Lager Kara Tepe
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Die Lage im Lager Kara Tepe auf Lesbos spitzt sich immer weiter zu.

Kommentar

Überschwemmungen im Lager Kara Tepe auf Lesbos: Eiskalt auf Zeit gespielt

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Die Bedingungen im Lager Kara Tepe auf Lesbos werden immer schlimmer. Bald kommt auch noch die Kälte hinzu. Doch die EU scheitert bei ihrer Mithilfe. Ein Kommentar.

  • Das Lager Kara Tepe auf Lesbos steht unter Wasser.
  • Dennoch sind Athen und Brüssel an keiner humanen Unterbringung der geflüchteten Menschen interessiert.
  • Eine Arbeitsgruppe soll an „besseren Unterkünften“ arbeiten.

Wer das Wetter auf Lesbos kennt, weiß: Ab Oktober wird es schlagartig regnerisch. Insofern sind die Überschwemmungen im Behelfslager Kara Tepe keine Überraschung, die Betroffenheitsbekundungen Griechenlands und der Europäischen Union wohlfeil. Mehr denn je wird jetzt klar, dass Athen und Brüssel an einer humanen Unterbringung der Tausenden Frauen, Männer und Kinder nicht interessiert sind – die Strategie  ist vielmehr die eines humanitären Minimalismus, der höchstens Überleben sichert und Menschenwürde systematisch verweigert. Das Ziel ist, möglichst brutale Abschreckungssignale zu senden. 

Lager Kara Tepe auf Lesbos: Man spielt eiskalt auf Zeit

Jetzt zeigen Videos also, wie Kleider und Decken durch die Zelte der Geflüchteten schwimmen. Triefende Matratzen, schreiende Kinder, apathische Menschen. Bald kommt auch noch die Kälte, dann wird es noch schlimmer. Nur mal ein Gedankenspiel: Was, wenn die überfluteten Zelte Touristen gehörten? Dann wären längst Busse vor Ort, um sie ins Trockene zu bringen. Im Fall des neuen Elendslagers Kara Tepe aber verweist Brüssel auf eine Arbeitsgruppe, die an „besseren Unterkünften“ arbeite.  Man spielt eiskalt auf Zeit. 

Dabei gibt es so eine „bessere Unterkunft“ schon auf Lesbos: Das kleine Camp Pikpa, vor Jahren von Hilfsorganisationen gegründet für besonders schutzbedürftige Menschen wie chronisch Kranke, unbegleitete Minderjährige, Folteropfer, Homosexuelle. Rund 100 Menschen leben da, in Hütten, nicht in Zelten, mit Schulunterricht für die Kinder – in Sicherheit und Würde eben. Pikpa zeigt, dass humaner Flüchtlingsschutz möglich ist. Vielleicht deshalb will Athen das Lager jetzt schließen und die Menschen nach Kara Tepe verlegen. Proteste in den sozialen Medien unter dem Hashtag #SavePikpa laufen. Aber wo bleibt der Protest aus Brüssel? 

1000 Flüchtlinge landeten auf den Kanaren – ein neuer Rekord

Er bleibt nicht zufällig aus, denn Pikpa ist nicht die Art von Lager, die den Autoren des Entwurfs für einen EU-Migrationspakt vorschwebt. Abschreckung geht vor, lautet die EU-Doktrin. Dass die EU mit ihr krachend scheitert, ist gerade wieder auf den Kanaren zu beobachten: Da landeten soeben binnen 48 Stunden 1000 Geflüchtete an. Ein neuer Rekord, der nur eines zeigt: Menschenverachtung  kann Flucht nicht verhindern. (Von Ursula Rüssmann)

Nachdem in dem Camp Moria ein Brand ausbrach, wurden die tausenden Geflüchteten in einem Übergangslager untergebracht. Dieses Lager auf Lesbos jedoch erreicht seine Kapazitätsgrenze.

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