Leitartikel

Mangel an Zivilcourage

Wir brauchen mehr Menschen, die mutig sagen, was notwendig ist. Ein Leitartikel von Karl Gerold.

Es gibt wohl kein Volk, über das nicht bei anderen Völkern Anekdoten oder Witze über Charakter und Lebensverhältnisse im Umlauf wären. Und wie das solche Geschichten an sich haben, treffen sie mit ihrer Pointe zumeist ins Schwarze, will sagen, sie berühren Wesentliches. Gewöhnlich pflegt der Angehörige eines in seiner Gegenwart so besprochenen Volkes, sich mit den anderen zu amüsieren und womöglich das Vorgetragene noch zu ergänzen. Wir Deutschen aber hatten in solchen Fällen selten Anlass, das, was über uns gesagt wurde, zu ergänzen; was wir tun konnten, war lediglich immer wieder – unfrei, wie wir waren – zu versuchen, Erklärungen zu finden und um Verständnis zu werben.

Ganz abgesehen davon, dass wir selbst in der jüngeren Geschichte unseres Volkes bestätigt fanden, dass „der Deutsche ein Revolutionär ist, wenn die Behörde es erlaubt“, hat uns nichts so nachdenklich gestimmt als die allgemein vorgebrachte und in allen Varianten wiederkehrende Feststellung, dass der einzelne Deutsche gewöhnlich ein befähigter, angenehmer und passabler Mensch und Gesellschafter sei, sofern er jedoch in Massen auftrete oder gar in uniformierter Masse, werde er unerträglich, um nicht zu sagen grausam, barbarisch und politisch instinktlos.

Und selbst dieses wahrlich nicht erfreuliche Bild veränderte sich zu unseren Ungunsten in dem Augenblicke, als die „Vertreter des neuen Deutschlands“ auftauchten, als die „Deutschen Kolonien“ – besonders nach den Anfangserfolgen im Kriege – sich im noch neutralen Ausland schon als die Herren der Erde aufzuspielen begannen.

So musste in der Welt das Bild des Deutschen entstehen als ein Gemisch von widerlicher Anmaßung und manchmal seltsamer, ins Devote abgleitender Höflichkeit. Ein anderes Deutschland, von dem wir wissen, dass es vorhanden ist, kam außer den Stimmen der Emigration nicht zur Geltung. Das war die Zeit, in welcher der deutsche Dichter Bert Brecht über sein Gedicht: „O Deutschland, bleiche Mutter …“ das Motto setzte: „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“

Wenn wir diese Feststellungen wiedergeben, so geschieht es nicht, um uns allen einen Spiegel unserer „Schuld“ vorzuhalten. Wir halten es auch in diesem Zusammenhang für weniger wesentlich, die Schuldfrage aufzuwerfen, als vielmehr einen Zustand zu fixieren, in dem wir leben und aus dem wir herauskommen müssen. Und wesentlicher erscheint uns die Feststellung, dass wir in einer Zeit leben, die von einschneidender Bestimmung für die gesamte Zukunft unseres Volkes ist, und somit besonderer Grund vorhanden ist, uns vor allem mit uns selbst auseinanderzusetzen.

Wohl nirgends prägt sich das Bild unseres heutigen gesellschaftlichen Lebens stärker aus als in einer deutschen Kleinstadt. Nirgends treffen wir mehr Pgs („Parteigenossen“, also Mitglieder der Nazi-Partei NSDAP, d. Red.), die allen Ernstes glaubhaft machen, einfach nicht anders gekonnt zu haben, als in die Partei einzutreten, denn die „anderen waren doch alle auch drin“.

Nirgends prägt sich so der Herdeninstinkt, als eine aus der Tierwelt stammende Erbschaft bei den Menschen, eindrücklicher aus als bei vielen solcher, ursprünglich verängstigter Kleinbürger, die – und es ist ihnen zu glauben – nicht absolute Nationalsozialisten waren. Sicherlich ist hier ein gerütteltes Maß an persönlicher Tragik verborgen; eine Tragik, aus Schwäche und Angst geboren, aus Mangel an persönlichem Mut und Verantwortungsgefühl vor sich selbst und anderen. Kurz: aus dem Fehlen der Zivilcourage, das nach außen zu bekennen, was man im Innern denkt und ist!

Doch tragischer noch für uns alle ist, dass diese Leute nicht begreifen können, dass eine Summierung von Millionen solcher Menschen ohne Zivilcourage mit einer entsprechenden Führung dieses Maß von Unheil bewirkt, das wir heute auszukosten haben. Es ist unangenehm, in dieser Verflechtung von Schuld, Schwäche, Unschuld und Martyrium, die wir als Ganzes heute darstellen, von der Schuld des Einzelnen zu reden. Reden wir von Deutschland, wie es war, wie es ist und wie es werden kann! Reden wir davon, wie wir den steißtrommelnden Oberlehrer, die Uniform und den Kasernenhof als Symbole unserer Erziehung und unseres Daseins zum Verschwinden bringen. Und sie werden so lange nicht verschwunden sein, solange der Einzelne von uns noch bemüht ist, „ja nicht aufzufallen“ (auch so ein Wort vom Kasernenhof).

Seien wir doch ehrlich, wie viele gibt es, die den amerikanischen Soldaten für „unsoldatisch“ ansehen, weil er sich in seiner freien Zeit so wenig „uniformiert“, so „zivilistisch“ benehme (wobei sie ganz vergessen, dass diese Armee uns überall gründlich aufs Haupt geschlagen hat, wo sie uns entgegentrat). Also sind wir im militärischen Denken noch vom engen Begriff von „Schneid“, „Drill“ und Uniform beherrscht und noch sehr weit entfernt von dem Begreifen der universellen Zusammenhänge.

Und wie ist es im politischen Leben, wo heute mehr denn je Zivilcourage erforderlich ist?

Sind wir in großer Zahl nicht auch hier im Denken und Handeln dem elenden, knechtseligen Wahlspruch: „Ja nicht aufzufallen“ ausgesetzt? Wie mancher „kluge Mann oder Frau“ denkt: jetzt sich nur nicht festlegen, es könnte noch einmal anders kommen! Wer weiß! – Und ein solcher „kluger Mann“ denkt, „er baue vor“. In Wirklichkeit jedoch baut er nicht vor, sondern er baut ab, bei sich und anderen, und steckt mit diesem Mangel an innerer Verantwortlichkeit, an Zivilcourage, andere an. Denn die bleichsüchtige seelische Angst ist in Wahrheit eine schwere Infektionskrankheit in unserem Volke. Es wird leichter sein, wieder mehr Brot für uns herbeizuschaffen, als diese Art ziviler Lebensangst zu beseitigen. Allzusehr wurden wir alle – nicht nur die Jugend, sondern auch die Alten! – von Kindesbeinen an geschliffen und gedrillt!

Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen, in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können. Dies sowohl im Leben der städtischen oder dörflichen Gemeinschaft als auch innerhalb der einzelnen Parteien; denn so, wie die Dinge traditionsgemäß in uns nachwirken, sind diese, keine ausgenommen, ebenso in der Gefahr der geistigen Uniformierung wie die Einzelmenschen, aus denen die sich bilden.

Dieser Leitartikel von Karl Gerold erschien zuerst am 10. April 1946 in der Frankfurter Rundschau.

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