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An jede Maßnahme des Gesundheitsschutzes denken wir eine Handlung für soziale Freundlichkeit mit dazu (siehe Maske).
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An jede Maßnahme des Gesundheitsschutzes denken wir eine Handlung für soziale Freundlichkeit mit dazu (siehe Maske).

Jahresrückblick

Jahresrückblick: Z wie Zukunft - für ein neues ABC des Gemeinsinns

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Ein Naturereignis hat unsere Beziehungen auf den Kopf gestellt und droht, unsere Begriffe des Sozialen umzuwerten. Im kommenden Jahr sollten wir ein neues ABC des Gemeinsinns schreiben. Eine persönliche Jahresbilanz.

Abstand: Eine Nation mit Kaspar-Hauser-Syndrom? Ein Land kontaktscheuer Einzelgänger? Bitte nicht. Nähe ist ein Schlüssel für die Menschwerdung. Distanz muss die Ausnahme sein. Bewusstes neues Verhalten könnte so aussehen: An jede Maßnahme des Gesundheitsschutzes denken wir eine Handlung für soziale Freundlichkeit mit dazu (siehe Maske).

Bewegung: Ohne Veränderung im Raum kein Begreifen. Nach der Schockstarre der geschlossenen Räume brauchen etwa Vereine besondere Unterstützung, um verlorene Jahrgänge wieder für die Schönheit gemeinsamer körperlicher Anstrengung zurückzugewinnen. Vielleicht gelingt es auch, den Trend zur stupiden Selbstoptimierung wieder mit einer sozialen Komponente zu ergänzen. Vom Spaziergang bis zum Mannschaftssport.

Coronavirus, Covid-19: Offensichtlich ist es möglich, komplexe Begriffe einer breiten Masse verständlich zu machen, wenn die persönliche Relevanz deutlich wird. Diesen Mechanismus sollten Medien und Politik nutzen und mit gleicher Anstrengung Fakten zum CO2-Kreislauf zum Volkswissen werden lassen. Die Klimakrise ist nicht vorbei, wenn das Virus besiegt sein sollte.

Ein Feuerwerk, das sich viele wünschen.

Digitalisierung: Innerhalb weniger Wochen war klar, dass nicht der Breitbandausbau und mehr Computer die Zukunft einer Gesellschaft bestimmen, sondern die Fähigkeit von Schulen, Behörden, Organisationen und Firmen – also den Menschen - damit umzugehen. Wird die Digitalisierung internationalen Konzernen überlassen, zerstört sie in Glasfasergeschwindigkeit unsere Kultur. Höchste Zeit, eine staatliche gemeinwohlorientierte Rahmung durchzusetzen. Ein abgestimmtes Handeln von EU, Bund und Ländern hat höchste Priorität, kompetent ausgestattete Digitalministerien werden Pflicht.

Einsamkeit: Schon vor Corona vereinsamten Menschen. Jetzt wissen fast alle, wie schrecklich sich Isolation auswirkt. Dieses Gefühl sollten möglichst viele konservieren und die nächste Chance nicht verstreichen lassen, wenn andere Gemeinschaft benötigen. 

Fallzahlen: Corona hat zu einer Demokratisierung von Daten geführt. Über Nacht waren Neuinfektionen, Todesfälle, Intensivbetten über Webseiten mit Quellenkritik für alle einsehbar. Das sollte Schule machen: Armut, Einkommensscheren, Diskriminierung, Sozialausgaben, Klimawerte – Datentransparenz als ein Pflichtfach von morgen.

Grundsicherung: Sozialstaaten konnten die Folgen der Coronakrise deutlicher mildern als Länder ohne Krankenversicherung, Sozialversicherung und Arbeitsschutz. Ein Auftrag für das Wahljahr 2021: Um für künftige Krisen gewappnet zu sein, muss die soziale Marktwirtschaft wieder von unten nach oben gedacht werden. Vom einzelnen Menschen und der Absicherung der vielen her und weniger vom Unternehmer und dem Kapital ausgehend.  

