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Leitartikel

Das Klima steht auf der Kippe – doch die dramatischen Bilder können zur Chance werden

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Trotz der vielen Naturkatastrophen darf man die Hoffnung nicht aufgeben. Die Zuspitzung der Klimakrise kann den Industrie-Umbau vorantreiben. Der Leitartikel.

Apocalypse now? Was sich im letzten Vierteljahr in vielen Weltregionen abgespielt hat, scheint den nüchternen Bericht des Weltklimarats IPCC zu illustrieren. Tödliche Hitzewellen in Kanada und im Westen der USA, verheerende Waldbrände in Kalifornien, Extremfluten in Deutschland mit über 200 Opfern, Feuer in den Permafrost-Regionen in Sibirien, Mega-Überschwemmungen in China und die Brandkatastrophen in Griechenland, der Türkei und Italien.

Die Kernaussagen der Reports lauten: Extreme Wetterereignisse haben weltweit zugenommen, und sie werden weiter zunehmen. Häufigere Hitzewellen und Dürren, aber auch Überflutungen werden viele Opfer fordern. Ernteausfälle, Meeresspiegel-Anstieg und unsichere Wasserversorgung befeuern Flüchtlingsströme.

Zusammenbruch ganzer Ökosysteme ist aufgrund des Klimawandels zu befürchten

Gelingt es der globalen Gemeinschaft nicht, beim Treibhausgas-Ausstoß kräftig auf die Bremse zu treten, ist das, was wir heute erleben, nur ein kleiner Vorgeschmack für zukünftige Krisen. Sogar der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme ist zu befürchten. Und Kippelemente des Klimas könnten ausgelöst werden, die die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen stark beschneiden. Das wäre dann eine wahre Apokalypse.

Solche Warnungen sind nicht neu. Sie finden sich bereits in den ersten Reports des IPCC, die seit 1990 alle sechs bis sieben Jahre herausgekommen sind und den Stand der Klimaforschung darstellen. Neu ist: Zu deuteln gibt es nichts mehr. Immer mehr Menschen, nicht nur die Hardcore-Klimaschützer und -schützerinnen, spüren durch die immer näher an ihre Lebenswelt heranrückenden Krisen, dass das Thema die Zukunft bestimmen wird.

Nahe des Dorfes Pefki auf der Insel Euböa, der zweitgrößten Insel Griechenlands, kämpfen Anwohner gemeinsam mit der Feuer gegen die Waldbrände, die dort seit Tagen wüten.

Drei Trends fachen den Klimawandel in Zukunft weiter an

In den drei Jahrzehnten hat die Wissenschaft große Fortschritte gemacht. Inzwischen ist unter den Fachleuten klar, dass der Mensch sehr wahrscheinlich die Klimaveränderungen ausgelöst hat, deren Folgen wir nun vermehrt spüren.

Zuletzt hat sich ein neuer wichtiger Forschungszweig etabliert, die „Attribution Science“ (Zuordnungswissenschaft). Damit gelingt es zu berechnen, wie groß der Anteil des Menschen an Extremwetter-Ereignissen ist. So konnte etwa gezeigt werden, dass der Klimawandel die Hitzewellen, die 2018 Mitteleuropa erfassten, bereits doppelt so wahrscheinlich gemacht hat wie in einem noch unveränderten Klima.

Es ist nun wirklich genügend Wissen angehäuft, um ein schnelles Umsteuern zu rechtfertigen. Zumal die Lage dramatischer ist, als selbst die Experten lange glaubten. Drei Trends treffen in den kommenden 20 Jahren zusammen und sorgen dafür, dass sich das Klima schneller und heftiger ändert als erwartet: wahrscheinlich weiter hohe Emissionen, abnehmende (kühlende) Luftverschmutzung und natürliche Klimazyklen.

Klimawandel: 1,5-Grad-Schwelle wird bereits im Jahr 2030 überschritten

So wird laut dem Report die 1,5-Grad-Schwelle, die im Pariser Klimavertrag als Sicherheitslinie eingezogen ist, bereits um 2030 überschritten werden, nicht „erst“ 2040. Die Gletscher schwinden beschleunigt, die Ozeane erwärmen sich schneller, die Spitzentemperaturen in Hitzewellen explodieren förmlich. Die Konsequenz daraus ist, Politik, Wirtschaft, Bürgerinnen sowie Bürgern bleibt weniger Zeit als gedacht, um zu reagieren. Laut Weltklimarat gibt es durchaus noch die Chance, die globale Temperatur bis 2100 bei 1,5 Grad plus zu stabilisieren.

Die globalen Treibhausgas-Emissionen müssen stark reduziert werden.

Das bedeutet: Die globalen Treibhausgas-Emissionen müssen bis 2030 halbiert werden. Danach müssen erhebliche Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden, etwa durch Aufforstung, eventuell auch technische Lösungen. Das würde zwar einen technologischen und ökonomischen Crashkurs bedeuten, aber immer mehr Menschen scheint zu dämmern, dass ein Verzicht auf einen radikalen Umbau am Ende viel schmerzhafter und teurer wird.

Die Frage ist, ob und wann die Regierenden das begreifen und in Taten umsetzen. Bisher ist dieses optimistischste der vom IPCC vorgelegten Szenarien unrealistisch.

Menschheit darf Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel nicht aufgeben

Die Corona-Krise hat verhindert, dass die Paris-Klimaverpflichtungen wie geplant auf breiter Front bis 2020 angeschärft wurden. Eine Reihe CO2-Obereinheizer wie China, Indien und Südafrika haben immer noch keine neuen CO2-Ziele vorgelegt. Auch die gigantischen Corona-Konjunkturprogramme werden eher genutzt, um den Status quo zu stabilisieren als den grünen Umbau zu fördern.

Trotzdem darf man die Hoffnung nicht aufgeben. Die Zuspitzung der Klimakrise kann ein Katalysator für den Umbau der Industriegesellschaften werden. Es kommt darauf an, dass sich Vorreiter zusammentun, die den Ernst der Lage begriffen haben, darunter vor allem die EU mit ihrem „Green Deal“ und die Biden-USA.

Das kann den Rest der Welt mitziehen. Jedes Zehntelgrad bei der Erwärmung, das eingespart werden kann, ist wichtig. Es verringert die Gefahren und gigantische Kosten, die für die Anpassung an die schon nicht mehr zu verhindernden Klimaveränderungen fällig werden. (jw)

Rubriklistenbild: © Angelos Tzortzinis/afp

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