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Kunst-Skandal bei der documenta: Mehr Chaos als Kunst

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Von: Lisa Berins

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Die Generaldirektorin der Documenta hat versagt. Ihr Weggang ist für die Rettung der weltweit bedeutsamen Ausstellung unvermeidlich.

Kassel - Wie es ist, wenn einem alles aus den Fingern gleitet, das hat Sabine Schormann zu spüren bekommen. Nicht dass die Generaldirektorin der Documenta es nicht in der Hand gehabt hätte. Sie hat die Chance nicht genutzt. Jetzt ist es zu spät. Der Ruf der documenta fifteen ist ruiniert. Die Documenta-Chefin hat die Ausstellung, die zu den wichtigsten der Welt für zeitgenössische Kunst zählt, derart geradlinig vor die Wand krachen lassen, dass man sich fragt: War dort jemand in einen Monate andauernden Sekundenschlaf verfallen? Saß überhaupt wer am Steuer?

Schon seit Januar hatte es Befürchtungen gegeben, dass es antisemitische Inhalte auf der Weltkunstausstellung geben könnte. Man hätte offen damit umgehen, das Gespräch suchen können – nicht nur hinter den Kulissen, sondern davor; mit einer engagierten und interessierten Öffentlichkeit. Nicht können; müssen. Aber stattdessen hat die Generaldirektorin versucht, die Sache kleinzuhalten, sie irgendwie intern zu regeln, wobei „regeln“ zu viel gesagt ist. In Wirklichkeit wurde auf nachlässige Art versucht, ein riesiges Problem unter den Teppich zu kehren. Es so gut es geht auszusitzen.

Documenta in Kassel: Nebelkerzen für die Öffentlichkeit

Und für die Öffentlichkeit wurden Nebelkerzen gezündet, nach dem Motto: Schaut her, wir tun jetzt was! Eine Diskussion mit dem Titel „We need to talk“ wurde angekündigt und schnell wieder abgesagt. Angeblich hätte das Kuratorenkollektiv Ruangrupa Angst gehabt, dass es im Vorhinein eine Zensur geben könnte. Aber wäre es dann nicht Aufgabe einer Documenta-Chefin gewesen, ihnen diese Angst zu nehmen? Den Dialog konstruktiv zu führen, die interkulturellen Stolpersteine zu erkennen und sie beim Namen zu nennen? Auf strafrechtliche Aspekte hinzuweisen?

Mehr Chaos als Kunst: Ein Fazit aus dem documenta-Skandal.
Mehr Chaos als Kunst: Ein Fazit aus dem documenta-Skandal. (Archivbild) © Uwe Zucchi/dpa

Das indonesische Kollektiv Taring Padi, das ziemlich naiv ins offen herumliegende Messer gelaufen ist, hätte es ihr vermutlich gedankt. Die Besucherinnen und Besucher, die sich auf ein neues, gewagtes Documenta-Experiment gefreut haben, hätten es ihr ebenfalls gedankt. Und die Journalistinnen und Journalisten erst: Sie hätten darüber schreiben können, wie fruchtbar die internationale Diskussion über Antisemitismus ist, und, wer weiß, vielleicht hätten sie sogar mal über die Kunst schreiben können. Zum Beispiel über das Konzept der Documenta, das Gemeinsame, das Kollektiv zu feiern. Oder über Künstlerinnen und Künstler, die nachdenkenswerte Perspektiven nach Kassel bringen.

Der Gau bei der documenta15: Antisemitische Motive auf Banner in Kassel

Stattdessen kurz nach der Eröffnung: der GAU. Ein Banner mit antisemitischen Motiven tauchte auf, wo die Documenta-Leitung doch gerade erst versichert hatte, dass es so etwas auf der Documenta nicht geben würde. Dann das nächste Ablenkungsmanöver der Verantwortlichen: Externe Berater, zu denen Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, zählte, sollten weitere Werke auf der Ausstellung prüfen. Aber auf die Ankündigung folgte mal wieder nichts: Mendel war startklar, nur Schormann war nicht mehr zu erreichen. Stattdessen hatte die Chefin die Koordination der Aufarbeitung – die wichtigste aller wichtigen Aufgaben in diesem Moment – an das Documenta-Archiv übertragen. Warum? Was hat die Documenta-Generaldirektorin Besseres zu tun, als ihre eigene Ausstellung zu retten?

Schormann war jedenfalls weg. Von der Bildfläche verschwunden. Aufschluss über mögliche nächste Schritte der Documenta-Chefin wurden als zeitverzögerte Pressemitteilungen auf der Documenta-Homepage veröffentlicht. Das muss man sich als Person öffentlichen Interesses, die für ein kulturelles Aushängeschild Deutschlands steht, erst mal leisten können. Bei der einzigen Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus auf der Documenta – initiiert von der Bildungsstätte Anne Frank – saß sie nicht auf dem Podium, sondern stumm im Publikum. Und in einer Runde des Kulturausschusses des Bundes war sie auch nicht da; krankheitsbedingt entschuldigt.

Das Elend nahm seinen Lauf: Mendel und Steyerl sprangen noch vor der Stellungnahme ab

Dann nahm das Elend seinen Lauf: Mendel sprang ab. Die Künstlerin Hito Steyerl hinterher. Endlich kam eine Stellungnahme der Generaldirektorin. Wieder auf der Homepage der Documenta. Doch die geplante Ehrenrettung machte alles nur noch schlimmer: Schuld sind alle anderen. Einsicht gleich null.

Seit einiger Zeit hagelt es Forderungen, dass die Generaldirektorin gehen sollte. Tatsächlich spielt die Causa Schormann aber nur noch eine Nebenrolle - es geht um die Ehrenrettung der Documenta. „We need to talk“ - das bleibt das Motto. Aber jetzt bitte wirklich – und endlich vor dem Vorhang. (Lisa Berins)

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