„Erster radikaler Kritiker“ der bürgerlichen Gesellschaft: Georg Friedrich Wilhelm Hegel.
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„Erster radikaler Kritiker“ der bürgerlichen Gesellschaft: Georg Friedrich Wilhelm Hegel.

250. Geburtstag

Hegels Aktualität: Eine Absage an den Populismus

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das Denken des Philosophen ist nicht antiquiert. Er erteilt beispielsweise dem Populismus eine Absage. Der Leitartikel.

Ja, die Übermacht des Faktischen ist auch ein Gedanke, der sich auf ihn zurückführen lässt. Und nein, er hat sich mit dieser Herrschaft nicht abgefunden. Denn er hat das Gegebene in seinen Widersprüchen durchdacht, radikal durchdacht. Also nicht etwa resigniert, hat doch sein Geist ununterbrochen rebelliert. Denken ist eine Tätigkeit, in Widersprüchen vorzugehen, und die Widersprüche, so der intensive Hegel-Leser Bert Brecht, sind die Hoffnung. Sicher, der listige Brecht meinte das als Marxist.

Zur List der Vernunft bei Hegel gehörte ein Veränderungswille, der sich nicht stillstellen ließ. „Wenn eine Veränderung geschehen soll, so muss etwas verändert werden“, ist einer der großen Sätze Hegels, einer seiner großartigen Gedanken, alles andere als eine Tautologie, vielmehr eine Handlungsanweisung, denn in dem „muss“ steckt so etwas wie eine Maxime. Wenn man so will: ein humaner Imperativ. Da nämlich Veränderung alles andere als selbstverständlich, vielmehr eine Herausforderung ist, die es auf sich zu nehmen gilt. Verändern zu wollen ist der Austritt des Menschen aus selbstgefälliger Passivität und unmündiger Lethargie.

Im Willen zur Veränderung erteilt der Mensch den faktischen Verhältnissen eine Absage – allerdings, so muss man unmittelbar hinzufügen, ist die Gegenwart zu komplex und zu kompliziert, mit einem Wort zu modern, als dass man sie mit Einseitigkeiten oder Vereinfachungen, politischen Vergröberungen oder populistischen Versimpelungen bewältigen könnte. Verändern ist alles andere als ein voluntaristischer Akt, will vielmehr durchdacht sein. Verbesserung ist geistesgetrieben, Fortschritt bedarf unbedingt der Vernunft.

Mit Hegels Analyse der Geschichte, und dazu zählte seine eigene, moderne Gegenwart auf dem Gebiet der Politik und der Gesellschaft, des Rechts und der Religion, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Künste, wird Populismus eine Absage erteilt. Sie ist eine argumentativ immens aufwendige und eminent vernünftige – daran ändern auch die Hegelhasser nichts, angefangen mit seinen Zeitgenossen. Und auch die Satiriker und Komiker nichts, natürlich nicht.

Hegel ist nicht nur ein Autor der Antiquariate, sein Denken für antiquiert zu halten, wäre töricht. An Hegel zu denken und mit ihm heißt, das Ganze zu denken. Um ihn nicht zu vulgarisieren, gilt es, das Ganze im Blick zu haben, ohne das Besondere zu ignorieren. Der Scharfblick für das Besondere ergibt sich aus der Erkenntnis des Allgemeinen, das aus der Vielheit der Teile besteht. Angesichts der Mannigfaltigkeit der Vielheit ebenso wie der Mannigfaltigkeit eines jeden Teils der Gesellschaft, verbietet sich der Gedanke, das vielfältige Ganze als ein bloß einheitliches Ganzes zu denken – geschweige denn als eine homogene Gemeinschaft. Hegels Aktualität politisch zu denken bedeutet, das Ganze als Einheit des stets Vielfältigen zu verstehen.

Das ist der Anspruch – erst recht an eine Demokratie, in der das Allgemeine und das Besondere beharrlich einen Konflikt austragen. Das Einzelne lässt sich gemäß einer solchen Demokratietheorie nur sinnvoll begründen, wenn es als Einheit unter vielen gedacht wird, zwangsläufig als eine Einheit, in der die Einheit ebenso aufgehoben ist wie die Vielheit (was ein Gedanke ist, der in Zeiten des Identitätsfurors enorme Sprengkraft hat). Denn ja, das Ganze und das Eine, das Gesamte und das Individuelle, das Allgemeine und das Besondere lassen sich nicht trennen.

Mit Hegel lässt sich wirklichkeitsbezogen und verantwortungsbewusst spekulieren. Lässt sich spekulieren nicht wie heute üblich an der Börse, mit Immobilien, auf Ablösesummen, auf einen Titel als Top-Modell oder Schnäppchenkauf. Spekulieren, so muss man Hegel verstehen, lässt den gesunden Menschenverstand ebenso weit hinter sich wie, so Hegel, den „gemeinen“. In einem ursprünglichen Sinne verstand Hegel unter Spekulation ein Auskundschaften. Auf dass man den Dingen dahinterkomme, angefangen dem Denken. Also auch dem Leben, dem Menschen, seinem Sein, seinem Bewusstsein – nicht zuletzt dem Werden der Welt. Denn mit ihr ist ja immerzu ein Werden, nicht bloß ein Sein, kein Istzustand, sondern eine unaufhörliche Dynamik, ein offener Prozess, auf den der Veränderungswille Einfluss nimmt.

So sehr Hegel ein „erster radikaler Kritiker“ der bürgerlichen Gesellschaft war, mit dem „verglichen die Marxisten wenig originell“ waren, so der Philosoph Herbert Schnädelbach: So intensiv Hegel ein Gesellschaftskritiker war, so nachdrücklich seine Parteinahme für den Staat. Hegels „preußischer Ruf“, Hegels „Staatsvergottung“ ist seit beinahe 200 Jahren Gegenstand heftiger Kontroversen. Bei aller Staatsfixierung zählt der Satz Hegels: „Es gilt der Mensch, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher Italiener usf. ist.“

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