Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Gewerkschaftshaus in Frankfurt wird 90.
+
Das Gewerkschaftshaus in Frankfurt wird 90.

Leitartikel

Gegenmacht erneuern

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
    schließen

Seit 90 Jahren steht in Frankfurt das Gewerkschaftshaus. Es erzählt auch den Wandel der Rolle der Organisation. Der Leitartikel.

Was für eine Wucht! Mitten zwischen die Jugendstilvillen der Wohlhabenden Frankfurts stellte die Gewerkschaft 1931 ihr Haus, ihr Hochhaus, ihr Gewerkschaftshaus auf. Der Architekt Max Taut ließ genau vor 90 Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit das „Haus der Besitzlosen“ in den Himmel ragen, dem jeder Anschein von Luxus zuwider war. Nur die Großmarkthalle zur Versorgung der schnell wachsenden Stadt, das Treppenhaus der Seifenfirma Mouson und der Prunkbau der damals viertgrößten Firma der Welt, der I. G. Farbenindustrie AG, waren etwas höher.

Der „Anspruch zur Gegenmacht“ der Vertretung der Arbeiterklasse in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit, der aufsteigenden nationalistischen Verdunklung des politischen Himmels Europas hatte ein deutliches Wahrzeichen erhalten.

Die Arbeit der Gewerkschaften stand zu dieser Zeit an einem ersten Erneuerungspunkt. Bis dorthin waren deren Häuser nicht nur Orte der Versammlung, um für höhere Löhne, geringere Arbeitszeiten und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu streiten. Sie waren ganz banal auch Herbergen, die den Wanderarbeitern ein Dach über dem Kopf gaben, einen Platz zum Essen, Schlafen und auch zum Kegeln und Billardspielen. Die explodierenden Mitgliederzahlen der vielen kleinen Gewerkschaften nah an den Bedürfnissen der Menschen führten zum Neubau, der bezeichnenderweise nur die Verwaltungsräume und den großen Versammlungssaal realisieren konnte.

Den ersten Wandel erlebte der Bau im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Als Bastion gegen die braunen Horden stellten sich die Schwerarbeiter an die Saaltüren, kämpften die Denker der Arbeiterbewegung gegen die rechte politische Zersetzung – auch sie mussten am 2. Mai 1933 aufgeben. Der Kampf gegen rechts ist der Bewegung als zweite Linie neben der Arbeitendenvertretung bis heute ins Grundbuch geschrieben.

Nach dem Krieg wurde Frankfurt zum zentralen Ort der Gewerkschaften in Deutschland. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bezog im eigenen Haus am Mainufer wieder Quartier und erweiterte das Gebäude um Anbauten. Stolze 17 Einzelgewerkschaften waren unter dem Dach organisiert und geführt.

Mitte der 90er Jahre setzte erneut ein grundlegender Wandel der gewerkschaftlichen Organisation ein. Mitgliederrückgang und schwindende Finanz- und Durchsetzungskraft zwangen die Organisationen zu Fusionen, an deren Ende noch acht Mitgliedsgewerkschaften blieben.

Überlebt hat das Gewerkschaftshaus, indem es inzwischen als „Bürgerhaus“ betrieben wird. So dokumentiert der Bau ein gewandeltes Bild: Viele Mitglieder waren selbst wohlhabend geworden und hatten eher Verzichtsangst als die Sorgen um die Arbeitsbedingungen von einst.

Längst wird die Silhouette von Frankfurt von den Wolkenkratzern der internationalen Finanzwirtschaft, von globalen Investoren bestimmt, die das Gegenteil der Neuen Sachlichkeit repräsentieren. Luxuswohnungen für Investoren, Büroflächen für weltweit tätige Kapitalaggregatoren wachsen auf einem Boden, den sich die berufstätigen Menschen selbst längst kaum noch zur Miete leisten können.

90 Jahre Gewerkschaftshaus sind Erbe und Dokumentation des Wandels. Der damalige Repräsentationsbau der Gewerkschaft war nicht nur politisch ein Zeichen, es war auch der Ausdruck der Würde, der sich von diesem Hochhaus auf die dadurch Repräsentierten übertrug. Neben dem Schlafplatz, dem politischen Kampfplatz kann im besten Fall auch der Anspruch auf einen gleichberechtigten Platz in der Skyline einer Stadt in Beton gegossen werden.

Wie der Film „Nomadland“ gerade eindrucksvoll dokumentiert, erleben wir eine neue Zeit der Wanderarbeiter des globalen elektronischen Handels, sehen Menschen, die um ihren Lebensunterhalt, aber eben auch ihre Würde kämpfen. In Start-ups und Digitalfirmen entsteht eine neue Kultur, die in den seltensten Fällen die Idee der Mitarbeitendenvertretung enthält. Dem stehen Betriebsräte – wenn vorhanden – oft hilflos gegenüber.

In einer diversifizierten digitalisierten Welt müssen sich Gewerkschaften an Tugenden erinnern, als sie noch aus kleinsten Einheiten nah an den Bedürfnissen der Arbeitenden bestanden. Ein Thema verstehen, Vorteil erstreiten, Netzwerkkraft erhöhen durch neue Mitglieder, die daran teilhaben wollen. Der alte Dreischritt gilt bis heute. Wahrscheinlich braucht es dabei vor allem den Mut von der Kooperation wieder in die Konfrontation zu gehen. Nur dann wird sich der Anspruch, die Gegenmacht zu sein, auch erneuern lassen.

Es wird die Aufgabe des nächsten Kapitels dieses Gewerkschaftshauses und vieler weiterer sein, diesen ausdifferenzierten neuen Betriebsräten eine Heimat, eine Klammer und eine Repräsentation zu geben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare