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Interessante Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF). Unter den Gästen: Friedrich Merz von der CDU.
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Interessante Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF). Unter den Gästen: kontroverser Friedrich Merz von der CDU.

TV-Kritik

Markus Lanz (ZDF): Gereizter Friedrich Merz will nicht „über Currywurst“ reden

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Bundestagswahl 2021, Corona-Pandemie und der Klimawandel. Bei „Markus Lanz“ (ZDF) wurde über all das diskutiert. Einer der Gäste: Friedrich Merz (CDU).

Hamburg – Es ist schon erstaunlich: Gerade dann, wenn man denkt: Langsam wird es langweilig. Immer die ewig gleichen Gesichter im Corona-Debattierclub bei Markus Lanz … dann, ja, dann kann es doch noch eine halbwegs unterhaltsame und inhaltlich fruchtbare Talkshow werden! Wie an diesem Dienstag (14.09.2021) zu mitternächtlicher Stunde. Die ohnehin schon um zehn Minuten verspätete Ausstrahlung beginnt allerdings mit einem Malheur: Technische Probleme beim ZDF lassen die Sendung mitten im Gespräch des Moderators mit dem doppelt - 2018 und 2021 - als CDU-Parteivorsitzenden gescheiterten Juristen und Lobbyisten Friedrich Merz beginnen.

Wie bei einem alten Videorecorder werden dann für den verblüfften Fernsehzuschauer abrupt Bild (und Ton) auf den Anfang zurückgespult, und Markus Lanz stellt seine Studiogäste mit seiner gewohnten Floskel „schöne Runde“ vor, was beweist, dass es sich bei seinem auf „live“ getrimmten Diskussions-Format im Altonaer TV-Studio tatsächlich um eine Aufzeichnung handelt.

Friedrich Merz bei Markus Lanz (ZDF) zur Bundestagswahl 2021: „CDU kann das schaffen“

Nach diesem unfreiwillig holprigen Start nimmt der smarte Südtiroler den Beinahe-Kanzler-Kandidaten der Christlich Demokratischen Union fast 20 Minuten ins Kreuzverhör, wobei die anderen Gesprächsteilnehmerinnen - Jamila Schäfer (Vize-Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen), Yasmine M´Barek (Zeit Online-Redakteurin) und Prof. Helga Rübsamen-Schaeff (Virologin) - erst einmal Sendepause haben. „Das Triell“ der drei ??? Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) im Kampf um das Kanzleramt habe er am Sonntag bequem vom Sofa aus - natürlich - „mit großer Zustimmung für Armin Laschet“ verfolgt.

Als Ausschnitte von der anschließenden Party des von Ex-Dschingis-Khan-Sängers Leslie Mandoki und Schauspielerin Uschi Glas flankierten, elften Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen gezeigt werden, will Markus Lanz (ZDF) wissen, warum Friedrich Merz nicht mit dabei gewesen sei. Da giftet der sonst so sachliche Politiker zurück: „Herr Lanz, wollen wir mal über Themen sprechen, aber nicht über Currywurst! Ich muss doch nicht Schilder hochheben!“ Damit würde keine einzige Stimme gewonnen. Selbstkritisch räumt er ein, dass er Mitarbeiter habe, die ihm durchaus sagen dürften, dass er bei so manchem Auftritt auch mal „besser gewesen sein“ könnte.

Als Markus Lanz nachhakt, wird er allerdings nicht konkret. Die Grünen seien im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 überschätzt, die SPD hingegen unterschätzt worden. Umfragen traue er im Allgemeinen nicht, da sich viele Wähler:innen oftmals in buchstäblich letzter Sekunde entscheiden würden. Sein Credo „Wir können das schaffen!“ wird nicht nur von der jungen Journalistin Yasmine M´Barek als zu vorsichtig kritisiert. Markus Lanz, der Moderator mit dem Mut zur eigenen Meinung, befindet sogar, dass Selbstbewusstsein anders klingen würde.

