eines verlässlichen europäischen Partners angewiesen sind. Ihnen und nichts anderem hat eine verantwortliche Afrika-Politik zu gelten.

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