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Leitartikel

Genau hinschauen: Bundeswehr verlässt Afghanistan, Verantwortung bleibt

  • Andreas Schwarzkopf
    VonAndreas Schwarzkopf
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Deutschland muss nach dem Ende des Afghanistan-Einsatzes das Land weiter unterstützen. Der Leitartikel.

Es ist gut, wenn zum Ende des knapp zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr wieder darüber gestritten wird, ob und was er gebracht hat und darüber, welche Lehren daraus zu ziehen sind. Nur leider machen es sich viele zu einfach, wenn sie versuchen, eine einzige Antwort auf ein sehr komplexes Vorgehen mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen zu geben.

Wer beispielsweise wie vor allem viele in den USA den US-geführten internationalen Einsatz auf das erreichte Ziel reduziert, das Terrornetzwerk Al Kaida aus dem Land vertrieben und damit die Ausbildung von Terroristen unterbunden zu haben, liegt zwar nicht ganz falsch. Schließlich wurden mehr Attentate dort initiiert als nur die Anschläge vom 11. September.

Afghanische Milizionäre schließen sich während einer Versammlung den afghanischen Verteidigungs- und Sicherheitskräften an.

Nach Afghanistan-Abzug: Verheerende Folgen

Doch gleichzeitig darf dann nicht geschwiegen werden vom Anti-Terror-Krieg der Bush-Administration und von dessen verheerenden Folgen - nicht nur, aber auch für Afghanistan. Dieser Feldzug lief im Land am Hindukusch gleichzeitig zu Einsätzen wie dem US-geführten der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppen (Isaf) von 2003 an. Die USA führten den Krieg gegen den Terror nicht zimperlich. Sie widersprachen demokratischen Grundsätzen, um angeblich mehr Freiheit und Sicherheit zu erreichen. Das Gefangenenlager Guantánamo mit den vielen Insassen ohne angemessenes juristisches Verfahren kündet noch heute davon.

Der Krieg gegen den Terror konterkarierte auch die Ziele der Afghanistan-Konferenz. Zahlreiche Staaten leiteten Ende 2001 mit afghanischen Vertreterinnen und Vertretern den Petersberg-Prozess ein, mit dem das Land am Hindukusch demokratisiert und befriedet werden sollte. Nach dem Sieg über die Taliban 2001 sollten die Menschen in Afghanistan nicht erneut allein gelassen werden wie nach dem Abzug der Sowjetunion 1989, dem ein blutiger Bürgerkrieg folgte. Den entschieden die Taliban 1996 für sich und errichteten eine Schreckensherrschaft.

Lange Liste von Versäumnissen schafft Risiken in Afghanistan

Doch leider beging die internationale Gemeinschaft mit der gewählten afghanischen Regierung zu viele Fehler, zog oft nicht an einem Strang und konnte deshalb viele Ziele nur langsam und nicht im ganzen Land umsetzen. Es wurde beispielsweise unterlassen, die ehemaligen Kämpfer zu entwaffnen. Die aufständischen Taliban reorganisierten sich. Die Zahl der Anschläge und Gefechte stieg seit etwa 2005. Der Krieg begann erneut. Die Liste der Versäumnisse der internationalen Gemeinschaft und der der afghanischen Regierungen ist lang, und sie sind mitverantwortlich für teils korrupte Strukturen und andere Probleme des Landes. Es scheint sich zu bestätigen, dass es unmöglich ist, ein kaum entwickeltes Land voranzubringen.

Gleichzeitig gibt es viele erfolgreiche Beispiele, mit denen Afghaninnen und Afghanen dies widerlegen. Nicht nur die vielen Mädchen und Frauen, die zur Schule gehen konnten, oder die viel zitierten Brunnen. Es gibt viel mehr Erfolge als viele glauben wollen. Fortschritt, Rückschritt und Fehlentwicklung geschehen gleichzeitig. Auch das macht eine Bilanz so schwierig.

Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz: Mehr Arbeit mit den Menschen vor Ort

Im Rückblick scheint die Rechnung einfach. Die viel zu hohe Zahl der toten Zivilist:innen, Soldaten und Aufständischen zusammen mit den immensen Summen, die für den Einsatz ausgegeben wurden, ergeben ein einfaches Urteil: Man hätte den Einsatz nie beginnen dürfen. Zu diesem Schluss würden die damals Verantwortlichen wohl auch gekommen sein, wenn sie gewusst hätten, wie sich das Engagement entwickelt.

Deutschland und die internationale Gemeinschaft sollten dennoch dringend aus dem Afghanistan-Einsatz lernen. Die Staaten sollten bei ähnlichen Einsätzen weniger auf militärische und viel mehr auf zivilisatorische und entwicklungspolitische Elemente setzen. Sie sollten viel mehr mit den Menschen vor Ort erarbeiten, als das westliche Vorbild dort durchzusetzen. Ein zentralistisch organisiertes Staatsgebilde in einem dezentral strukturierten Land wie Afghanistan war sicher nicht hilfreich. Und wer weiß, wie sich der Konflikt mit den Taliban entwickelt hätte, wenn man mit ihnen bereits nach deren Niederlage verhandelt hätte?

Helfer in Afghanistan benötigen Schutz aus Deutschland

Daraus folgt: Die Bundesregierung müsste mit der internationalen Gemeinschaft etwa den Einsatz in Mali dringend kritisch prüfen, dramatisch verändern oder womöglich auch beenden. Deutschland und die anderen EU-Staaten sollten den Charakter der angestrebten strategischen Autonomie nicht zu militärisch gestalten, sondern viel stärker auf Diplomatie und wirtschaftliche Zusammenarbeit setzen. Und die Bundesrepublik sollte möglichst schnell und unbürokratisch all jene Afghaninnen und Afghanen nach Deutschland holen, die für den deutschen Einsatz am Hindukusch arbeiteten und nun die mögliche Rache der Taliban fürchten müssen.

Zusätzlich müssen Deutschland mit den USA und der internationalen Gemeinschaft das Land am Hindukusch weiter unterstützen. Die fortschrittlichen Kräfte dürfen nicht allein gelassen werden - weder beim weiteren Aufbau des Landes noch im Konflikt mit den Taliban. Dann wird Afghanistan womöglich doch noch demokratisiert und befriedet. (Andreas Schwarzkopf)

Rubriklistenbild: © Rahmat Gul/dpa

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