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Klimaschutz forcieren

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Von: Steven Geyer

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Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr steht hinter einem umgestürzten Baum.
Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr steht hinter einem umgestürzten Baum. © Patrick Pleul/dpa

Die Sturmschäden verdeutlichen: Wenn der Klimawandel gebremst wird, wird es mit Klimafolgen nicht wieder besser. Der Leitartikel.

Es gibt zwei Arten von Grusel in Deutschland, wenn es um Orkanwarnungen geht: Das unheimliche Gefühl, wenn der Sturm an den Fensterläden rüttelt, Züge liegenbleiben und Bäume auf Autos kippen, durchleiden wir gerade. Die Sorge um die Lieben, die bei diesem Wetter unterwegs sind, die Gänsehaut beim Pfeifen des Orkans: Extremwetter weckt im Menschen stets kindliche Urängste.

Und das zu Recht: So oft warnten Meteorologen seit Neujahr bereits vor Stürmen, dass es schon eines bundesweit wütenden Orkans bedarf, um Deutschland kollektiv aufzuschrecken. Klar ist: Der Preis wird hoch sein, wie bei allen Unwettern, deren Zahl steigt und steigt. Allein das Hochwasser vom vorigen Sommer kostete allein in Deutschland mehr als 180 Menschen das Leben und richteten Schäden von 33 Milliarden Euro an.

Der andere Grusel kommt bei Windstille und Normalpegel auf: die wohltemperierte Angst um den Kontostand, wenn wieder von der „Kostenfalle Klimaschutz“ die Rede ist und gefragt wird, „was auf Mieter und Eigentümer zukommt“, wenn ernst gemacht würde beim Klimaschutz. Von irrationalen Ängsten um unsere kindischeren Vorlieben ist da noch nicht einmal die Rede, Stichwort: Ich geb Gas, ich will Spaß, die Freiheit nehm ich mir.

Die Pointe überrascht hoffentlich keinen mehr: Wir Wohlstandsgesellschaften müssen uns für eins der beiden Grauen entscheiden. Die Häufung und Heftigkeit der Unwetter zeigen auch hierzulande: Die Folgen des Klimawandels erreichen inzwischen auch die gemäßigten Breitengrade Europas. Der Zusammenhang ist klar. Mit der Erderwärmung steigen Ozeantemperatur und Verdunstung, das verstärkt die Tiefdruckgebiete und damit Intensität und Zahl von Hurrikanen, Orkanen und mit ihnen Regen und Überflutungen.

Die Jugend kann sich schon mal ans Gruselwetter gewöhnen, dass künftig in Frühjahr und Herbst normal wird wie die Hurrikansaison in Florida. Denn selbst wenn der CO2-Ausstoß sofort gestoppt würde, es ist genug Schaden angerichtet, damit die globale Temperatur zunächst weiter steigt. Kurz und schmerzlich: Dürren und Überflutung, Extremwetter und Verlust des einst „ewigen“ Eises, es wird nie wieder besser.

Wer sich das klarmacht, muss einsehen: Klimaschutz wird teuer. Aber Nichtstun wird noch teurer. Und wenn der Sturmwind sein Lied singt, winkt niemandem mehr der großen Freiheit Glück.

Vielmehr muss die Politik, um Freiheit und Wohlstand zu retten, weitere Schäden abwenden. Wir wissen auch, dass selbst wohlwollende Regierungen wie die deutsche Ampel sich zu wenig vorgenommen haben, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Da wird es wirklich interessant: Woran liegt es, dass die Wählerinnen und Wähler den Sturm fürchten, aber die Priorisierung des Klimaschutzes scheuen?

Die Antwort darauf weiß nicht allein der Wind: Wirtschaftsinteressen und Lobbyeinfluss, die Angst vor Veränderung, Verzicht und Überforderung spielen eine Rolle – auch wenn man betonen muss, dass der derzeitige Strom- und Heizkostenanstieg fossile Ursachen hat: Die krisenanfälligen Klimakiller Öl und Gas sind am Weltmarkt teuer wie lange nicht mehr.

Entscheidender ist, dass manche Klage berechtigt ist. Und wo es sie gibt, wird sich stets jemand finden, der die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Orkanschäden kleinredet und die Sorgen vor dem Umsteuern zum Proteststurm aufbläst, bis die Politik konsequentes Handeln scheut.

Da hilft es nur, die Sorgen ernst zu nehmen – und die wahren Zumutungen zu verkleinern. Den Umbau einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform gibt es nicht gratis. Aber die Kosten dürfen nicht ausgerechnet denjenigen aufgebürdet werden, bei denen das Geld ohnehin knapp ist.

Insofern ist es zum Beispiel gut, dass sich die Ampelkoalition vorgenommen hat, mit einem „Klimageld“ einen sozialen Ausgleich für die klimapolitische erwünschte Verteuerung von CO2 zu schaffen. Der Zufall wollte es, dass Umweltverbände in dieser stürmischen Woche eine Studie vorstellten, laut der der Staat die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung bürokratiearm, kosteneffizient und rechtssicher an die Bevölkerung zurückgeben kann.

Das wird zwar ohne Umverteilung nicht gehen – aber so viel vermeintliche Ungerechtigkeit muss sein: Den Klimaschutz müssen die Spitzen- und Besserverdiener zahlen, oder es wird ihn nicht geben. Im Zeitalter des Weltraumtourismus sollte so viel Weltrettung durchsetzbar sein.

Darauf wird es nun ankommen: Nicht mit Weltuntergangsstimmung, sondern mit Ideen und Innovationen lassen sich Alternativen zum heutigen Wirtschaften und Konsum entwickeln. Gefragt sind neue Energiequellen, Alternativen zur Massentierhaltung, zur Zersiedlung, zum Individualverkehr – und eine Politik, die die Zunahme von Orkanen und Fluten bekämpft – und zugleich den Proteststürmen vorbeugt, die den Klimaschutz stoppen können.

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