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In Afrika, wo inzwischen 1,3 Milliarden Menschen leben, werden die Nadeln frühestens Mitte des kommenden Jahres kommen.
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In Afrika, wo inzwischen 1,3 Milliarden Menschen leben, wird der Impfstoff frühestens Mitte des kommenden Jahres kommen.

Leitartikel

Immer im Nachteil

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Während die reichen Industrienationen Massenimpfungen vorbereiten, müssen die Menschen in Afrika wieder einmal warten. Der Leitartikel.

Selten kommt der Zynismus unserer Welt ungeschminkter zum Vorschein als dieser Tage: Wenn Millionen von Afrikaner:innen an ihren Bildschirmen verfolgen, wie in anderen Teilen der Erde eine Flüssigkeit in Tausende von kleinen Fläschchen gefüllt, verpackt, versendet und in den ersten Fällen bereits in hellhäutige Oberarme gespritzt wird. Dagegen wissen die Zuschauer:innen, dass sie selbst vielleicht in einem Jahr in den Genuss der injizierten Lösung kommen – falls sie bis dahin noch am Leben sind.

Die Rede ist vom Corona-Impfstoff, der die Kehrtwende im Kampf gegen die Pandemie einleiten soll. Allein die erste, vom US-Konzern Pfizer und dem Mainzer Unternehmen Biontech entwickelte Variante wird bereits in den kommenden Wochen Millionen von Menschen Schutz vor dem fiesen Virus bieten – vorausgesetzt sie gehören zu den 15 Prozent der Weltbevölkerung, die in den wohlhabenden Nationen leben. Den Recherchen der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im US-Staat Maryland zufolge haben die Regierungen der Industrienationen insgesamt bereits 7,5 Milliarden Impfstoffdosen bestellt – mehr als die Hälfte aller Vakzine, die im günstigsten Fall in den kommenden Monaten produziert werden können. Damit vermögen Staaten wie Deutschland ihre gesamte Bevölkerung im Lauf des kommenden Jahres mindestens dreimal durchzuimpfen.

Der Rest der Welt, immerhin 85 Prozent der Menschheit, muss sehen, wo er bleibt. In Afrika, wo inzwischen 1,3 Milliarden Menschen leben, werden die Nadeln frühestens Mitte des kommenden Jahres kommen. Im Oktober könnten 60 Prozent der Afrikaner:innen geimpft sein, prognostizieren die Forscher der Johns-Hopkins-Universität; die Voraussetzung dafür, dass mit der Herdenimmunität die Ausbreitung des Virus gestoppt wird. Wahrscheinlich werde jedoch mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung selbst Ende 2021 noch ohne Schutz sein: Wo dieser Teil der Menschheit lebt? Dreimal dürfen Sie raten.

Ausnahmsweise hat Afrika mit der Ausbreitung eines Virus einmal nichts zu tun: Es wurde ausgerechnet aus Europa nach Afrika geschleppt – eine Umkehrung des müden Diktums vom Kontinent der Krisen, Kriege und Krankheiten. Selbstverständlich fühlt sich in Europa niemand dafür verantwortlich, dass in Afrika mittlerweile rund 2,5 Millionen Menschen mit dem Erreger infiziert und mindestens 60 000 gestorben sind. Pandemien werden immer wahrscheinlicher, sagen Fachleute voraus. Sie sind die Schattenseiten unserer Weltbeherrschung.

Der Impfstoff hingegen wurde in Rekordzeit entwickelt. Nicht einmal ein Jahr hat es gedauert. Doch während das Virus über Individuen und staatliche Grenzen hinweg auf die gesamte Menschheit verbreitet wurde, wird die Antwort darauf von Staaten und Privatunternehmen eingegrenzt.

Dabei haben Pfizer, Biontech und Konsorten nicht nur von staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe profitiert: Ihre Forschung basiert auf einem seit Hunderten von Jahren geschaffenen Wissensfundament, das sich die Unternehmen in einem schleichenden Coup als angeblichen Privatbesitz unter den Nagel gerissen haben. Ausgerüstet mit Patenten und munitioniert von Lobbyist:innen geben die Pharmakonzerne vor, dass es ohne den Schutz ihrer angeblich privaten Entwicklungen keinen Fortschritt mehr gebe. Eine unbewiesene und dreiste Behauptung. Als ob ein Jota an menschlicher Genialität und Wissen verloren ginge, wenn Pfizer oder Biontech Bankrott anmelden müssten. Eine Initiative der indischen und südafrikanischen Regierungen, Patente für neue Impfstoffe vorübergehend aufzuheben, damit auch andere Firmen die Seren – preiswerter und in größeren Mengen – produzieren können, scheiterte kürzlich vor der Welthandelsorganisation WTO am Veto der Industrienationen, auch der deutschen Regierung. Die Aushöhlung des Patentrechts gefährde den künftigen Fortschritt, hieß es. Dass dessen Aufrechterhaltung das Leben Tausender Menschen gefährdet, wird offenbar in Kauf genommen.

Unterdessen fordert UN-Generalsekretär António Guterres, die Impfstoffe als „globales öffentliches Gut“ zu behandeln: In diesem Fall hätte jeder Mensch dasselbe Recht auf den nötigen Schutz – der von der Weltgesundheitsorganisation WHO bereits gegründete Zusammenschluss Covax könnte für eine faire Verteilung der Vakzine sorgen. Doch Covax verfügt derzeit nur über lächerliche 700 000 Dosen. Mehr Brosamen sind vom Tisch der Schacherer nicht abgefallen. Vielleicht denken Sie mal kurz daran, wenn Sie in den nächsten Wochen den rettenden Stich im Oberarm spüren.

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