Die Wirtschaftsleistung, auch bekannt als Bruttoinlandsprodukt (BIP), wird in diesem Jahr um 5,1 Prozent schrumpfen.
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Die Wirtschaftsleistung, auch bekannt als Bruttoinlandsprodukt (BIP), wird in diesem Jahr um 5,1 Prozent schrumpfen.

Leitartikel

Holpriger Weg

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Auch wenn sich die Wirtschaft besser entwickelt als befürchtet, muss noch viel unternommen werden, damit es wirklich gut wird. Der Leitartikel.

Die Patientin ist auf dem Weg der Besserung, bis sie wieder gesund ist, wird es aber noch eine ganze Weile dauern. So ließe sich die Lage der hiesigen Wirtschaft beschreiben, wenn denn eine solche Analogie in Zeiten einer Pandemie gestattet ist. Dank beherztem Eingreifen der Nothelfer, konkret: der Bundesregierung, und geeigneten Hilfen geht es der Patientin überdies besser, als man hätte erwarten können. Nicht gut, das sei hier explizit gesagt, aber eben besser.

Die Wirtschaftsleistung, auch bekannt als Bruttoinlandsprodukt (BIP), wird in diesem Jahr um 5,1 Prozent schrumpfen. Davon geht der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinem am Mittwoch vorgestellten Gutachten zu Händen der Bundesregierung aus. Das entspricht ungefähr dem Rückgang während der globalen Finanzkrise 2009. Im Juni hatte das Beratergremium noch ein Minus von 6,5 Prozent erwartet.

Die Differenz von 1,4 Punkten ist nicht trivial, sie entspricht gut 48 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung, die im Vergleich zur ersten Prognose zusätzlich gerettet werden konnte. Das ist erfreulich, soll aber nicht darüber hinwegtrösten, dass infolge von Corona mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze verloren gegangen sind und sich unzählige Unternehmerinnen und Selbstständige in großer Not befinden.

Und, das ist die schlechte Nachricht: Diese Situation wird noch eine ganze Weile anhalten. Zwar hat sich die Stimmung aufgehellt in den vergangenen zwei Wochen. Mit der Wahl des Demokraten Joe Biden zum US-Präsidenten und dem Durchbruch der Mainzer Arzneimittelfirma Biontech bei der Suche nach einem Impfstoff sind zwei entscheidende Erfolge gelungen für die Überwindung der Pandemie und die Erholung der Wirtschaft.

Doch Biden wird seine Politik erst nach der voraussichtlichen Amtseinführung am 20. Januar durchsetzen können. Bis dahin wird das Land, das für die deutsche Wirtschaft als Exportmarkt von zentraler Bedeutung ist, durch die Corona-Krise taumeln - mit derzeit fast 140 000 Neuinfektionen pro Tag sowie Rekordzahlen bei den Krankenhauseinlieferungen.

Und der Impfstoff, sollte er zugelassen werden, ist zwar eine großartige Errungenschaft. Doch noch muss geimpft werden. Dafür werden weltweit Milliarden Dosen benötigt, Personal, das im Akkord Spritzen verabreicht und eine Bevölkerung, die bereit ist, mitzuziehen. Auch wenn noch unklar ist, wie das alles genau ablaufen wird, die Prognose sei gewagt: In den nächsten Monaten wird die Normalität nicht zurückkehren. Soziale Einschränkungen, reduziertes öffentliches Leben und Homeoffice werden weiterhin zum Alltag gehören. Und für die Geschäfte, die unter diesen Einschränkungen leiden, wird es schwer bleiben.

Die Kurssprünge an den Börsen in dieser Woche führen hier leicht in die Irre. Sogenannte Corona-Gewinner wie die Online-Handelsplattformen Amazon und Shopify wurden abgestraft, Verlierer wie die Lufthansa, der Reisekonzern Tui oder der Kreuzfahrtanbieter Carnival schossen hingegen nach oben. Wenn eine Aktie wie die von Carnival an einem Tag von zehn auf 16 Euro steigt, so ist das zwar beeindruckend. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass der Anteilsschein vor der Krise 44 Euro gekostet hat, so ist auch hier die Normalität noch weit weg.

Überdies stellt sich die Frage, ob eine Rückkehr zur alten Normalität, in der Flugreisen und Kreuzfahrten Teil eines zerstörerischen Massentourismus waren, überhaupt erstrebenswert ist. Wenn wir an unsere Lebensgrundlagen, an Flora und Fauna denken, kann die Antwort auf diese Frage nur Nein heißen.

Glücklicherweise wurden im Konjunkturpaket für einmal die klimapolitischen Weichen richtig gestellt. Klar, manches mag noch immer zu kurz gekommen sein, anderes hätte man stärker fördern können, aber die Richtung stimmte überraschenderweise.

Die staatlichen Hilfen wird es in den nächsten Monaten weiter brauchen, um diejenigen zu unterstützen, für die die ökonomische Krise weitergeht. Die dafür notwendige Schuldenaufnahme ist leistbar, da die Staatsverschuldung zum Jahresende gleichwohl noch immer niedriger sein wird als nach der Finanzkrise.

Die Politik muss sich aber anstrengen, die Lehren aus der Krise in Taten umzusetzen: Wir können auch mit weniger Pendeln, mit weniger Business-Trips und Fernreisen leben. Wir müssen alles tun, um den Klimawandel zu bremsen, unter anderem auch deshalb, weil er uns neue Krankheiten bringt. Jede Krisenhilfe muss eine doppelte sein: für die Konjunktur und für die Nachhaltigkeit. Was uns langfristig schadet, darf nicht gefördert werden. Das heißt nicht: gar keine Autos mehr, sondern umweltfreundliche Autos. Dann sind höhere Staatsschulden nicht nur Schulden, sondern echte Investitionen in die Zukunft.

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