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Leitartikel

Missbrauch und Frauenrechte: Letzte Chance für die katholische Kirche in Deutschland

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Die katholische Kirche muss vieles grundsätzlich ändern. Sonst wird sie bedeutungslos.

  • Opfer sexueller Kriminalität durch Priester vermissen Reue der katholischen Kirche.
  • Der Kölner Kardinal Woelki, hält eine Missbrauchsstudie des Erzbistums unter Verschluss.
  • Ein Kommentar von Bascha Mika.

Es war einmal eine katholische Kirche, an die hierzulande ihre Mitglieder glaubten. Es war einmal eine Kirche, auf die ihre Anhänger vertrauten. Eine Kirche, die spirituelle Autorität besaß. Es war einmal … Um es mit einem Bild der Bibel zu sagen: Der Fels, auf den Petrus seine Kirche gebaut hat, ist unterspült, das Fundament untergraben. Denn die Basis ist nicht mehr bereit, das Gebäude zu tragen – nicht in seiner bisherigen Form.

Letzte Chance für die katholische Kirche einiges zu ändern.

Die katholische Kirche spricht von einer „schwierigen Zeit“ für sich

„Es ist eine schwierige Zeit für uns“, räumte Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, vorsichtig ein. „Gläubige reagieren auf Dinge, die ihnen nicht gefallen.“ Schwierige Zeit? Nicht gefallen? Angesichts der öffentlichen Empörung über die Verbrechen und Verfehlungen im katholischen Haus eine sehr barmherzige Formulierung. In Scharen verlassen Katholik:innen Mutter Kirche, weil sie deren monsterhafte Züge nicht mehr ertragen. Die Hartherzigkeit, die Hybris, die Heuchelei, die Hartgesottenheit.

Die Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe war ein Krisentreffen. Dass es Probleme gibt, hatte die Unternehmensführung der katholischen Kirche in Deutschland immerhin verstanden. Doch leider war die Erkenntnis sehr lückenhaft. Denn eigentlich wollten sich die 68 Führungskräfte weder mit dem Skandal im Erzbistum Köln noch mit der Reformbewegung Maria 2.0 beschäftigen. Schiefgegangen. Auch die Kirchenkritiker:innen nutzten die Gelegenheit zum öffentlichkeitswirksamen Auftritt.

Frauen haben es gründlich satt, für die katholische Kirche zu schuften, ohne mitgestalten zu dürfen

Wie einst Luther schlugen die Frauen von Maria 2.0 bundesweit ihren Protest an die Kirchen- und Domportale. In sieben Thesen forderten sie die Bischöfe publikumsträchtig auf, endlich für den weiblichen Zugang zu allen Kirchenämtern zu sorgen. Sie prangerten den Machtmissbrauch und den Klerikalismus der Institution an, die menschenverachtende Sexualmoral. Die Kirche übe ein Machtsystem aus, „das Menschen schädigt und das nicht gerecht ist“, so die Theologin Maria Mesrian.

Diese Frauen haben es gründlich satt, als Dienerinnen im Weinberg des Herrn zu schuften, ohne mitgestalten zu dürfen. Da können die Bischöfe noch so laut jammern, dass ein deutscher Sonderweg nicht möglich sei, weil der Vatikan auf seiner frauenfeindlichen Haltung beharrt.

Mit Beate Gilles als neuer Generalsekretärin der Bischofskonferenz haben die Mitraträger zwar ein Zeichen gesetzt, mehr aber auch nicht. Wann wird der Männerzirkel endlich begreifen, dass die Kirche die Frauen braucht und nicht umgekehrt?

Die katholische Kirche wird wie ein Clan geführt

Unübersehbar – die Gläubigen sind wütend. Die Verfasstheit der jahrtausendealten Anstalt wird so heftig kritisiert wie selten zuvor. Es geht nicht mehr um einzelne Konflikte, es geht um das System.

Den hierarchischen Aufbau der Kirche: der Papst ein oberster Potentat, jeder Bischof ein kleiner König, fehlende Mitsprache der Untertanen. Die patriarchalen Verhältnisse: keine Frau in geweihtem Amt oder Beteiligung an der Macht.

Die internen Strukturen: geprägt vom Selbstverständnis eines Clans, der sich außerhalb der staatlichen Gerichtsbarkeit und der Öffentlichkeit wähnt. Die Führungskultur: Gehorsamsgelübde nach oben, Folgsamkeitserwartungen nach unten, organisierte Verantwortungslosigkeit als Folge.

Opfer sexueller Kriminalität durch katholische Priester vermissen Reue der Kirche

Und was ist mit Seelsorge und Spiritualität? Auch überzeugten Christ:innen macht die kalte, bis zur Versteinerung verkrustete Institution zunehmend Angst. Wo bleibt das Mitleiden und die bedingungslose Zuwendung zu den Opfern, die durch Kriminelle im Priesteramt sexueller Gewalt ausgesetzt waren?

Radikal fordert die Basisorganisation Wir sind Kirche einen Neuanfang durch den massenhaften Rücktritt von Bischöfen. Das gilt zuvorderst dem Kölner Kardinal Woelki, der eine Missbrauchsstudie des Erzbistums unter Verschluss hält und persönlich beschuldigt wird, eine derartige Straftat vertuscht zu haben. Seinen Reue-Ritualen zum Trotz stiegen die Kirchenaustritte in seinem Bistum drastisch an.

Die katholische Kirche läuft Gefahr, bedeutungslos zu werden

Dabei haben auch eingefleischte Kirchenskeptiker keinen Grund zu frohlocken. Selbst wenn den christlichen Kirchen nur noch die Hälfte der Bevölkerung angehört, werden sie gebraucht. Nach wie vor bieten sie vielen Menschen eine spirituelle Heimat, Gemeinschaftsort für den Glauben. Wie viele soziale Einrichtungen liegen in kirchlicher Verantwortung, wie viele Gemeinden kümmern sich um Bedürftige und zeigen mutiges Engagement für Geflüchtete? Und auch als moralische Instanz in der öffentlichen Debatte haben die Kirchen nicht einfach abgewirtschaftet.

Doch die Gefahr ist da, zu Recht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. „Verspielen Sie nicht die letzte Chance!“ Mit diesem Appell haben sich katholische Laienorganisationen an ihre Bischöfe gewandt. Der Aufschrei ist auch ein Hilferuf: Zerstört unsere Kirche nicht! Ohne Gläubige kann es sie nicht geben. Wird der Weckruf endlich gehört? Wenn nicht, werden wir zusehen, wie das System kollabiert: Eine Institution, die an sich selbst erstickt. (Bascha Mika)

Rubriklistenbild: © Evandro Inetti

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