Schule__134438731.jpg
+
Bei der Digitalisierung von Schulen besteht noch viel Nachholbedarf.

Leitartikel

Glückssache Bildung

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
    schließen

Die Corona-Krise zeigt: Gerade bei der Digitalisierung hat die Schulpolitik in Deutschland ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Bund und Länder bewegen sich viel zu langsam.

Die deprimierende Wahrheit ist, dass die Corona-Krise nichts Überraschendes über unser Bildungssystem zutage gefördert hat. Tatsächlich hat sie nur schonungslos gezeigt, was engagierte Elternvertreter seit vielen Jahren beklagen: Die deutschen Schulen sind in Sachen Digitalisierung um Jahre hinter der Entwicklung zurück.

Unser Bildungssystem hat in den ersten Monaten der Krise an einen Schüler erinnert, der höchstens gelegentlich seine Hausaufgaben macht und dann völlig unvorbereitet einen Test schreiben muss. Überforderung und Versagen sind, wen wundert’s, ganz normale Ergebnisse in seiner solchen Situation.

Dass Deutschland, wie die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ zeigt, seine Schulen in der Corona-Krise etwas länger geschlossen gehalten hat als andere Länder, ist Zeichen einer vorsichtigen, tastenden Politik in Zeiten der Pandemie. Das geht so in Ordnung. Indiskutabel ist aber, wie wenig den Schülerinnen und Schülern in Zeiten der Schließung oft geboten wurde.

Nur bei jedem zehnten Schüler in Deutschland lief der Wechsel zum Online-Unterricht reibungslos, ein viel schlechterer Wert als in anderen Ländern – wie eine internationale Elternumfrage ergeben hat. Bildung ist so in der Pandemie zur Glückssache geworden. Einige wenige profitierten von Schulleitern, die schon vor Jahren aus eigenem Antrieb das Thema Digitalisierung angepackt haben. Und die anderen? Haben halt Pech gehabt. Das darf so nicht sein.

Mit dem unzureichenden Bildungsangebot in der Corona-Krise wird ein Kernversprechen unserer Republik – nämlich das von Chancengleichheit und der Möglichkeit zum sozialen Aufstieg – in der Corona-Krise noch stärker verletzt als ohnehin schon. Es ist lange bekannt, dass in Deutschland Bildung und soziale Herkunft zu eng aneinander gekoppelt sind. Allen muss klar sein, dass unter den Schulschließungen in der Corona-Krise insbesondere diejenigen zu leiden hatten, die zu Hause nicht so gut gefördert werden können.

Haben Bund und Länder nun endlich die notwendigen Konsequenzen aus den Problemen gezogen? Die politisch Verantwortlichen bewegen sich, aber sie bewegen sich noch immer viel zu langsam. Es ist zwar lobenswert, dass zusätzliches Geld mobilisiert worden ist, um die Schüler mit Endgeräten auszustatten, die es sich selbst nicht leisten können. Doch unterm Strich fließt das Geld aus dem Digitalpakt, mit dessen Hilfe die Schulen endlich den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen sollen, nur schleppend ab.

Es braucht schon viel Optimismus, um zu glauben, die Schulen wären im Fall erneuter Schließungen in breiter Fläche besser vorbereitet als beim ersten Mal. Denn es fehlt an Flexibilität. Das gilt zuallererst für die Politik. Warum, so fragen sich verwunderte Eltern, gelingt es Bund und Ländern nicht gemeinsam, die Regeln für den Digitalpakt so zu verändern, dass das Geld sofort in den Schulen ankommt? Die Kultusministerkonferenz hat in der Pandemie zwar bewiesen, dass sie schneller reagieren kann als sonst. Doch eine Schnecke, die sich mal ein bisschen beeilt, bleibt eben doch eine Schnecke.

Auch Teile der Lehrerschaft müssen sich bewegen. Es ist ein Trauerspiel, dass ihre Gewerkschaften Einwände gegen die Idee erhoben haben, die Pädagogen in den Ferien verpflichtend im digitalen Unterrichten fortzubilden. Sonst betonen sie doch immer, die Ferien seien gar kein Urlaub, sondern nur unterrichtsfreie Zeit. Die Länder wiederum müssen sich fragen lassen, ob sie weiterbildungswilligen Lehrern tatsächlich ein ausreichend großes und gutes Angebot hätten machen können.

All das ist auch deshalb so beunruhigend, weil die Probleme des deutschen Bildungssystems weit über diese Fragen hinausgehen. Deutschland hat nicht zuletzt ein Problem mit Lehrermangel. Dabei sollte es den Fachpolitikern zu denken geben, wenn OECD-Bildungsdirektor Schleicher herausarbeitet: In Finnland werden Lehrer schlechter bezahlt – und trotzdem konkurrieren mehrere Bewerber um jede Stelle. Schleicher betont zu Recht, es müsse darum gehen, Lehrern mehr Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht und auch die Chance zur Arbeit im Team zu geben. Der Beruf muss, auch jenseits von Geld, neue Anziehungskraft entwickeln.

Deutschland ist weit davon entfernt, die Corona-Krise im Bildungssystem als Chance zu nutzen. Das wäre aber bitter nötig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare