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Kommentar

Friedrich Merz will Gendern verbieten – Platzhirsch im Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit

  • Sonja Thomaser
    VonSonja Thomaser
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Friedrich Merz teilt fröhlich gegen Parteikolleg:innen aus. Ein Kommentar zum Kampf des Fast-Kandidaten gegen seine Bedeutungslosigkeit.

Vielleicht war es nicht sein bester Tag. Aber wer Friedrich Merz kennt, weiß, dass sonst auch nicht so viel rumkommt, wenn der Möchtergern-Kanzler und Möchtegern-Parteivorsitzende seine Agenda anbringen möchte. In einem wundervoll entlarvenden Interview mit dem „Spiegel“ zeigt Merz aktuell seine völlige Verlorenheit angesichts der politischen Entwicklungen in seiner eigenen Partei und seiner Rolle in der Union.

Friedrich Merz geht es vor allem darum, sich selbst gut darzustellen. Er will austeilen, Überlegenheit demonstrieren, wie der Platzhirsch, der er nun mal ist. Und da macht er eben auch vor Parteikolleg:innen nicht halt. So kritisierte er Markus Söder dafür, dass dieser in der K-Frage seine besseren Umfragewerte als Argument heranzog - etwas, dass Merz selbst beim Kampf um den CDU-Vorsitz getan hatte. Im „Spiegel“-Interview darauf hingewiesen sagt Merz, dass er aber „nie eine Mitgliederbefragung oder eine Abstimmung in der Bundestagsfraktion gefordert“ habe - Söder zwar auch nicht, aber das ist einem Friedrich Merz doch egal. Schnell wird etwas über politische „Bewegungen“ in Frankreich und Österreich erzählt.

Friedrich Merz: Weder CDU-Vorsitzender noch Kanzlerkandidat - das nagt an ihm

Friedrich Merz‘ Taktik in diesem Interview fährt gegen die Wand, nicht nur, weil er grundsätzlich schwach argumentiert, sondern auch, weil er versucht Unvereinbares zu vereinen: Sich selbst über alle anderen zu überhöhen und gleichzeitig noch glaubwürdig rüberzubringen, ein Teamplayer seiner Partei zu sein, damit er sich noch irgendeinen Posten ausrechnen kann.

Friedrich Merz findet vor allem Friedrich Merz gut.

Sich tatsächlich dazu überwinden, etwas Positives über einen Parteikollegen zu sagen, schafft Merz aber einfach nicht. Auch gegen Wirtschaftsminister Altmaier, für dessen Posten sich Merz bereits schamlos selbst ins Spiel gebracht hat, gibt es einen Seitenhieb. Dieser möge doch sein „Urteilsvermögen im Bundeswirtschaftsministerium zur vollen Entfaltung bringen“ - was andeuten soll, dass dies wohl noch nicht geschehen ist.

Und: Jemand, der wirklich hinter dem Kanzlerkandidaten Armin Laschet steht, antwortet auf die provokative Frage nach den Gefahren durch den „falschen“ Kanzlerkandidaten Laschet nicht: „Deshalb haben wir Führungsstrukturen, die aus mehr als einer Person bestehen.“ Ob Friedrich Merz sich bereits zu dieser Struktur zählt? Denn das ist ja das, was Merz will: Ein Big-Player in der Politik sein. Es frisst ihn auf, weder CDU-Vorsitzender noch Kanzlerkandidat zu sein und das merkt man diesem Interview an.

Friedrich Merz: Argumentativ schwach auch gegen politische Gegner:innen

Verloren auf der Suche nach einer Argumentation, die seine Überlegenheit deutlich machen kann und nicht die eigenen Parteikolleg:innen diskreditiert, schwenkt er um auf SPD-Bashing. Kritischen Abstand müsse man zum SPD-Teil der amtierenden Bundesregierung einnehmen. Wie er sich das vorstelle? Defizite in der digitalen Infrastruktur ehrlich ansprechen, so Merz. Dass es sich dabei um ein Unionsressort handelt, war Merz da wohl kurz entfallen.

Auch sein „Argument“ gegen Annalena Baerbock als Kanzlerin ist mehr als schwach. Denn das Narrativ, eine Frau, die bisher politisch noch nichts vergeigt hat, für nicht regierungsfähig zu erklären, haben wir in den vergangenen Tagen ja bereits mehrfach gehört. Und es wird auch nicht logischer, wenn Friedrich Merz es nochmal wiederholt.

Richtig bitter wird es, wenn Merz am ganz rechten Rand seine Wähler:innen einfangen muss - und daher den nach rechtsaußen eskalierten Ex-Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nicht kritisieren will. Merz‘ Schwurbelantwort über Maaßen als „Symbolfigur“ für den Teil der CDU-Mitglieder, der nicht mehr ernst genommen wird, lässt sehr tief blicken. Nur kurz zur Einordnung: Jemanden, der von „unkontrollierter Massenzuwanderung“ und „Asyltourismus“ spricht, sollte man auch nicht ernst nehmen.

Für Friedrich Merz ist Gendern keine Entscheidungsfrage

Auch beim Thema geschlechtergerechte Sprache versucht Friedrich Merz einen, sagen wir Mal, „interessanten“ Ansatz. Denn am liebsten möchte er geschlechtergerechte Sprache staatlich verbieten lassen. Merz ärgert es nämlich massiv, dass Hochschullehrer:innen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk das Recht haben, jeden Menschen anzusprechen. „Spiegel“:  „Ist das nicht deren Entscheidung?“ - Merz: „Das sehe ich überhaupt nicht so.“

Für jemanden der sich darüber entrüstet, dass es eine „Sprachpolizei“ gebe, die die Bevölkerung zum Gendern zwingen will, ist es also völlig unproblematisch, exakt das zu tun, was er der anderen Seite vorwirft - nämlich Zwang. Das ist argumentatives Totalversagen.

Der Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit hat Friedrich Merz‘ Ego so groß werden lassen, dass er sich selbst im Wahlkampf um die Bundestagswahl nicht klar hinter die Leute aus der eigenen Partei stellen kann. Ein politisches Armutszeugnis. Wer dann noch Maaßen-freundlich am rechten Rand fischt, die eigenen rechtskonservativen Reflexzuckungen so wenig im Griff hat und sprachliche Entwicklungen in Richtung Gerechtigkeit verbieten will - das ist pure Verzweiflung. (Sonja Thomaser)

Rubriklistenbild: © Jonas Güttler/dpa

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