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Lücken schließen, um Lehrkräfte werben

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Von: Peter Hanack

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Schule
Ein Schwamm liegt an der Schultafel. © Annette Riedl/dpa/Symbolbild

Wird die Zahl unbesetzter Stellen an den Schulen zu groß, werden die großen bildungspolitischen Ziele nicht erreicht. Es geht um Bildungsgerechtigkeit. Und mehr. Der Leitartikel.

Wie war das noch mal mit dem Rohstoff Bildung? Stimmt, er ist die einzige Quelle, aus der wir in Deutschland den Wohlstand der Zukunft schöpfen können. Das klingt doch sehr schön. Wirklich großartig wäre es, wenn Bildung nicht nur in Worten allergrößte Hochachtung entgegengebracht würde, sondern auch in Taten.

Wie ist die Lage? Der jüngste Bericht der OECD zur weltweiten Bildung hat 2021 den Schwerpunkt auf Gerechtigkeit gelegt. Genau da hat Deutschland ein Problem. Nur einer von zehn der 25- bis 44-Jährigen, die aus eher bildungsfernen Familien stammen, schafft es bis zu einem Studienabschlus oder Meisterbrief. Andere Länder sind deutlich besser. Die Grundlage dafür wird in der Schule gelegt.

Bildung, ein Lotteriespiel

Und Corona? Ein Beispiel: Nur bei jedem zehnten Schüler in Deutschland hat dem Bericht zufolge der Online-Unterricht ordentlich funktioniert. Auch da sind andere weiter. Ob es mit der Bildung klappt, ist ein Lotteriespiel: Stimmt der familiäre Hintergrund? Gehört die eigene Schule zu jenen, die den steigenden Anforderungen etwa an den Umgang mit digitalen Medien gewachsen sind? Oder nicht?

Und jetzt das: Es fehlt an Lehrkräften. Wo doch gerade die nötig wären, um aus der Misere herauszukommen. Wo sie dringend gebraucht werden, den Rohstoff Bildung überhaupt erst zu schaffen. Was also tun? Der Bildungsforscher Klaus Klemm, einer der renommiertesten, den Deutschland hat, sagt: „Es liegt nicht am Geld.“ Jedenfalls nicht in erster Linie. Stellen seien ja da. Sie könnten bloß nicht besetzt werden.

Gute Bezahlung

Also Lehrkräfte besser bezahlen? Tatsache ist: Lehrkräfte werden in Deutschland gar nicht schlecht entlohnt. Auch das zeigt der OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“. Demzufolge verdienen sie im Schnitt deutlich mehr als die Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern. Mehr gebe es nur in Luxemburg. In Finnland dagegen werden Lehrerinnen und Lehrer schlechter bezahlt als hierzulande. Dennoch ist dort bislang von einem Mangel nichts bekannt.

Woran also liegt es, dass Deutschland die Lehrkräfte auszugehen drohen? Zum einen sicher daran, dass die deutsche Bildungspolitik den Bedarf jahrelang schlichtweg falsch eingeschätzt hat – noch immer scheint sich die Kultusministerkonferenz dabei ja in die Tasche zu lügen. So scheiterten ganze Generationen potenzieller Grundschullehrerinnen und -lehrer an einem absurd hohen Numerus clausus von 1,7.

Ausbildung vernachlässigt

Viel zu lange wurden auch die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen vernachlässigt. Hinzu kommt das schlechte Image des Berufs. Und natürlich: Auch die unablässig vorgetragenen Klagen über die Unzulänglichkeiten der schulischen Ausstattung und die steigenden Belastungen – seien sie auch berechtigt – tragen nicht gerade zu steigenden Zahlen bei den Lehramtsanwärter:innen bei.

Den Beruf attraktiver machen ist das eine. OECD-Koordinator Andreas Schleicher mahnt, Lehrkräfte müssten mehr Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht erhalten, im Team arbeiten können. Für sich selbst Entwicklungschancen sehen.

Das andere ist, alles dafür zu tun, dass der Mangel nicht so groß wird, wie er nun von Klaus Klemm in seiner vom Verband Bildung und Erziehung in Auftrag gegebenen Studie für das gar nicht mal so ferne Jahr 2030 prognostiziert wird.

Junge Menschen gewinnen

Dazu gehört der weitere Ausbau der Studienkapazitäten. Ein intensives Werben um junge Menschen, die im Leben etwas bewegen wollen und andere begeistern können. Das Werben auch um Seiteneinsteiger:innen, die oftmals – aus anderen Berufe und mit anderen Lebenswegen in der Schulen ankommend – den Unterricht bereichern können. Natürlich eine deutlich bessere Qualifizierung dieser Seiteneinsteiger:innen bis hin zum vollwertigen Abschluss als Lehrkraft. Und ja, auch eine bessere Bezahlung der Grundschullehrkräfte. Weitere Ideen sind willkommen.

Den Mangel, wie groß er nun auch vorhergesagt wird, wird man nicht verhindern. Selbst die optimistischsten Annahmen können nicht davon ausgehen, die Lücke schließen zu können. Die Mühe lohnt dennoch. Den Mangel zu mildern, ist Ziel genug.

Wird die Zahl unbesetzter Stellen zu groß, geraten die großen bildungspolitischen Ziele außer Reichweite – wie Digitalisierung, Inklusion, Ganztagsausbau und mehr individuelle Förderung. Dahinter steht auch ein anderes, großes Ziel: mehr Bildungsgerechtigkeit. Sie zu erreichen, ist nicht nur ein moralisches Gebot. Sie ist auch das Gebot der Stunde, um Wohlstand zu erhalten und zu schaffen. Bildung zu fördern, fördert dafür den Rohstoff. Den einzigen, den Deutschland hat.

Siehe „Deutschland fehlen 150 000 Lehrkräfte“

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