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Antisemitisches Relief an Luthers Kirche: Judenhass bleibt

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Von: Pitt von Bebenburg

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Bodenplatte vor der Stadtpfarrkirche von Wittenberg: Sie soll mit dem dortigen Relief der „Judensau“ als Mahnmal wirken.
Bodenplatte vor der Stadtpfarrkirche von Wittenberg: Sie soll mit dem dortigen Relief der „Judensau“ als Mahnmal wirken. © Norbert Neetz/epd

Der Bundesgerichtshof erlaubt das antisemitische Relief an Luthers Kirche in Wittenberg. Ein Kommentar von Pitt von Bebenburg.

Wie schön wäre es, den Antisemitismus beseitigen zu können, indem judenfeindliche Symbole aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Leider geht es nicht so einfach.

Gleichwohl schmerzt das Urteil des Bundesgerichtshofs vom Dienstag, wonach ein offenkundig judenverachtendes Werk hängen bleiben kann. Die Richterinnen und Richter des 6. Zivilsenats stellten zwar fest, dass das Wittenberger Kirchenrelief, das eine „Judensau“ darstellt, in Stein gemeißelter Antisemitismus ist. Doch Konsequenzen verlangten sie nicht, da sie die Erläuterungstafeln ausreichend fanden. Wie kann das sein?

Christentum hat zur Verbreitung des Antisemitismus erheblich beigetragen

Bundesregierung, Länder, Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftliche Organisationen werden nicht müde, den Kampf gegen Antisemitismus einzufordern. Zu Recht. Wie passt es dazu, wenn Antisemitismus dennoch an einer Kirche ausgestellt werden darf? Und zwar nicht an irgendeiner Kirche, sondern an der Stadtpfarrkirche des Martin Luther. Der Reformator hat bekanntlich selbst gegen Jüdinnen und Juden gehetzt, er wollte sie vertreiben und ihre Synagogen niederbrennen lassen. Die Nazis konnten sich auf ihn berufen, als sie die Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens zum Programm machten. Welch ein furchtbares Erbe!

Das Christentum hat zur Verbreitung des Antisemitismus erheblich beigetragen. Es gibt ähnlich üble Darstellungen wie in Wittenberg in geschätzt 50 weiteren Kirchen in Europa. Die Gemeinden müssen sich unmissverständlich davon distanzieren, in einer Weise, die den Hass aus den Kirchen vertreibt, 500 Jahre nach Martin Luther. Sie müssen dafür die richtige Form finden.

Judenhass hat Hochkonjunktur, bis in die Mitte der Gesellschaft

In Wittenberg ist das Gegenteil der Fall: Die Texte der beiden Erläuterungstafeln sind misslungen. Ihre verquaste Sprache ebenso wie die schwer lesbare Anordnung lässt unbefangene Kirchenbesucher:innen mit dem Relief allein. Die Botschaften wirken, als wolle sich die Kirche durchmogeln, statt das menschenverachtende Kunstwerk anzuprangern und ein klares Signal gegen Antisemitismus auszusenden.

In manchen Fällen mag nichts anderes helfen als die Entfernung des Objekts – so wie man es selbstverständlich tun würde, wenn es um ein Hakenkreuz ginge. In Wittenberg tut zumindest eine klarere Abgrenzung von der Ausgrenzung not.

Es geht nicht nur um eine historische Verpflichtung. Es geht um das Hier und Heute. Judenhass hat Hochkonjunktur, bis in die Mitte der Gesellschaft. Die antisemitischen Narrative der Proteste gegen Corona-Regelungen haben das deutlich gezeigt. Die Gefahr ist real. Dem muss die Gesellschaft entschieden begegnen. (Pitt von Bebenburg)

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