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Gewalt gegen Frauen: Eine Frage der Inneren Sicherheit

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Warum eigentlich sind Terror, Wohnungseinbrüche und „Clan“-Kriminalität Fälle für den Bundesinnenminister, Gewalt gegen Frauen und Beziehungsgewalt aber nicht? Ein Kommentar.

  • 2019 wurden 149 Menschen von ihren (Ex-)Partern getötet, darunter 80 Prozent Frauen.
  • Etwa die Hälfte aller in Deutschland getöteten Frauen stirbt durch Beziehungsgewalt
  • Statistisch wird in Deutschland alle 45 Minuten eine Frau Opfer von Gewalt durch ihren (Ex-)Partner

Ja sicher: Wer sich explizit dem Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigt, vielleicht sogar dazu arbeitet, wird verfolgt haben, dass Franziska Giffey heute erschreckende Zahlen zum Ausmaß der sogenannten Partnerschaftsgewalt in Deutschland vorstellte.
Die meisten Medien haben pflichtschuldig einen kurzen Bericht gebracht, Schlagzeilen machten die Neuigkeiten keine. Eigentlich verrückt. Warum ist es kein Skandal, dass innerhalb eines Jahres 149 Menschen von ihren (Ex-)Partnern getötet wurden - darunter 80 Prozent Frauen?

Eine Frau im Frauenhaus: Gewalt gegen Frauen ist der Politik nicht wichtig genug. (Archivbild)

Gewalt gegen Frauen ist politisch zu wenig Thema

Warum ist es medial nur eine Randnotiz, dass 2019 statistisch gesehen alle 45 Minuten eine Frau in Deutschland Opfer von körperlicher Gewalt wurde – und das nur innerhalb der eigenen Familie? Stellen wir uns für einen Moment vor, 149 Menschen in Deutschland wären 2019 bei Terroranschlägen gestorben. Polit-Talkshows würden sich tagelang mit nichts anderem befassen, die Zeitungen wären voll von Analysen dazu, was die Gewalt mit unserem Land macht und warum wir ihr keinen Einhalt gebieten.

Das ist etwas anderes, denken Sie jetzt - weil es bei Terror schließlich um die Innere Sicherheit geht? Nun, per Definition der Bundesregierung umfasst Innere Sicherheit „die Sicherheit der Bürger vor Terror, Gewalt und Verbrechen“. Also gehören auch Gewalt gegen Frauen und Beziehungsgewalt dazu. Beide sind weder Privatsache noch Naturgewalt, keine logischen Begleiterscheinungen von Liebe und Leidenschaft. Sie sind politisch.

Das Thema Gewalt gegen Frauen sollte im Innenministerium angesiedelt sein

Sie bedrohen einen großen Teil der Bevölkerung und tragen definitiv nicht positiv zum „subjektiven Sicherheitsempfinden“ bei, auf das der Bundesinnenminister so viel Wert legt. Apropos Bundesinnenminister: Warum ist der eigentlich nicht zuständig? Es ist zwar ohne Frage richtig, wenn Bundesfamilienministerin Franziska Giffey mehr Geld für Frauenhäuser freigibt (wenn auch noch immer viel zu wenig, deutschlandweit fehlen 14.000 Plätze) oder einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung vorschlägt. In diesen Bereichen ist Horst Seehofer keine große Kompetenz zuzutrauen.

Doch es wäre angemessen, dass Gewalt gegen Frauen als Querschnittsthema zumindest auch im Bundesinnenministerium angesiedelt wäre. Das hätte drei Vorteile: Das Thema würde nicht mehr nur unter dem Aspekt des Opferschutzes betrachtet. Die Täter rückten in den Blick – und die Frage, wie diese Form von Gewalt effektiver zu bekämpfen ist. Es würde vermutlich mehr Geld fließen. Und die Gewalt würde wohl endlich Schlagzeilen machen. Denn wo „Innere Sicherheit“ draufsteht, wandert erfahrungsgemäß auch die Aufmerksamkeit hin.

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800-116016

Die „Zeit“ hat in einer aufwändigen Recherche die Fälle von 122 Frauen dokumentiert, die im Jahr 2018 von ihren Ehemännern, Ex-Partnern und Lebensgefährten getötet wurden.

Rubriklistenbild: © Maja Hitij/dpa

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