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Das Gesundheitswesen ist ein krankes System

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Von: Jutta Rippegather

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Das Gesundheitswesen ist selbst seit vielen Jahren ein Notfall. Nun will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Fallpauschalen anpacken.
Das Gesundheitswesen ist selbst seit vielen Jahren ein Notfall. Nun will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Fallpauschalen anpacken. (Symbolbild) © Paul Zinken/dpa

Im Gesundheitswesen ist ein „Weiter so“ keine Option. Die Krankenhäuser müssen auf gesunde Füße gestellt werden. Der Leitartikel.

Endlich hat mit Karl Lauterbach ein Gesundheitsminister die Traute, die Fallpauschalen anzupacken. Zwar schickt der Vorschlag seiner Regierungskommission das Abrechnungssystem leider nicht komplett in die Wüste, das zu jeder Menge Fehlentwicklungen geführt hat. Der Sozialdemokrat hatte es vor 20 Jahren übrigens selbst mit eingeführt. Doch den schlimmsten Auswüchsen soll mit dem Reformkonzept ein Riegel vorgeschoben werden.

In Deutschland werden viele medizinisch nicht notwendige Operationen vorgenommen, um Finanzlöcher zu stopfen. Bei der Implantation künstlicher Hüftgelenke etwa ist Deutschland Weltmeister, jeder fünfte dieser Eingriffe gilt als überflüssig. Es sind in ihrem Nutzen fragwürdige Therapien, die nicht unbedingt helfen, sondern zu Komplikationen und Folgeeingriffen führen können. Sie binden zudem medizinisches Personal und Ressourcen, die für andere Behandlungen dringender benötigt werden. Das ist fatal angesichts des Fachkräftemangels und der Alterung der Gesellschaft. Das dürfen wir uns nicht länger leisten.

Überversorgung ist ungesund. Sie schadet dem Patienten und der Patientin, konstatierte die Bertelsmann-Stiftung schon 2019. Treiber des Problems seien Defizite bei Planung, Vergütung und Steuerung im Gesundheitssystem. Ein grottenschlechtes Zeugnis für die deutsche Gesundheitspolitik und eine klare Aufforderung, zu handeln. Lauterbach nimmt den Ball auf.

Bemerkenswert: Der große Aufschrei bleibt aus. Es gibt zwar Kritik an einzelnen Punkten, die Länder etwa befürchten Machtverlust. Doch bei so gut wie allen im Gesundheitswesen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass ein „Weiter so“ keine Option sein kann. Das System Krankenhaus muss auf gesunde Füße gestellt werden.

Rund 60 Prozent der Kliniken schreiben rote Zahlen. Die finanziellen Anreize zum Fließbandoperieren haben dem Vertrauen der Bevölkerung in die medizinische Versorgung schwer geschadet. Auch wenn sie noch immer eine der besten der Welt ist. Die Nagelprobe war die Corona-Pandemie – das Management ist weitestgehend gelungen. Doch die Defizite werden zunehmend sichtbar.

Siehe Kinderkliniken. Aus ökonomischem Gründen wurden massenhaft Betten abgebaut. Das rächt sich in diesem Mehrfach-Viren-Winter. Für Fälle wie diese schlägt die Regierungskommission vor, dass die Häuser Geld alleine dafür bekommen, Behandlungskapazitäten bereitzuhalten – unabhängig von der Zahl der behandelten Fälle. Ein sinnvoller Ansatz. Pädiatrie unterliegt saisonalen Schwankungen. Im Sommer sind weniger Kinder krank als im Winter.

Nicht jedes Krankenhaus im Land muss die komplette Leistungspalette vorhalten. Kooperation statt Wettbewerb ist das Gebot der Stunde. Arbeitsteilung und Spezialisierung fördern die Qualität und motivieren das Personal. Zur Wahrheit gehört auch, dass nicht jedes Krankenhaus die geplante Reform überleben wird – oder zumindest nicht in der jetzige Funktion.

Im Ballungsraum herrscht Überversorgung, wohingegen in wenig besiedelten Landstrichen Kliniken um ihr Überleben kämpfen. Nicht alle von ihnen haben eine Existenzberechtigung. Doch die nächste Notaufnahme darf nicht Hunderte von Kilometern entfernt sein. Babys dürfen nicht in Taxen zur Welt kommen. Auch da liegt die Regierungskommission richtig mit ihrer Idee einer Gegenfinanzierung der Vorhaltekosten.

Notwendig ist auch die vorgeschlagene Hierarchisierung der Krankenhäuser, wie sie schon während der Pandemie praktiziert worden war. Die umfassend ausgestatteten Häuser, an der Spitze die Unikliniken, übernehmen die komplizierten Fälle und koordinieren. Sie kooperieren mit kleineren Häusern in der Region. Die Digitalisierung erleichtert den Austausch und erspart Patient:innen strapaziöse Wege in die nächste Großstadt. Die Kolleg:innen der Uniklinik schalten sich bei der Behandlung online hinzu.

Besteht am Ende der Behandlung lediglich Pflegebedarf, wird der oder die Betroffene andernorts versorgt. Entweder stationär, ambulant oder teilstationär in einer Tagespflege. Von diesen Angeboten gibt es derzeit viel zu wenige, was wiederum die Krankenhäuser belastet.

Soweit der organisatorische Teil. Doch um das System auf gesunde Füße zu stellen, bedarf es auch eines Umdenkens. Bei der Ärzteschaft, die nicht selten alles medizinisch Mögliche gibt und über das Ziel hinausschießt. Und bei den Patient:innen mit ihren riesigen Erwartungshaltungen. Mit ihrer Ungeduld, ihren Forderungen nach flotter Heilung.

Es fehlt an Gesundheitsbildung. Dem Bewusstsein, dass der menschliche Körper kein Auto ist, das nach einem Tag Werkstattbesuch wieder funktioniert wie am ersten Tag der Zulassung. Wer gesund werden und bleiben will, muss auch selbst Verantwortung für sich übernehmen. Die Super-Pille gibt es nur in der Werbung der Pharmaindustrie.

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