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Kernfusion: Nicht ablenken vom Klimaschutz

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Von: Friederike Meier

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Der Gedanke, mithilfe von Kernfusion irgendwann einmal das Energieproblem der Menschheit zu lösen, ist verlockend. Um das Klima zu retten, kommt die Technologie aber zu spät.

Die Nachricht klingt zu schön um wahr zu sein: Forschenden im US-Bundesstaat Kalifornien ist es gelungen, zwei Wasserstoffkerne zu einem Heliumkern zu verschmelzen und dabei mehr Energie herauszubekommen, als sie hineingesteckt haben. Es ist laut Medienberichten ein Netto-Energiegewinn von 120 Prozent erreicht worden. Das ist nach jahrzehntelanger Forschung ein Durchbruch für die Kernfusion – der vorige Rekord lag bei 70 Prozent.

Fans der Technologie schwärmen, dass damit das Energieproblem der Menschheit gelöst sei – egal wie stark der Energiebedarf in den kommenden Jahrzehnten noch steigen mag, die Kernfusion wird es richten. Es entsteht nur wenig radioaktiver Abfall, im Gegensatz zur Atomkraft gibt es keine Gefahr einer Kettenreaktion, die einen gefährlichen Unfall verursachen könnte. Und, das Beste: Es werden keine Treibhausgase freigesetzt.

Statt auf mögliche, teure Technik der Zukunft zu warten, sollten Industrieländer lieber auf das setzen, was schon da ist und nachweislich funktioniert – zum Beispiel auf Erneuerbare Energien.
Statt auf mögliche, teure Technik der Zukunft zu warten, sollten Industrieländer lieber auf das setzen, was schon da ist und nachweislich funktioniert – zum Beispiel auf Erneuerbare Energien. © Thomas Warnack/dpa

Natürlich sollte an der Kernfusion weiter geforscht werden und die Ergebnisse sind tatsächlich ein ermutigender Meilenstein der Wissenschaft. Um das Klima zu retten, kommt die Technologie aber zu spät.

Denn die Weltgemeinschaft hat sich im Pariser Klimaabkommen dazu bekannt, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Dafür ist eine sofortige globale Trendwende der Emissionen nötig, schreibt der Weltklimarat in seinem aktuellen Bericht. Um die Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, müssen die globalen CO2-Emissionen gegenüber 2019 bis zum Jahr 2030 um knapp die Hälfte sinken und bis Anfang der 2050er-Jahre müssen die Netto-Emissionen auf null runter.

Die Kernfusion wird nach Einschätzung von Wissenschaftler:innen jedoch noch Jahrzehnte brauchen, bis sie marktreif ist. Denn obwohl der Reaktor in Kalifornien nun Energie erzeugt hat, dient er bisher nur der Grundlagenforschung und ist weit davon entfernt, im großen Maßstab und zuverlässig Energie liefern zu können.

Deshalb dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Denn das Geld und die Aufmerksamkeit, die die Kernfusion jetzt und in der nächsten Zeit bekommen wird, fehlt an anderer Stelle.

So zählt die EU-Kommission die 5,6 Milliarden Euro, die zwischen den Jahren 2021 und 2027 für das internationale Forschungs-Fusionsprojekt Iter ausgegeben werden, zum Geld für den Klimaschutz.

Auch durch solche Berechnungen kann die Europäische Union ihr Ziel erreichen, 30 Prozent ihrer Mittel für das Klima auszugeben. Dabei ist noch völlig offen, ob und wann die Technologie tatsächlich zum Klimaschutz beitragen kann.

Was die Kernfusion für viele verlockend machen dürfte: Die Technologie scheint es möglich zu machen, dass wir unseren verschwenderischen Lebensstil beibehalten, inklusive immerwährendem Wirtschaftswachstum. Das wird aber nicht funktionieren. Denn auch wenn die Energie dann unendlich scheint: Die anderen Ressourcen sind es nicht, und Wirtschaftswachstum, was auf der Ausbeutung von immer mehr natürlichen Ressourcen beruht, kann auch mit Kernfusion nicht nachhaltig werden.

Wir müssen jetzt alles tun, um das Klima zu schützen, nicht erst in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Die Industrieländer sollten also, statt auf mögliche, teure Technik der Zukunft zu warten, lieber auf das setzen, was schon da ist und nachweislich funktioniert: Etwa auf Erneuerbare Energien, Elektroautos, die Dämmung von Häusern und das Einsparen von Energie.

Außerdem schaffen es Industrieländer wie Deutschland derzeit ja nicht einmal, alle klimafreundlichen Schritte zu gehen, die bereits erprobt und möglich sind. Zum Beispiel hat die Regierung umweltschädliche Subventionen wie das Dienstwagenprivileg noch immer nicht abgeschafft. Obwohl klar ist, und zwar ohne jegliche weitere Grundlagenforschung: Dadurch würden Emissionen eingespart!

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