Jamila Schaefer bei Markus Lanz (ZDF): Kritik gegen Menschenrechtsverletzungen in China

Friedrich Merz, der stolz darauf ist, „dass er aus dem Europaparlament kommt“ (ist allerdings schon lange her - das waren die Jahre 1989 - 1994), gesteht Fehler in den eigenen Reihen ein wie die „völlig verkorkste Maut-Geschichte“, zu der er es als Parteivorsitzender gar nicht erst hätte kommen lassen. Bei der Frage, wie die Politik in Deutschland mit China umgehen solle, dürfen sich endlich auch die weiblichen Gäste in die Diskussion mit einschalten. Die Volksrepublik sei für Friedrich Merz ein „autoritäres kommunistisches Regime“. Für ihn springe sie in die Lücke rein, „die die Amerikaner als Ordnungsmacht lassen“.

Markus Lanz wirft ein, Annalena Baerbock sehe das sicherlich anders. Laut Selbstaussage komme sie vom Völkerrecht. Da witzelt der CDU-Mann: „Sie kommt auf jeden Fall nicht vom Urheberrecht…“ Die erst 28-jährige Jamila Schäfer, die als Hoffnungsträgerin ihrer Partei gilt, teilt seine Ansicht der „Naivität in Teilen der deutschen Wirtschaft“, kritisiert aber noch mehr den Aspekt der Menschenrechtsverletzungen, vor allem im Umgang mit Taiwan, Hongkong und den turksprachigen Uiguren im heutigen chinesischen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, wo ganze Familien zwangsweise auseinandergerissen werden.

Markus Lanz (ZDF): Nato muss glaubwürdiger werden

Für sie müssten die Bundesregierung und NATO „glaubwürdiger“ werden bezüglich der Menschenrechte, auch in Europa. Der China-Tibet-Konflikt, bei dem die chinesische Regierung auch in der Autonomen Region Tibet (TAR) das Überwachungssystem mithilfe von digitalen Datenbanken und engmaschiger sozialer Kontrolle weiter ausgebaut hat, kommt in der Runde allerdings unverständlicher Weise überhaupt nicht zur Sprache.

Prof. Helga Rübsamen-Schaeff hingegen hat auch lobende Worte für „Das Reich der Mitte“. Es sei erstaunlich wie China in der pharmazeutischen Industrie aufgeholt habe: „Die haben im Ausland gelernt!“ Das man in diesem Fall mit China kooperieren könne, ja müsse, darüber sind sich ausnahmsweise alle einig.

Bundestagswahl 2021: Friedrich Merz spricht sich gegen Verbote von Atom- und Kohlekraftwerken aus

Nach einem kurzen, etwas chaotisch unergiebigen Exkurs über den Klimawandel, herkömmliche und alternative Energiegewinnung, bei dem sich Friedrich Merz („Deutschland war hier nie unabhängig von Importen, die 70 Prozent der Primärenergie ausmachen“) gegen weitere Verbote wie der Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken ausspricht, möchte Jamila Schaefer unbedingt in Zukunftstechnologien investieren.

Jedes neue Dach solle bis 2030 mit einer Solaranlage bestückt werden. Das sei „ambitioniert, aber durchaus machbar“. Yasmine M´Barek weiß hingegen: „Die neue Regierung wird nicht so schnell eine Entscheidung für erneuerbare Energien treffen“ - egal, wer an die Macht kommen würde.

Bundestagswahl 2021: Grüne Politikerin Jamila Schaefer rechnet mit „sinnlosen“ CDU-Maßnahmen ab

Danach zeigt der bisher so besonnene Friedrich Merz seine reaktionäre Seite. Markus Lanz konfrontiert ihn mit der neuen dänischen Regelung, in der Asylbewerber 37 Stunden in der Woche arbeiten müssen, und seiner eigenen Aussage bei der Langzeitarbeitslose „an der Krawatte gezogen werden sollen“. Wieder reagiert Friedrich Merz gereizt: „Ziehen Sie sich doch nicht an der Formulierung hoch!“ Dennoch möchte er Hartz-IV-Empfänger für die gewährten „öffentlichen Sozialleistungen“ zu „zumutbaren Beschäftigungen“ zwingen und „Sanktionen gegen sie aussprechen“, wenn sie sich dazu weigern sollten.