Home Office, Home Schooling: Auf einem Fass kann man Theater spielen, auf einem Küchenstuhl arbeiten. Stimmt, zurückgeworfen auf das Basale zu sein, ist aber ein Armutszeugnis für eine führende Industrienation. Schon vor Corona zeigte sich die Spaltung in Gewinner und Verlierer der Digitalisierung. Nun wissen wir, dass es einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung bedarf und diese viel größer und eiliger ist als befürchtet.

Impfen: Mit der Hoffnung auf Schutz war auch viel Egoismus verbunden. Die Fratze des Reichtums und des innenpolitischen Kalküls darf nicht die weltweite Solidarität ersetzen. Nationale Isolation ist nicht nur bei Katastrophen unmöglich: Gegen Viren und Stürme hilft kein Stacheldraht, nur multilaterale Forschung und Weltentwicklung. Und: Mit dem Impfstoff sind die restlichen Probleme nicht beseitigt.

Jugend: Während die Aufregung über einige wenige Feiernde groß war, war die stille Veränderung einer ganzen Generation größer, in einem Wort des Jahres zusammengefasst: „Lost“, verloren. Abschlussfahrten, Anfangs-Partys an Uni und Berufsschule, Sportveranstaltungen, Familienfeiern – Corona hat einen Jahrgang um die Rituale der sozialen Integration beraubt. Ein Erbe, dessen Auswirkungen noch unkalkulierbar sind.

Kurzarbeit: Ex-Linde-Chef Wolfgang Reitzle forderte das Ende der Kurzarbeit, weil diese nur verdecke, dass ein grundlegender Umbau anstehe und wir „einen Bodensatz an Menschen in Arbeitslosigkeit“ akzeptieren müssten. Müssen wir nicht. Wir benötigen eher eine Steuer von denen, die Menschen nur als „Kostenfaktor“ auf dem Weg zum eigenen Reichtum ansehen. Nur eine sozial gerechte Demokratie bleibt Demokratie, die Alternative heißt Polarisierung und Demagogie.

Lockerung: Eine der größten Umwertungen der Corona-Politik muss schnellstens behoben werden. Nicht die Beschränkung setzt den Standard, sondern die Freiheit. Wir dürfen deren schleichende Entwertung in Sprache und Taten nie akzeptieren. 

Maske: Das Problem mit dem Mund-Nasenschutz ist nicht der Stoff, sondern der Mensch dahinter. Es wird Zeit, dass wir uns nicht von der Angst vor dem Mitmenschen leiten lassen, sondern von dem Wunsch zu einem freundlichen Miteinander beizutragen. Aufgabe für 2021: Lächeln Sie mit Maske so viele wie möglich an, bis sich die Augen des Gegenübers aufhellen.

Nachverfolgung: Ein gefährliches Spiel begann mit der Pandemiebekämpfung – Persönlichkeitsrechte aufgeben, um mutmaßlich besser helfen zu können. Es gibt keinen Gegensatz von Datenschutz und Gesundheitsschutz. Nur unzureichende und veraltete Ausstattung eines von Privatisierung bedrohten Gesundheitswesens. Das Virus wird durch einen Impfstoff besiegt und nicht durch eine App.

Offen: Wir haben uns an den berechenbaren, jederzeit greifbaren Konsum gewöhnt. Corona wirft uns darauf zurück, dass nicht alles verfügbar ist. Vor geschlossenen Läden, Theatern, Kinos, Kitas und Restaurants stellt sich die Frage, was wichtig ist im Leben. Wie sieht unser Konzept eines guten Lebens aus? Gerade in der Unverfügbarkeit zeigt sich der Wert.

Pandemie: In einer Welt, in der Donald Trump multilaterale Organisationen in Frage stellte , Boris Johnson aus der EU austrat, zeigt ein Virus, dass internationale Zusammenarbeit wichtiger denn je ist. Was wir in eine europäische Idee, in die Vereinten Nationen investieren, bekommen wir auch national zurück. Nur Panhumanität besiegt Pandemien.

Quarantäne: Wir haben eine neue Zeiteinheit gelernt. Zu Sekunde, Tag und Woche gesellt sich nun die Spanne, die ein Mensch benötigt, um zu wissen, ob er angesteckt wurde oder ansteckend ist. Zwei Wochen sind erfahrbar. Wir müssen dies ergänzen um neue Zeitmaße – wie lange dauert Verhungern? Wie lange, in einem Flüchtlingslager zu sterben?

