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Ein Mitarbeiter stellt im Biergarten am Aachener Weiher einen Fernsehbildschirm auf. Die Fußball-EM startet, aber die Corona-Krise ist noch nicht vorbei.
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Ein Mitarbeiter stellt im Biergarten am Aachener Weiher einen Fernsehbildschirm auf. Die Fußball-EM startet, aber die Corona-Krise ist noch nicht vorbei.

Leitartikel

EM 2021: Langsam zurück aus der Corona-Krise

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die Fußball-EM kann uns aus der Corona-Krise helfen. Noch besser wäre, wenn alle wieder Sport treiben dürften. Der Leitartikel.

Frankfurt - Die EM 2021 kann eine Aufbruchstimmung erzeugen. Dazu muss man vielleicht gar nicht nach Rom schauen, wo am Freitag mit dem Eröffnungsspiel zwischen Italien und der Türkei das wegen der Pandemie um ein Jahr verschobene Turnier startet. Auch nicht nach Amsterdam und Bukarest, Glasgow oder Sevilla.

Es reicht ein Beispiel aus Frankfurt-Sachsenhausen: Das Lichtluftbad, der schnuckelige Tennisverein über den Dächern der Mainmetropole, lädt zum Public Viewing auf der Terrasse ein. Man schaut in der Abendsonne auf einen Fernseher im Außenbereich.

EM 2021: Gemeinschaftserlebnisse haben lange gefehlt

Der Gastwirt, der in der Corona-Pandemie auch noch Hygienebeauftragter war und akribisch darauf achtete, dass nur Mitglieder mit Maske einzeln das Gelände betraten, legt Würstchen auf den Grill und serviert Salate. Auf einmal sind sogar Gäste wieder willkommen. Solche Gemeinschaftserlebnisse als verbindendes Element haben lange gefehlt.

Selten passten die Zeitschienen besser zusammen: die herbeigesehnten Lockerungen im gesellschaftlichen Leben setzen sich auf die völkerverbindende Idee eines paneuropäischen Turniers, das als erstmaliges, und wohl auch einmaliges Experiment über den ganzen Kontinent in zehn Staaten verteilt ist.

Format der EM 2021 in der Corona-Krise erst einmal kein gutes Beispiel

Dass dieses vor neun Jahren beschlossene Format in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz keine Maßstäbe setzt – und in Corona-Zeiten erst mal kein gutes Beispiel gibt – , versteht sich von selbst. Also will Europas Fußball-Union (Uefa) andere Signale setzen. Sie liefert die Bilder, die zum grenzüberschreitenden Verlangen nach mehr Freiheit passen: Überall werden nämlich Fans in den Stadien sein.

Ausgehandelt worden sind mit den örtlichen Behörden zwischen 20 Prozent (München) und 100 Prozent (Budapest) der Kapazität für die Arenen. Die Uefa hatte ihre elf Ausrichterstädte – Dublin wurde kurzerhand wegen fehlender Zuschauergarantien das Turnier noch entzogen – im Grunde schon im Frühjahr genötigt, Publikum zu erlauben.

EM 2021 als Herrschaftsinstrument missbraucht

Ganz schnell waren jene Länder, die den Fußball gerne als Herrschaftsinstrument missbrauchen: Ungarn, Aserbaidschan oder Russland. Für den ungarischen Ministerpräsident Viktor Orban, den aserbaidschanischen Autokraten Ilham Alijew und den russischen Staatschef Wladimir Putin ist Spitzensport ein Teil der Machtpolitik, um die Zustimmung der Bevölkerung zu bekommen.

Budapest wird mehr als 60 000 Fans in die Puskas-Arena lassen, um der Welt zu zeigen, was Orbans hohe Impfquote alles kann. Die einen finden das mutig, die anderen verantwortungslos. Deutschland hat lange gewartet, um für die vier EM-Spiele in München, darunter die drei Heimspiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich, Portugal und Ungarn, 14 000 Plätze freizugeben.

EM 2021: Zuschauer in Deutschland zugelassen – Söder lobt überschwänglich

Letztlich wollte Innenminister Horst Seehofer (CSU) bei einem sportlichen Großereignis nicht den Spielverderber geben. Also werden auch Ausnahmen für Einreisen aus dem Virusvariantengebiet Großbritannien gezimmert. Ohne diese Sonderregel wäre kein EM-Viertelfinale in München möglich, denn dort spielt der Sieger eines fünf Tage zuvor in London angesetzten Achtelfinals.

Auch Seehofers Parteigenosse Markus Söder lobt die Fan-Rückkehr jetzt ein bisschen zu überschwänglich, nachdem die bayrische Landesregierung mehr als ein Jahr lang in München kein Heimspiel des FC Bayern vor Publikum gestattete, obwohl es funktionierende Hygienekonzepte gab. Doch der größte Widerspruch in der deutschen Beziehung zwischen Sport und Politik liegt in der Corona-Krise auf einer ganz anderen Ebene.

EM 2021: Politik erlaubt großes Fußballfest – ein Hoffnungsschimmer

Bis heute wirkt verstörend, warum Politikerinnen und Politiker nicht auf den Rat von Sportmedizinern, Aerosolforschern und Fachexperten hören wollten, dass vom Sporttreiben unter freiem Himmel keine Ansteckungsgefahr ausgeht. Bei den Verboten wurde der Breitensport, also auch der gesamte Amateurfußball, nicht viel besser behandelt als Spaßbäder oder Bordelle.

Dabei ist Bewegung nicht egal, sondern eine Art Mini-Impfung. Die teils noch immer nicht aufgehobenen Einschränkungen haben zu vielen Brüchen in den Sportler-Karrieren junger Menschen geführt, schon jetzt zeichnen sich irreparable Schäden bei Kindern und Jugendlichen ab, die sich zu lange nicht im Verein bewegen konnten und millionenfach dann lieber an der Playstation gezockt statt auf dem Sportplatz gespielt haben.

Dass die Politik dem europäischen Fußball in weiten Zügen sein großes Fest erlaubt, ist ein Hoffnungsschimmer. Dass sie aber die präventive Funktion des Sports in weiten Teilen in der Pandemie verachtete, ist ein Versäumnis, das im sich anbahnenden Rausch der 16. Fußball-Europameisterschaft nicht verschwiegen gehört. (Frank Hellmann)

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