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Blumen und Kerzen sind vor einer Tankstelle aufgestellt. Ein Angestellter der Tankstelle war am Samstagabend von einem mit einer Pistole bewaffneten Mann erschossen worden.
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Blumen und Kerzen sind vor einer Tankstelle aufgestellt. Ein Angestellter der Tankstelle war am Samstagabend von einem mit einer Pistole bewaffneten Mann erschossen worden.

„Querdenker“

Mord wegen Maskenpflicht in Idar-Oberstein: Es brodelt in Deutschland

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Ein Mann tötet, weil er keine Maske tragen will. Was sagt das über die Stimmung in unserer Gesellschaft aus? Ein Kommentar.

Der Mann, der am Samstag in Idar-Oberstein einen 20-jährigen Tankstellen-Verkäufer erschoss, soll etwas Interessantes ausgesagt haben: Die Corona-Situation (gemeint sind offensichtlich nicht die gefährlichen Viren, sondern die Maßnahmen dagegen) habe ihn stark belastet. Er habe sich „in die Ecke gedrängt“ gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“, als ein Zeichen zu setzen.

Zur Erinnerung: Konkret ging es darum, während der wenigen Minuten eines Einkaufs eine Stoffmaske über Mund und Nase zu ziehen. Was in einem Menschen vorgeht, der zu Hause eine Waffe holt und einen Menschen erschießt, der ihn an diese Regel erinnert hat, ist individuell von außen nicht nachzuvollziehen. Aber die Tat sollte Anlass sein, sich an ein paar Dinge zu erinnern.

„Querdenker“: Eine seriöse Auseinandersetzung fast gar nicht mehr möglich

Wer in diesen Tagen fröhlich durchs Leben geht, sich täglich einigermaßen auf dem Laufenden hält und die dunkleren Ecken der „sozialen“ Netzwerke meidet, wird von Deutschland einen harmlosen Eindruck bekommen. Wenige Tage vor einer wichtigen Wahl, der Bundestagswahl 2021, wirkt die Stimmung keineswegs elektrisiert, weder im Positiven noch im Negativen. Kein Geschrei auf den Straßen, keine Massenbewegungen für oder gegen radikale Veränderungen, kaum hörbare Krisensignale im Alltag, obwohl die ökologischen, sozialen, globalen Krisen eigentlich mit Händen zu greifen sind.

Selbst die Pandemie hat daran gar nicht so viel geändert. Sicher, es gab die Demonstrationen von Leuten, die sich plötzlich als Verfolgte in einer Diktatur ansahen oder zumindest so taten, um mal richtig auf den Putz hauen zu können. Aber die große Mehrheit beugte sich aus Einsicht oder Unsicherheit den Einschränkungen der Freiheit. Und die selbsternannten „Querdenker“ tönten so laut durch Gesellschaft und Medien, dass eine seriöse Auseinandersetzung über die Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und Freiheit fast gar nicht mehr möglich war.

Mit anderen Worten, Deutschland tat, was es offenbar am besten kann: Ruhe bewahren, immer schön in der Mitte des Weges bleiben und gefährliche Entwicklungen so lange wie möglich ignorieren.

Tat von Idar-Oberstein: Fantasieren von Opferrolle

Die Tat von Idar-Oberstein erinnert uns daran, dass es unterhalb dieser Oberfläche Dunkelräume gibt, in denen sich jenseits jeder demokratischen Auseinandersetzung geschlossene, nach außen abgeschlossene Teilgesellschaften bilden, die sich in eine Opferrolle fantasieren und daraus das Recht ableiten, in einer absurden Form von Radikalität gegen die gefühlte Unterdrückung vorzugehen.

Das ist, wohlgemerkt, etwas ganz anderes als jene Radikalität, von der das Land durchaus mehr gebrauchen könnte. Sie bestünde darin, den Krisen nicht mit Verschwörungsmythen zu begegnen, sondern mit Ideen für einen Aufbruch aus der schläfrigen Realitätsverweigerung unserer öffentlichen Debatten.

Hindern am Abstieg in die Dunkelkammern des Verschwörungsgewerbes

Diese Art rationaler Radikalität hätte sicher nicht das Zeug dazu, die Verbohrten dieser Erde zur Vernunft zu bringen und Gewalt ein für alle Mal zu verhindern. Aber kann es nicht sein, dass in einer Atmosphäre der Offenheit für neue Wege, des nachdenklichen Benennens problematischer Politiken auch in der Pandemie, des zivilisierten Streits über Alternativen der eine oder die andere am Abstieg in die Dunkelkammern des Verschwörungsgewerbes gehindert werden könnte?

Wie gesagt, diese Gedanken machen den jungen Mann, dessen Leben so furchtbar brutal beendet wurde, nicht wieder lebendig. Und die Trauer über seinen Tod muss in einem solchen Moment an erster Stelle stehen. Aber die Gesellschaft als Ganze ist es gerade den Opfern solcher Taten schuldig, endlich aufzuwachen und ihre Schlüsse zu ziehen. (Stephan Hebel)

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