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Leere an Weihnachten - verdiente Quittung für die Alte-Männer-Kirche

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Von: Karin Dalka

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Die Krise der Kirchen ist fundamental. Dochh wenn christliche Werte verloren gehen, prägt das auch die Gesellschaft. Der Leitartikel.

Die Zeit der vollen Kirchen ist vorbei. Selbst an Weihnachten, wenn die U-Boot-Christ:innen wieder auftauchen. So nennen Aktive in den Gemeinden jene Menschen, die sich das ganze Jahr nicht blicken lassen, nur an Heiligabend und Ostern. Noch mehr Bänke bleiben an gewöhnlichen Sonntagen leer. Nicht zuletzt wegen Corona: Die Pandemie hat die Gotteshäuser leergefegt.

Zugleich gehört die Christmette immer noch für viele Menschen zu Weihnachten wie die geschmückte Tanne, wie Lebkuchen und Gänsebraten. Erbauliche Folklore – ist das die Kirche von morgen? Eine Event-Agentur mit prächtigen Locations für feierliche Stunden, während das Gemeindeleben erodiert?

Kirche an Weihnachten: Quittung für die Missbrauchsskandale

In den vergangenen Jahren haben die beiden christlichen Kirchen hierzulande Hunderttausende Mitglieder verloren. Das muss man nicht bedauern. Im Fall der katholischen Kirche sind die Austritte die verdiente Quittung für die Missbrauchsskandale und die starrsinnige Weigerung der Kirchenoberen, die heillosen Machtstrukturen aufzubrechen. Neben der Causa Kardinal Woelki tut der Zank um den Synodalen Weg ein Übriges, auch noch die letzten Aktiven abzuschrecken. Sie sind desillusioniert und verbittert über diese Alte-Männer-Kirche, die sich Weltkirche nennt und der Hälfte der Menschheit, den Frauen, Amt und Würde vorenthält.

Papst Franziskus spricht mit Gläubigen, die als Heilige Drei Könige verkleidet sind, am Ende seiner wöchentlichen Generalaudienz in der Halle Paul VI. im Vatikan.
Papst Franziskus spricht mit Gläubigen, die als Heilige Drei Könige verkleidet sind, am Ende seiner wöchentlichen Generalaudienz in der Halle Paul VI. im Vatikan. © dpa/(Archivbild)

Bei den abtrünnigen Evangelischen spielen enttäuschende Erfahrungen eine geringere Rolle. Es wenden sich Menschen ab, die, wie schon ihre Eltern und Großeltern, nie eine kirchliche Bindung entwickelt haben. Warum dann Kirchensteuer zahlen?

Die Gesellschaft braucht die Kirche nicht mehr

Der Bedeutungsverlust der Kirchen ist unumkehrbar. Die Gesellschaft emanzipiert sich von alten Autoritäten. Wer allerdings diese Welt nicht für die beste aller Welten hält, sollte auch auf das schauen, was verloren geht, wenn die normative Kraft christlicher Ideale schwächer wird. Wenn etwa im öffentlichen Diskurs die Stimmen von gläubigen Menschen leiser werden, die sich in Gemeinden und sozialen Bewegungen fürs Gemeinwohl engagieren und als politisches Korrektiv wirken.

Nächstenliebe – das ist so ein Ideal. Eine Haltung, die die Menschenrechte als das verteidigen, was sie sind: Rechte, die allen zustehen, unveräußerlich und unteilbar. Was auch von einer „Wertegemeinschaft“ wie der EU infrage gestellt wird, die Geflüchtete mit brutaler Gewalt abwehrt und im Mittelmeer ertrinken lässt. Nächstenliebe ist das Gegenteil von Nationalismus und Rassismus. Und sie ist bereit, Wohlstand zu teilen.

Alle Menschen sind Gottes Kinder - auch Wladimir Putin

Menschen, die aus dieser Welt einen besseren Ort für alle machen wollen, sind nicht selten unbequem, sie gelten wahlweise als radikal oder als naiv. So wie die Pazifist:innen, die sich weigern, in den Kategorien von Sieg und Niederlage zu denken. Weil jeder Krieg für die Menschlichkeit eine Niederlage ist. Alle Menschen sind Gottes Kinder, auch Wladimir Putin, schrieb der evangelische Theologe Gottfried Orth in dieser Zeitung. Das Gebot der Feindesliebe „entteufelt die Erde“.

Eine irritierende Botschaft. Wenn sie bedeuten soll, dem Aggressor auch die andere Wange hinzuhalten, dann klingt sie nicht nur in den Ohren der brutal überfallenen Ukrainer:innen makaber. Aber man muss nicht fromm sein, um zu wissen: Den Feind zu hassen und seinen Tod zu feiern, auch das ist menschenunwürdig. Hass vergiftet die Seele – und auch die Seelen der kommenden Generationen, er macht sie unfähig zur Versöhnung.

Kirche zu Weihnachten in der Krise: Entfremdung beschleunigt sich

Religion kann ein Gegengift sein. Der Soziologe Hartmut Rosa hält sie sogar für unverzichtbar in einem Gesellschaftssystem, das sich nach seiner Analyse in einem „Aggressionsverhältnis“ zur Welt befindet. Was sich in der Klimakrise zeigt, aber auch in den aufgeheizten politischen Debatten, in denen es vor allem darum geht, Andersdenkende mundtot zu machen. Für Rosa steht außer Frage, dass Demokratie im Aggressionsmodus nicht funktioniert. Sondern dass sie Menschen braucht mit einem „hörenden Herzen, das die anderen hören und ihnen antworten will“. Damit greift der Soziologe ein Motiv aus dem Alten Testament auf: Der junge König Salomo bittet Gott um ein hörendes Herz. Religion stellt für Rosa mit ihren Erzählungen, Praktiken und Riten die „Räume“ bereit, eine solche Haltung einzuüben und zu erleben.

Man darf bezweifeln, dass die Institution Kirche einen Ausweg aus ihrer existenziellen Krise finden wird. Die Entfremdung hat sich zuletzt noch beschleunigt. Zugleich gilt: Eine Gesellschaft, die den Widerspruch zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, überwinden will, braucht viele Arten von Möglichkeitsräumen, in denen Menschen ein Jenseits der bestehenden (Macht-)Verhältnisse imaginieren können. Menschen, die sich bereitwillig irritieren lassen – auch von naiven, radikalen, scheinbar abwegigen Botschaften.

Eine solche Botschaft steckt in der Weihnachtsgeschichte: Zur Geburt eines Kindes in einer Krippe verheißt ein Engel Frieden. Davon kann die Welt, besonders die Ukraine, derzeit nur träumen. Und jede:r weiß: Frieden fällt nicht vom Himmel. Menschen, die an Weihnachten etwas anderes als wohlige Behaglichkeit suchen, hören darin einen Auftrag.

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