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Differenzierter Blick ins Nachbarland: Grenzenlos wichtig

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Von: Thomas Kaspar

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In der digitalen Welt folgen die Trawler der Redaktionen den großen Fischschwärmen. Das hat Folgen.
In der digitalen Welt folgen die Trawler der Redaktionen den großen Fischschwärmen. Das hat Folgen. © Daniel Bockwoldt/dpa

Der Ukraine-Krieg lässt endlich die Erkenntnis reifen: Wir hängen von der ganzen Welt ab. Deswegen brauchen wir die differenzierte Sicht aufs Ausland. Der Leitartikel.

Werner Holzer, langjähriger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, hat seiner Redaktion einen zentralen Satz mitgegeben: „Die Wahrheit ist schwer zu finden“. Am Freitag wurden in seinem Namen drei herausragende Persönlichkeiten des Auslandsjournalismus ausgezeichnet – für genau das: Dass sie es sich schwer machen, die Wahrheit zu finden, misstrauisch bleiben und streckenweise in persönlicher Gefahr aus Krisengebieten das berichten, was sie selbst gehört, gesehen, durchdacht und eingeordnet haben.

Gute Auslandsberichterstattung geht in ihrer Substanz auf einen Kern zurück: auf Menschen, die für Menschen um die Wahrheit ringen. Doch die Wahrheit ist nicht nur schwer zu finden. Die Wahrheit ist auch schwer zu suchen. Zu stark verändert sich der Journalismus gerade und mit ihm die Lesegewohnheiten des Publikums. Das Digitale hat eine Todesspirale für die Wahrheitssuche in Gang gesetzt, in der wir uns noch unmittelbar befinden und gegen die wir erst langsam Wehrhaftigkeit aufbauen.

Bedeutung des Internets für den Journalismus

Mit dem Internet kam die Möglichkeit, dass jede und jeder alles publizieren kann. Scheinbar ist es heute wesentlich einfacher als früher, sich ein Bild von der Welt zu machen. Internetseiten veröffentlichen Unmengen an Informationen. In den sozialen Medien finden sich Bilder und Videos, die scheinbar unmittelbare Szenen von vor Ort transportieren. Der in Berlin lebende Schriftsteller und Menschenrechtler Liao Yiwu hat darauf hingewiesen, dass es eine große Chance ist, von Deutschland aus – an unüberwachten Rechnern – die chinesischen Texte von Ämtern und Universitäten zu konsumieren, während sie im Land selbst blockiert werden und eine Veröffentlichung dazu verboten und mit hoher persönlicher Gefahr verbunden ist.

Werner Holzer Preis

Ausgezeichneten Auslandsjournalismus prämiert die Karl-Gerold-Stiftung zusammen mit der FR. Eine Jury zeichnet einmal im Jahr mindestens eine Persönlichkeit aus.

Zum ersten Mal wurde der Preis im Jahr 2022 im Kaisersaal im Römer vergeben. Neben Katrin Eigendorf (ZDF) wurden Andrea Böhm (Die Zeit) und Chistoph Reuter (Der Spiegel) ausgezeichnet.

In seiner Preisrede würdige Jury-Vorsitzender Michel Friedman die Bedeutung des Auslandsjournalismus: „Auslandsjournalismus, ist unsere Gehirn-Erweiterung. Ist unsere Perspektiven-Erweiterung. Ist unsere Chance zu verstehen, was außerhalb von uns passiert.“

Webseite des Preises: www.werner-holzer-preis.com

Es ist großartig, dass Redaktionen heute quasi in Echtzeit berichten können. Die Kehrseite: Viele reagieren auf das Erregungspotenzial und veröffentlichen erste Antworten, wo doch nur Fragen angebracht wären. Die notwendige Langsamkeit der Reflexion ist aus dem Journalismus weitgehend verschwunden.

Das Geld der Medienhäuser fließt zuerst in die Notwendigkeiten der digitalen Welt. Korrespondent:innen vor Ort zu finanzieren, stand bis Februar in vielen – auch den öffentlich-rechtlichen – Redaktionen infrage. Die ARD etwa hat ihre ausgezeichnete Sendung „Weltspiegel“ nur nicht ins Nachtprogramm verschoben, weil es Proteste hagelte.

Boulevardisierung durch die digitale Welt

Auch die FR kann ihr Netzwerk auf dem Globus nur finanzieren, indem sie mit anderen Redaktionen zusammenarbeitet. Unumstößlich ist aber die Linie unserer Zeitung, Wert zu legen auf die politische Einordnung durch Menschen vor Ort, gerade im Ausland.

In der digitalen Welt ist das genaue Gegenteil entstanden: eine riesige Suchbewegung, in der die Trawler der Redaktionen den großen Fischschwärmen folgen. Das hat massive Auswirkungen auf die Korrespondententätigkeit. Die Boulevardisierung des Blicks über die Grenze findet immer mehr Klicks als die mühsame Auseinandersetzung mit der Komplexität von politischen Zusammenhängen im Nachbarland.

Ausgerechnet der Beginn des Krieges gegen die Ukraine war der Anstoß für einen überfälligen gegenläufigen Prozess. Mit aller Deutlichkeit wurde klar, dass die menschenvernichtende Schlacht der Panzer und Gewehre von einer zynischen Kriegsführung der Propagandist:innen begleitet wird.

Die große Verantwortung der Medien

Ein rein an Wirtschaftsmechanismen ausgerichteter Journalismus muss daran scheitern. Genau hier greift eine wertebasierte Berichterstattung ein. Denn Krieg verlangt etwas anderes als Erregung. Polarisierung endet in unkalkulierbarer Eskalation, Medien, und allen voran deren Auslandsjournalismus, kommt eine besonders große Verantwortung zu.

Es gibt nur eine Methode, um zu überprüfen, was Manipulation, aber auch was Vorverurteilungen und Wünschbarkeiten sind: der Blick aus erster Hand, idealerweise von großer Landeskenntnis getragen und mit Besonnenheit vorgetragen. Es ist die Stunde der Korrespondentinnen und Korrespondenten.

Zu hoffen ist, dass dies der Anfang ist für einen Prozess, der auf Französisch „Cercle Vertueux“ genannt wird. Diese Spirale, für die es kein deutsches Wort gibt, läuft der Todesspirale genau entgegen. Das Interesse an authentischer, selbst gesehener Wahrheitssuche aus anderen Ländern ist so groß wie lange nicht. Die Wahrheit ist schwer zu finden. Sie zu suchen, ist nötiger denn je. (Thomas Kaspar)

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