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Finale in Wembley: Ausrufezeichen der deutschen Fußballerinnen

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Von: Frank Hellmann

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Spielerinnen wie die Doppeltorschützin Alexandra Popp haben mit einer starken Vorstellung in Milton Keynes nicht nur den fünften Sieg im Turnier eingefahren, sondern Deutschland aus einer längeren Talsohle im Frauenfußball befreit.
Spielerinnen wie die Doppeltorschützin Alexandra Popp haben mit einer starken Vorstellung in Milton Keynes nicht nur den fünften Sieg im Turnier eingefahren, sondern Deutschland aus einer längeren Talsohle im Frauenfußball befreit. © Paul Terry/Imago

Die DFB-Fußballerinnen melden sich bei der EM mit Finaleinzug in der Weltspitze zurück und überraschen nicht nur sich damit. Der Leitartikel.

Eingeschränkter Flugverkehr in Deutschland, bestreikter Bahnverkehr in Großbritannien: Dennoch hat sich am Mittwoch eine beträchtliche Zahl von deutschen Fans nicht abhalten lassen, eine teils abenteuerliche Reise nach Milton Keynes, 80 Kilometer von London entfernt, anzutreten. Um die deutschen Fußballerinnen bei ihrem schwer erkämpften Halbfinalsieg der Europameisterschaft gegen Frankreich anzufeuern. Und niemand hat es bereut.

Leidenschaftliche Spielerinnen wie die Doppeltorschützin Alexandra Popp haben mit einer starken Vorstellung nicht nur den fünften Sieg im Turnier eingefahren, sondern Deutschland aus einer längeren Talsohle im Frauenfußball befreit. Der Einzug ins EM-Endspiel gegen England am Sonntag ist ein Erfolg, mit dem viele gar nicht mehr gerechnet hatten.

Fußball-EM 2022: DFB-Frauen sind zurück in der Weltspitze

Nicht mal die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Man möge sie doch bitte mal kneifen, was da auf der Insel mit ihrem Ensemble passiert sei. Nun fordert sie mit ihrem Team vor fast 90.000 Menschen in der Kultstätte Wembley die Gastgeberinnen heraus. Was Besseres kann es nicht geben.

Der Deutsche Fußball-Bund war zuletzt in berechtigter Sorge, mit seinen Frauen den Anschluss zu verpassen: 2017 waren die Niederlande im eigenen Land Europameister geworden, in England und Spanien schreitet die Entwicklung durch die Unterstützung der großen Männermarken rasant voran. In Deutschland sind nur der VfL Wolfsburg, FC Bayern und neuerdings Eintracht Frankfurt bereit oder in der Lage, mehr in den Frauenfußball zu investieren.

Der Olympiasieg 2016 war das bislang letzte Ausrufezeichen der Deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Acht EM-Titel hat das über fast zwei Jahrzehnte dominierende DFB-Team gewonnen – letztmals wurde 2013 auf dem Frankfurter Römer gefeiert. Diese Erfolge hatte allesamt Silvia Neid noch verantwortet, die als Bundestrainerin aber stets ein bisschen unnahbar wirkte. Wie auch Rekordspielerin Birgit Prinz, weltweit lange die Beste. Aber für eine bessere Vermarktung war auch die Torjägerin im Grunde nicht gemacht.

DFB-Frauen im Finale der EM 2022: Auch Birgit Prinz hat ihre Rolle im Team

Trotzdem baut die gebürtige Frankfurterin Prinz jetzt die Brücke in die Gegenwart. Sie arbeitet als Sportpsychologin im Team hinter dem Team mit, leitet Sitzungen, lotet Stimmungen aus – und hilft damit, dass das große Ganze als echte Einheit rüberkommt. Das gelingt gerade sehr gut, obwohl die Frauen-Doku „Born for this – mehr als Fußball“ bestens belegt, wie oft sich die Protagonistinnen im langen Vorlauf teils gestritten haben.

Herausgekommen ist für diese EM ein stimmiges Gesamtbild. Die hohen Zustimmungswerte könnten auch damit zu tun haben, dass fast alle Spielerinnen was zu sagen haben – und reden können. Mehr als die Hälfte des Kaders studiert, fast ein Dutzend hat den Trainerschein gemacht. Fußballerinnen müssen die Karriere nach der Karriere frühzeitig planen. Monatsgehälter im fünfstelligen Bereich sind weiter die Ausnahme. Die meisten sind Normalverdiener. Auch das vermittelt Nähe.

ARD und ZDF zeigen zudem zur besten Sendezeit, wie sich der Frauenfußball weitentwickelt hat. Technisch und taktisch, aber auch athletisch. Guter Sport, starke Typen, dazu jetzt der schwarz-rot-goldene Erfolg, das alles über öffentlich-rechtliche Kanäle. Die Gleichung ist stets dieselbe, um großes Interesse zu erzeugen.

Deutsche Frauen-Nationalmannschaft im Wembley-Finale gegen England: Scholz reist nach London

Und während mehr als zwölf Millionen am Fernseher den jüngsten Erfolg sahen, kündigte Bundeskanzler Olaf Scholz an, zum Finale nach London kommen zu wollen. Oberflächliche Tweets zum Thema Equal Pay wird er sich hoffentlich sparen.

Dass aber die Debatte um eine angemessene Prämie nicht ausgestanden ist, war DFB-Präsident Bernd Neuendorf anzumerken. Einerseits schwärmte er von der tollen Vorbildfunktion, erfrischenden Gesichtern und starken Charakteren und betonte, wie sehr er sich freue, „dass Spielerinnen, die vor drei, vier Wochen noch nicht bekannt waren“, nun so populär sind.

Andererseits erstickte er jegliche Anregung, ob die Erfolgszahlungen – 60.000 Euro für den EM-Titel, 30.000 Euro als Vize – vielleicht noch erhöht werden könnten. Zum Vergleich: Vor einem Jahr hätten die Männer beim EM-Sieg 400.000 Euro erhalten. Allerdings klang durch, dass der DFB-Chef nicht abgeneigt ist, für die WM 2023 in Australien und Neuseeland die finanzielle Belohnung für Spielerinnen zu erhöhen, die für den deutschen Fußball gerade eine unbezahlbare Imagewerbung erbringen.

Die Frauen sind für die Männer mit ihrer WM in Katar in Vorleistung gegangen, indem sie einen allürenfreien und erfolgreichen Auftritt hingelegt haben. Deshalb will Neuendorf am Sonntag erneut nach London reisen. (Frank Hellmann)

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