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Ob ein erneuter Lockdown bei der aktuell hohen Impfquote Akzeptanz fände, ist fraglich.
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Ob ein erneuter Lockdown bei der aktuell hohen Impfquote Akzeptanz fände, ist fraglich.

Leitartikel

Kein Lockdown mehr: Welche Rolle spielt in Zukunft die Corona-Inzidenz?

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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Die Inzidenz verliert an Bedeutung. Das ist konsequent. Doch die Gesellschaft muss erst lernen, mit hohen Zahlen umzugehen. Der Leitartikel.

Vor rund acht Monaten brach Markus Söder (CSU) eine Lanze für die Inzidenzzahl. Diese war für den bayerischen Ministerpräsidenten die „Mutter aller Zahlen“. Söder begegnete damit Forderungen aus der Wirtschaft, die Beschränkungen von Grundrechten doch nicht länger nur von der Statistik der Infektionen abhängig zu machen. Schon damals konnte man ihm entgegenhalten, dass es auf lokaler Ebene einen massiven Unterschied macht, ob das Coronavirus in einem Studierendenwohnheim oder in einem Pflegeheim ausbricht.

Heute aber ist die Situation eine völlig andere. In wenigen Wochen werden 50 Millionen Menschen in Deutschland den vollständigen Impfschutz haben. Deshalb ist es richtig, dass die Inzidenz fortan eine wesentlich geringere Bedeutung haben wird, wenn es um die Frage geht, ob wir einen weiteren Lockdown oder zumindest neue Einschränkungen brauchen. Die Diskussion darüber wird sich nicht vermeiden lassen. Seit rund einer Woche steigen auch in Deutschland die Infektionszahlen wieder. Und ein Blick in andere europäische Länder lässt vermuten, dass es so weitergeht.

Umgang Deutschlands mit der Corona-Pandemie: Widersprüchliche Signale aus der Politik

Aus der Bundespolitik kommen widersprüchliche Signale. Während Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wieder von Wechselunterricht an den Schulen spricht, machte der womöglich künftige Kanzler Armin Laschet (CDU) zuletzt deutlich, dass er einer vierten Welle nicht mit einem erneuten Lockdown begegnen will. Und Außenminister Heiko Maas (SPD) sprach vom Ende aller Beschränkungen, wenn die gesamte Bevölkerung ein Impfangebot erhalten habe. Das sei im August der Fall. Bei Maas und Laschet klingt das nach dem englischen Weg: Es wird ein Tag X festgesetzt, von dem an sich der Staat aus der Pandemie-Bekämpfung weitgehend heraushält. Opfer werden dabei in Kauf genommen, weil das Gesundheitssystem wegen des Impfschutzes vieler Menschen mutmaßlich nicht zusammenbrechen wird.

Ein solches Vorgehen ist falsch. Zunächst: Ein Ende der Beschränkungen ist nicht etwa dann möglich, wenn alle ein Impfangebot hatten. Vielmehr müssen alle, die wollen, geschützt sein. Sie müssen also doppelt geimpft sein und noch 14 Tage warten, bis das Vakzin seine volle Wirkung entfaltet. Von einem Tag X schon im August auszugehen, ist daher Unsinn. Zudem muss das Angebot für alle Menschen gelten, für die ein Impfstoff zugelassen ist – also auch für Zwölf- bis 15-Jährige. Das muss die Politik sicherstellen, notfalls indem sie die Impfungen gegen die nicht nachvollziehbare Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorantreibt.

Deutschland muss Wege finden, mit steigender Corona-Inzidenz umzugehen

Vor allem aber muss diese Gesellschaft erst einmal einen Weg finden, mit steigenden Inzidenzzahlen umzugehen. Anderthalb Jahre lang zählte der Blick auf die tägliche Statistik zu unserem Alltag. Stiegen die Zahlen, wurden wir nervös, sanken sie, machten wir uns locker. Nun ist es zwar nicht unwichtig, wie viele Menschen sich anstecken. Wir müssen die Zahlen aber anders einordnen. Angesichts der fortgeschrittenen Impfkampagne kann das Gesundheitssystem mit viel mehr Fällen umgehen als im Herbst vorigen Jahres. Und genau darum geht es seit Beginn der Pandemie. Ziel der deutschen Corona-Politik war es nie, jede Ansteckung zu verhindern. Es ging darum, dass die Kliniken arbeitsfähig bleiben. Diesem Ansatz folgt die Neubewertung der Inzidenz.

Manche finden das zynisch, denn natürlich hat ein solcher Politikwechsel Folgen. Mehr Infektionen bedeuten mehr Leid. Einen vollständigen Schutz gegen Corona gibt es nicht, schon gar nicht gegen die sehr ansteckende Delta-Variante. Zudem gibt es Menschen, die sich nicht impfen lassen können oder nicht von einer ausreichenden Wirkung der Vakzine ausgehen dürfen. Sie müssten noch vorsichtiger sein als zuletzt oder sich einem hohen Risiko aussetzen. Und über Long Covid, die weitgehend unerforschten Langzeitfolgen einer Infektion, haben wir noch gar nicht gesprochen.

Corona-Pandemie in Deutschland: Ein weiterer Lockdown fände keine Akzeptanz

Trotzdem wäre es falsch, auf steigende Zahlen automatisch wieder mit Verschärfungen zu reagieren. Denn die Folgen dieser Politik sind immens: Wer Schulen und Kitas schließen will, nimmt körperliche und psychische Schäden der Jüngsten in der Gesellschaft in Kauf. In den Kinder- und Jugendpsychiatrien gab es zuletzt kaum mehr freie Plätze.

Zudem stünde die Gesellschaft bei erneuten harten Einschränkungen trotz hoher Impfquote vor einer Zerreißprobe. Ob ein Lockdown überhaupt Akzeptanz fände, ist fraglich. Viel zu oft haben die Menschen gehört, sie müssten nur noch ein paar Wochen durchhalten, dann sei das Schlimmste überstanden. Dazu kommt der wirtschaftliche Faktor: Gaststätten, die nun noch einmal schließen müssten, würden mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder öffnen. Das Gleiche gilt für kleinere Geschäfte.

Was also bleibt: Die Strategie der vollständigen Öffnung an Tag X ist nicht zielführend. Doch wenn alle, die wollen, den vollen Impfschutz haben, fällt zumindest die Legitimation für eine erneute Verschärfung von Einschränkungen weg. (Georg Leppert)

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