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Klimawandel

Wettlauf pro Klima - aber wichtige Staaten fehlen

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Der UN-Gipfel hat den Klima-Sisyphus in Rente geschickt. Denn China, die USA und die EU wollen plötzlich gegen den Klimawandel angehen. Der Leitartikel.

Klimapolitik als Sisyphusjob. Fast drei Jahrzehnte war das so. Bereits 1992, beim UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro hatten die Staaten der Welt die Gefahr einer Destabilisierung des Weltklimas erkannt und eine Konvention unterzeichnet, um dieses Szenario zu verhindern. Doch die Realität war eine andere.

klimawandel - Kann das Paris-Abkommen doch noch funktionieren?

Die Treibhausgasemissionen stiegen und stiegen. Nicht einmal des Abkommen von Paris, das 2015 erstmals alle Staaten zur CO2-Einsparung verpflichtete, änderte daran etwas. Noch vor einem Jahr schien es, als gerate das Ziel, die globale Erwärmung bis 2100 auf noch einigermaßen beherrschbare 1,5 bis zwei Grad zu begrenzen, außer Reichweite.

Plötzlich, fünf Jahre nach Paris, ist es anders. Die „Climate Action Tracker“ haben ausgerechnet, dass die Erwärmung 2,1 Grad betragen wird, wenn die Staaten ihre beschlossenen oder angekündigten CO2-Minderungsziele einhalten. Damit käme das Zweigradlimit in Sicht, wenn auch nicht das von 1,5 Grad, das angestrebt werden müsste, um das Auslösen von Kipppunkten des Weltklimas zu verhindern. Noch im September hatte dieselbe Kalkulation 2,9 Grad erbracht.

EU beschließt Klimaneutralität bis 2050

Das gibt Hoffnung. Das Paris-Abkommen scheint doch zu funktionieren. Sein Manko besteht zwar weiter. Es schreibt den Staaten und Ländergruppen keine konkreten Emissionsminderungen vor, die nationalen CO2-Ziele sind freiwillig. Doch die im Vertrag verankerte Pflicht der Regierungen, alle fünf Jahre verschärfte Ziele aufzustellen, um die 1,5 bis zwei Grad doch noch zu halten, löst einen Wettlauf aus. Das konnte man in den vergangenen Monaten verfolgen. Die Big Player machen Ernst.

Erst beschloss die Europäische Union Klimaneutralität bis 2050. Inzwischen sind weitere CO2-Schwergewichtler wie Japan, Kanada und Südkorea dabei, auch der designierte US-Präsident hat es versprochen. Am wichtigsten aber: Auch China, globaler Chefeinheizer mit allein einem Viertel der Emissionen, hat diesen Schritt angekündigt – wenn auch erst „vor 2060“. Allein Pekings Schritt senkt das für 2100 erwartete globale Temperaturplus um bis 0,3 Prozent.

Kein Grund, in Euphorie zu verfallen. Erstens würde auch eine um zwei Grad wärmere Welt die Staaten vor Herausforderungen stellen, gegen die die Corona-Krise ein laues Lüftchen ist. Zweitens fehlen beim Wettlauf zur Klimaneutralität wichtige Staaten wie Australien oder Brasilien. Und drittens muss erst noch sichergestellt werden, dass die Regierungen es nicht bei den Langfristzielen für Mitte des Jahrhunderts belassen, sondern ab sofort auch in der Praxis einen Pfad einschlagen, der das auch ermöglicht. Die aktuelle globale Klimapolitik entspricht einem Über-Drei-Grad-Korridor. Und der führt in die Katastrophe.

Klimawandel: Corona brachte weltweit Emissionsminderung

Ironischerweise hat Corona für 2020 fast genau jene weltweite Emissionsminderung gebracht, die Klimaforscher mit Blick auf das 1,5-Grad-Limit ab sofort bis 2030 nun jedes Jahr für notwendig halten: rund sieben Prozent. Natürlich taugt Covid-19 nicht als Klimaschutzblaupause. Doch wir befinden uns an einer Wegscheide. Es ist entscheidend, wie die Regierungen die vielen milliardenschweren Konjunkturprogramme zuschneiden, die aus der Krise führen sollen.

Bereits ein gezielt „grüner“ Post-Corona-Aufschwung kann die für 2030 erwarteten CO2-Emissionen bereits um bis zu 25 Prozent reduzieren, hat das UN-Umweltprogramm Unep vorgerechnet. Die meisten der bisher aufgelegten Aufbauprogramme stützen überwiegend noch die alten Strukturen. Doch bei den weiteren bleibt noch viel Masse zum Umsteuern, die Regierungen müssen „nur“ ihre eigenen Klimaversprechen ernst nehmen.

Hoffnung macht auch, dass drei der wichtigsten Klimaplayer den Ernst der Lage begriffen zu haben scheinen, China, die USA und die EU. Chinas Präsident Xi Jinping kündigte beim Gipfel am Samstag weitere Anstrengungen seines Landes für den Klimaschutz an, mehr Ökoenergien, mehr Energieeffizienz, mehr Aufforstung. Er unterstrich: „China hält Zusagen immer ein.“

Joe Biden wiederum will für die USA ein ökologisches Umbauprogramm auflegen, das mit zwei Billionen Dollar Investitionen in vier Jahren seinesgleichen sucht. Auch die EU setzt mit ihrem Corona-Programm, dem „Green Deal“ und dem neuen, verschärften CO2-Ziel für 2030 Signale für einen Aufbruch. Ein Wettlauf dieser drei Blöcke pro Klimaschutz verändert alles.

Es wäre leicht, Wasser in diesen Ökowein zu gießen. China müsste schneller klimaneutral werden, Biden müsste die Fracking-Technologie herunterfahren, die EU eigentlich ein noch schärferes 2030er Ziel beschließen. Doch man sollte die positiven Signale nicht unterbewerten. Sie sind Zeichen, dass der grüne Umbau schneller als erwartet kommen könnte. Das Geld, die Technologien und, bei den meisten, das Bewusstsein dafür sind da. (Joachim Wille)

Rubriklistenbild: © JONATHAN NACKSTRAND / afp

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