RKI: In der Krise zeigt sich der Wert staatlicher Organisationen ohne wirtschaftliche Interessen. Die mangelnde Ausstattung des Robert-Koch-Instituts ist ein Skandal und doch nur ein Symptom für einen falschen Weg. Gemeinwohl lässt sich nicht privatwirtschaftlich organisieren. Wir benötigen dringend eine Kurskorrektur und nicht noch mehr Privatisierung.

Systemrelevanz: Unsere Gesellschaft wertet unentdeckt laufend, etwa indem sie Menschen, die an der Börse auf Hungerkatastrophen wetten, reich macht und Erzieherinnen, Pflegerinnen und Verkäuferinnen Mindestlohn bezahlt. Eine Umschichtung kann nur stattfinden, wenn systemisch nachkorrigiert wird. Steuern für Reiche, damit alle besser entlohnt werden können.

Triage: Ein theoretisch anmutendes moralisches Dilemma wurde zur offensichtlichen Realität. Wer darf leben, wer darf sterben? Die Deutschen haben eine unsägliches Erbe in dieser Frage. Sie müssen daraus die Verantwortung ableiten, dass sie sich nie mehr stellt. Nicht nur in Deutschland.

Urlaub: Während in den USA 300.000 Corona-Tote zu beklagen waren, diskutierten wir, ob und wohin wir reisen. Gleichzeitig erholte sich die Natur, weil die Massen an Touristen fehlten. Die Reiseindustrie hat nun die Chance, eine neue Kultur bewusster Freizeit zu etablieren. Weniger Urlaubsreisen, nachhaltiger. 

Virologie: Nach einer anfänglichen Wissenschaftseuphorie stellte sich Ernüchterung ein. Widerstreitende Erkenntnisse müssen durch Erfahrung und leitende Werte eingeschätzt werden. Ein reiner Faktenzentrismus macht uns zu eindimensionalen Menschen und lässt uns verwirrter und nicht aufgeklärter zurück. Wir benötigen mindestens so viele Podcasts zu Gerechtigkeit wie zu Vorerkrankungen.

Webcam: Videokonferenzen bieten viele Chancen. Plötzlich gratuliert die Verwandtschaft zum Geburtstag, die sich nie auf Feiern blicken ließ. Fallen Dienstreisen weg, weil ein Treffen im virtuellen Raum effektiver ist. Entscheidend ist, diese Kulturtechnik allen zugänglich zu machen: Alten, sozial Schwächeren, Ungeübten. Und es nicht zu verherrlichen. Videokonferenzen sind eine ergänzende Technik, sie ersetzen nicht die Menschlichkeit.

X -Exponenzielles Wachstum: Der Unterschied zwischen einem Reproduktionsfaktor von 1,1 und 1,3 ist für viele unvorstellbar. Menschen denken linear und sind somit auf die Folgen hochvernetzter globaler Ereignisse nicht vorbereitet. Um nicht über emotionale Geschichten manipulierbar zu sein, benötigen wir eine neue Didaktik der Vernetzung. Der Unterschied zwischen einer Erderwärmung von 1,5 Grad und 2,5 Grad muss kulturelles Wissen werden.

Youtube: Die Macht alternativer Medien hat sich in der Corona-Krise deutlich gezeigt. Eine abgekapselte Subkultur versorgt sich mit nur dafür produzierten Schnipseln und Informationen außerhalb der bisher geübten Informationskultur. Dies wird sich nie wieder ändern. Quellenkunde, Faktencheck, Einordnungskompetenz waren in der Bildung immer eine zentrale Aufgabe. Sie muss reaktiviert und verstärkt werden.

Zukunft: Nach der Angst, nach den ersten panischen Hilfsmaßnahmen, nach dem „Fahren auf Sicht“ ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Diese Pandemie wird nicht die letzte gewesen sein. Die Folgen der Klimakrise stehen bevor. Es ist nötig, in eine Kultur des Gemeinsinns zu investieren: Eine Demokratie des sozialen Ausgleichs, ein gemeinwohlorientierte Staatsvorstellung mit gerechter Verteilung der Lasten. Corona ist der Anfang, nicht das Ende. (Von Thomas Kaspar)

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