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Verschlossen ist die Tür zur Synagoge in Halle/Saale. Durch diesen Eingang wollte ein schwerbewaffneter Terrorist vor zwei Jahren die Synagoge stürmen.
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Verschlossen ist die Tür zur Synagoge in Halle/Saale. Durch diesen Eingang wollte ein schwerbewaffneter Terrorist vor zwei Jahren die Synagoge stürmen.

Jahrestag des Anschlags

Kampf gegen Antisemitismus – Halle ist überall

  • Pitt v. Bebenburg
    VonPitt v. Bebenburg
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Antisemitismus ist bittere tägliche Realität. Wir sind alle gefragt, dagegen aufzustehen. Und auch die Politik. Der Leitartikel.

Frankfurt/Halle - Deutschland muss große Aufgaben bewältigen. Im Bundestagswahlkampf wurden viele Themen benannt, allen voran Klimaschutz, Digitalisierung und faire Arbeitsbedingungen.

Ein zentrales Thema spielte im Wahlkampf aber keine Rolle. Es kommt nur vor, sobald ein furchtbarer Terroranschlag die Republik erschüttert: der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Dabei zählt diese Herausforderung zu den größten und schwierigsten, die Deutschland zu bewältigen hat. Denn mit ihr steht und fällt die Demokratie.

Terroranschlag in Halle am 9. Oktober 2019

Vor zwei Jahren, am 9. Oktober 2019, dem heiligsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein Täter in die Synagoge von Halle einzudringen und die dort versammelten 52 Menschen zu töten. Deren Leben wurden gerettet durch eine Eichenholztür, die hinterher unzählige Einschusslöcher aufwies.

Der Täter zog weiter, ermordete den Kunden eines Döner-Imbisses und eine Passantin und versuchte noch weitere Menschen umzubringen. Aus einer Verschwörungsideologie, die Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit, Rassismus, Frauenhass und Homophobie verband. Halle reihte sich ein in die Serie rechtsextremer Gewalt, die nicht erst mit den Bluttaten des NSU und dem Mord an Walter Lübcke begann und nicht mit der Terrornacht von Hanau endete.

Antisemitismus in Deutschland war nie vorbei

Rechtsextreme Gesinnung und ihre Vollstrecker – seltener: Vollstreckerinnen – sind mit der Befreiung von Auschwitz, jenem tödlichsten Exzess antisemitischer Verschwörungsideologie, nicht verschwunden. Der Antisemitismus ist nicht vorbei, selbst jetzt nicht, da die letzten Überlebenden des Naziterrors betagte Menschen sind. Wenige Tage vor dem Jahrestag des Attentats von Halle musste der jüdische deutsche Sänger Gil Ofarim in Leipzig Anfeindungen erleben, weil er einen Davidstern trug. Der Fall sorgt für Empörung – und das zu Recht.

Über die Empörung könnte man glatt vergessen, dass solcherart Anfeindungen in Deutschland gang und gäbe sind, wenn „Jude“ als Schimpfwort gebraucht wird, wenn Menschen in der Öffentlichkeit beschimpft werden, weil sie Kippa tragen, und niemand ihnen zur Seite springt. Fast wirkt das Ausmaß der Empörung im Fall Ofarim, als hätten viele nichts mitbekommen von der Alltäglichkeit dieser Bedrohung. Dabei sind Polizeistreifen vor Jüdischen Gemeinden nur allzu sichtbar. Doch manche scheinen diesen Schutz misszuverstehen, als ginge es um ein Problem für Jüdinnen und Juden, das alle anderen nicht kümmern braucht. Antisemitismus ist aber unser aller Problem.

Jedes Unbehagen in der Gesellschaft kann über die „Filterblasen“ der sozialen Medien in Richtung antisemitischer Verschwörungsideologie gelenkt werden. Wie sehr antisemitische Ideologinnen und Ideologen auf dem Vormarsch sind, ist bei der Auseinandersetzung über Corona-Impfungen deutlich zu spüren.

Nach Antisemitismus-Vorwürfen versammeln sich Hunderte Menschen vor dem Westin Hotel Leipzig, um Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen.

Antisemitismus: Wir müssen dagegen aufstehen

Zudem werden antisemitische Hassbotschaften seit der Zuwanderung von Flüchtlingen aus arabischen Ländern gleich von zwei Seiten reproduziert: von Zugewanderten, die aus zutiefst antisemitischen Gesellschaften nach Deutschland gekommen sind; und, genau umgekehrt, von denjenigen, die Zuwanderung für einen Bevölkerungsaustausch halten, der von finsteren Mächten gesteuert werde – das klassische Motiv des Antisemitismus.

Dagegen müssen wir aufstehen. „Spreche keiner von Mut, wenn er sein Gesicht zeigt. Und wenn man es nicht tut, ist es keine Frage von mangelndem Mut, sondern von purem Opportunismus oder stillem Einverständnis.“ So hat es Michel Friedman ausgedrückt, der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und heutige Direktor des Center for Applied European Studies in Frankfurt.

Neue Regierung muss Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus stärken

Er stellt rhetorische Fragen an uns alle, Fragen wie diese: „Braucht es Mut, um seinem Vorgesetzten, der Frauen diskriminiert, der Schwule diskriminiert, der einen Judenwitz macht, der nie witzig ist, zu sagen: ,Stopp!’?“ Die Antwort sollte klar sein: Nein, es braucht keinen Mut, sondern nur die Bereitschaft, mit den Angegriffenen zu fühlen und sich klar an ihre Seite zu stellen. Diese Selbstverständlichkeit braucht es mehr denn je. Von jedem und jeder einzelnen. Und von einer Politik, die diese Herausforderung ernstnimmt.

Die neue Bundesregierung muss die demokratische Zivilgesellschaft in ihrem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus stärken. Präventionsstellen und Opferberatung müssen arbeiten können ohne Misstrauensklauseln, wie sie von den Unionsparteien immer wieder durchgesetzt worden waren. Klare Signale sind notwendig. Eine Ampelkoalition bietet dafür die Chance. (Pitt von Bebenburg)

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