Türkei unter Erdogan: Die Hagia Sophia in Istanbul wird zur Moschee.
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Die Hagia Sophia in Istanbul wird zur Moschee: Die politische Symbolik zählt.

Leitartikel

Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee: Es zählt die Symbolik

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Die Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul zeigt, wie nervös der türkische Präsident Erdogan ist. Doch viele seiner Probleme wird er so nicht lösen können.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt. Es kann kein Zweifel bestehen, dass er allein die Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts, die Hagia Sophia in Istanbul wieder vom Museum in eine Moschee zu verwandeln, zu verantworten hat.

Das berühmteste Gebäude der Türkei ist mit Symbolik bis dicht unter die grandiose Kuppel aufgeladen. Die Unesco hat das fast 1500 Jahre alte Bauwerk, das als Kirche errichtet, von den Osmanen zur Moschee gemacht und vom säkularen Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk 1934 zum Museum erklärt wurde, zum Teil des Istanbuler Weltkulturerbes erhoben. Aber wie Dresden einst den Bau der Waldschlösschenbrücke gegen Unesco-Protest beschloss, so kann die Türkei natürlich auch die Hagia Sophia wieder zum Gotteshaus umwidmen. Die Frage ist nur, welcher politische oder kulturelle Mehrwert sich daraus ergibt.

Türkei: Erdogan macht Hagia Sophia in Istanbul zur Moschee

Vermutlich will Erdogan mit der historischen Revision des Atatürk-Beschlusses von der alarmierenden Wirtschaftskrise in der Türkei ablenken und den Kulturkampf gegen die säkularen Kemalisten auffrischen, um seine zweifelnden Anhänger neu zu motivieren. Doch die „Heilige Weisheit“ ist das falsche Objekt dafür. Sie ist nie wirklich zum Monument des Säkularstaates geworden. Mit ihren Koransprüchen und christlichen Fresken ist sie vielmehr ein Symbol der Brüderlichkeit zwischen den Weltreligionen – und die meistbesuchte Touristenattraktion der Türkei, die dem Staat jährlich 30 Millionen Euro einspielte. Die Rückumwandlung in eine Moschee tut dem darbenden Fremdenverkehr keinen Gefallen. Erdogan selbst hatte noch im vergangenen Jahr von dem schwerwiegenden Schritt abgeraten und seinen Anhängern zugerufen, sie sollten doch erst einmal die gegenüberliegende, ebenfalls berühmte „Blaue Moschee“ zum Gebet füllen.

Dass kein Mensch eine weitere Moschee in Istanbul braucht, dass die orthodoxen Christen, der Kreml und das US-Außenministerium gegen das Vorhaben protestierten und Griechenland bereits ankündigte, der Beschluss werde Folgen für die Beziehungen der Türkei zur EU haben – all dies war Erdogan jetzt aber egal. Für ihn zählt die politische Symbolik. Die Hagia Sophia ist das drittwichtigste Gebäude des Islam nach der Kaaba in Mekka und der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, mit deren bezweckter „Rückkehr zur Freiheit“ Erdogan seinen Beschluss auf Twitter ausdrücklich verknüpfte. Er mag sich damit als wichtigster Führer der islamischen Welt etablieren wollen; die Jubelschreie der Muslimbrüder folgten auf dem Fuß.

Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul: Populistische Geste von Erdogan

Er will zudem zeigen, dass er kein Knecht Amerikas und Russlands ist und eine selbstbewusste Regionalmacht anführt. Diese populistische Geste wird reichen, um die unter der Krise ächzende nationalistisch-islamische Gefolgschaft für den Moment ruhigzustellen. Aber ohne baldige Neuwahlen – die nicht in Sicht sind – ergibt sie eigentlich wenig Sinn.

Bei Licht besehen ist der historische Beschluss ohnehin ein bedenkliches Zeichen von Nervosität, das den Ernst der durch Corona verschärften Wirtschaftskrise spiegelt. In der Not greift der Populist Erdogan zu seinem bewährten Mittel: Er polarisiert die gespaltene türkische Gesellschaft weiter und erschreckt die säkularen Türken wieder mit der Horrorvision eines islamischen Staates. Zum Glück hat die Opposition seine Provokation bisher ins Leere laufen lassen. Und ob Symbolpolitik die beharrlich fallenden Umfragewerte seiner Regierungspartei AKP auf Dauer hochtreibt, ist zudem höchst zweifelhaft. Die ökonomischen Probleme wird sie nicht lösen. Der säkular geprägten jungen Generation ist die Hagia Sophia ohnehin egal – sie fordert Perspektiven für ihre Zukunft. Erdogan muss auch mit Gegenwind rechnen, wenn er in Washington, Moskau oder Brüssel wieder um Gefälligkeiten bettelt.

Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul: Dieser Trumpf Erdogans ist ausgespielt

Die Frage ist jetzt, wie radikal er die Umwandlung gestaltet. Lässt er die unschätzbaren Ikonen wieder hinter Firnis verschwinden oder öffnet er das Gotteshaus auch für Christen? Kann er garantieren, dass islamistische Vandalen sich nicht an den christlichen Mosaiken vergreifen? Eines ist sicher: Ein zweites Mal kann er die Hagia Sophia nicht zur Moschee machen. Dieser Trumpf ist ausgespielt.

Frank Nordhausen

Leitartikel: Die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee setzt die autoritäre Formierung zu einer rein muslimischen Gesellschaft fort. Aber kollektive Identität kann auch befreiend sein.

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