Jamila Schaefer lehnt solche „sinnlosen Maßnahmen“ eindeutig ab. Im CDU-Programm würde sie dagegen ein Plädoyer für Weiterbildungen der davon Betroffenen vermissen: „Wenn das Existenzminimum herunter gekürzt wird, aus welchen Gründen auch immer, ist das nicht die Politik, die die Menschenwürde in den Vordergrund stellt.“ Im Gegenteil: Lust und Motivation aus der Misere herauszukommen, verstärken solche „Bestrafungen“ erst recht nicht. Die Schere zwischen arm und reich würde dadurch noch mehr auseinanderklaffen. Sie verstünde auch nicht, warum anderseits Flüchtlingen verboten wäre, zu arbeiten. Gerade durch den Fachkräftemangel handele es sich hier um „verschenktes Potential“. Yasmine M´Barek kritisiert legitimer Weise die Regierung hierzulande, die das „Problem von oben herab betrachtet“. Das Schlagwort „Migration als Chance“ sei vielmehr „westliche, rassistische Denke“. Rums, das hat gesessen!

Jamila Schaefer (die Grünen) rechnet mit der CDU ab: „Das ist nicht die Politik, die die Menschenwürde in den Vordergrund stellt.“

Virologin bei Markus Lanz: „Es muss allgemein mehr geimpft werden, sonst kriegen wir Corona auf Dauer nicht in den Griff“

Auch wenn der Hintergrund der Corona-Pandemie bei der bevorstehenden Bundestagswahl „kein gutes Thema“ sei, will Markus Lanz zum Abschluss der Sendung von Prof. Helga Rübsamen-Schaeff erfahren, was sie vom derzeitigen dänischen Model hält, bei dem fast alle Restriktionen aufgehoben worden sind. Für die Virologin ist das plausibel. Schließlich sei bei der Impfquote von 74 Prozent Dänemark gegenüber Deutschland mit nur 62 Prozent eindeutig im Vorteil. Auch die Zahl der Patienten auf Intensivstationen und die Todesfälle hielten sich in Grenzen. Während andere Länder wie Israel und Großbritannien sich trotz der - mittlerweile stagnierenden - Impfungen mit der Delta-Variante herumschlagen müssten, seien in Spanien mittlerweile 75 Prozent und in Portugal gar 80 Prozent vollständig geimpft.

Eine Auffrischung, also dritte Vakzinierung, empfehle sie nicht nur hierzulande der vulnerablen Gruppe der über 80-jährigen. Außerdem sollte man auch Schwangere impfen, überhaupt Frauen, vielleicht auch Kinder: „Es muss allgemein mehr geimpft werden, sonst kriegen wir Corona auf Dauer nicht in den Griff“.

Corona: Friedrich Merz will „Freiheiten“ nur Geimpften und Genesenen gewähren

Friedrich Merz ist zwar gegen eine Impfpflicht, will aber „Freiheiten“ wie Restaurant- und Event-Besuche nur Vakzinierten und Genesenen gewähren, bis die Pandemie endgültig eingedämmt sei. Als Markus Lanz, der sich selbst impfen hat lassen, auf die Risiken der Vakzinierung zu sprechen kommt, entgegnet Prof. Helga Rübsamen-Schaeff, dass sie selbst mehr Angst vor dem Virus als vor eventuellen Impfnebenwirkungen habe. Wann wir endlich zur Normalität zurückkehren könnten, fragt Markus Lanz und spricht damit wohl einer ganzen Nation aus der Seele. In den USA arbeite man gerade fieberhaft an einer klinischen Studie zweier Medikamente gegen Corona, eines von Merck und Co., das andere von Pfizer. Während diese dort vielleicht schon Ende des Jahres zugelassen werden könnten, sei es hier wohl erst im nächsten Jahr der Fall sein.

Dies wäre eine treffliche Unterstützung, hohe Wirksamkeit vorausgesetzt, im Kampf gegen die Pandemie, auch für solche, die sich nicht impfen lassen wollten oder könnten. Echte Normalität 2022? Sollte dies der Fall sein, würde das Ausharren im zweiten weltweiten Corona-Jahr sicherlich erträglicher werden.  (Marc Hairapetian)

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