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Freudlose WM

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Von: Jan Christian Müller

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Es gibt gute Gründe, sich angewidert vom Fußballspektakel in Katar abzuwenden. Kritik ist geboten. Doch sie wird keine tiefgreifenden Änderungen bewirken.

Niemand wird wohl behaupten können, sich mit heiterem Herzen auf die kommenden vier Wochen zu freuen. Dazu ist die Lebensrealität bei uns in Europa gerade zu bedrückend, und dazu ist die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, hineingepfercht in den dichtgedrängten Terminplan der europäischen Topligen, sportpolitisch zu hoch belastet.

Die Gastgeber fürchten Gäste, die sich nicht so ehrerbietig an Kultur und Herrscherhaus anpassen wie die eigene Bevölkerung. Und sie fürchten jede Kamera und jedes Mikrofon, die unkontrolliert außerhalb der Stadien in Winkel geraten, die nicht ausgeleuchtet werden sollen.

So reisen auch wir Medien mit einem klammen Gefühl in die Wüste am Persischen Golf, in der vor kaum mehr als einem halben Jahrhundert noch Perlentaucher und Fischer mühselig ihre Familien versorgten. Bis im Ozean die gigantischen Erdgasvorkommen entdeckt wurden, die dem klitzekleinen Land Reichtum, Glanz und Glitzer schenkten. So pervers viel Kapital gibt es in Katar, dass ein Land von lediglich knapp 180 Kilometer Länge und 85 Kilometer Breite es schaffen konnte, sich gegen Australien, die USA, Japan und Südkorea durchzusetzen und das wichtigste Fußballturnier der Welt auszurichten. Eine Veranstaltung, die ja neben der Geldvermehrung für die veranstaltende Fifa eigentlich als globales Freudenfest gedacht ist.

Aber der Fußball-Weltverband kann nicht ernsthaft Glauben machen, es würden heitere Spiele werden. Derart dreiste Verlautbarungen des Präsidenten Gianni Infantino sollten getrost unter der Rubrik „plumpes Marketing“ abgelegt werden. Die Indizienlage, dass die längst ausgetauschte Funktionärsriege des Weltverbands, die im Dezember 2010 dem schwächsten von fünf Bewerbern die WM 2022 zuschanzte, dem süßen Gift der Korruption erlag, ist erdrückend. Die Verschiebung in den Winter, die Last der Arbeitsmigrant:innen, die Armut an Diversität in einem der reichsten Staaten der Welt – all das sind Gründe, weshalb Menschen sich angewidert abwenden. Es liegt ein Schatten über einem Land, das sonst keinen Schatten bietet.

Die allermeisten der rund 300 000 Menschen, die in Katar als Einheimische bestens versorgt sind, können kein Interesse daran haben, dass nachhaltig tiefgreifende Änderungen für die mehr als zwei Millionen Migrant:innen aus der Unterschicht stattfinden. Es gibt keine Berührungspunkte, dafür sind die Lebenswelten zu unterschiedlich, die sozialen Gräben zu tief, die Sprachen zu unterschiedlich.

Die Privilegierten leben in Wohlstand in einem sicheren Staat, der mit erstaunlicher Klugheit und viel Weitsicht ein weltweites Netzwerk in Politik, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft gespannt hat, in dem die Fußball-WM nur ein weiterer Faden ist. Deshalb wäre es naiv zu erwarten, dass sich langfristig fundamental etwas tut in Katar. Die Lebenswirklichkeit der Scheichs bewegt sich auf einem Sechssterneniveau, und dort wird es bleiben, ohne dass sich aus einem vierwöchigen Fußballturnier heraus ein Kulturwandel auftun und etwa Empathie für Schwule und Lesben, Arbeitsmigrant:innen und Frauenrechte entwickeln würde.

Die Weltmeisterschaft und deren kritische Vorboten werden das Land nicht umkrempeln. Wenn die Karawane der Medien, Mannschaften und Fans fortgezogen ist, dürften die Dinge wieder ihren Gang gehen. Ohnehin hallt die Kritik an den Zuständen ja nur von einem kleinen Teil der großen Welt ins Emirat. In Südeuropa, Afrika, Asien, Südamerika gibt es keine Echokammern, vor denen sich Katar fürchten müsste. Und wenn der Ball erst rollt, wenden sich die Schlagzeilen erfahrungsgemäß dem Sport zu. Was es diesmal aber zu verhindern gilt.

Wahr ist aber auch, dass Katar progressiver und friedliebender erscheint als die großen Nachbarn Saudi-Arabien und Iran und viele andere Länder dieser Welt. Der Emir und sein Hofstaat pflegen beste Beziehungen zu den USA, die in Katar ihre größte Airbase auf der arabischen Halbinsel unterhält. Auch die deutsche Wirtschaft möchte nicht, dass die lange sorgsam gepflegten Beziehungen etwa durch allzu hartnäckig geäußerte Kritik des Deutschen Fußball-Bundes oder der Politik belastet werden. Viele Fans indes erwarten klare Ansagen vom Verband. Ein Dilemma zwischen Fressen und Moral, das vom DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf Worte sowohl der Klarheit als auch der Ausgewogenheit verlangt.

Etliche deutsche Fans äußern sich derart angewidert über das Gebaren von Katar und Fifa, dass sie sowohl auf den Trip ins Emirat verzichten als auch die TV-Übertragungen boykottieren wollen. Man wird sehen, ob das zur kollektiven Ignoranz gegenüber dem Turnier führt, wie sich das auf die Einschaltquoten und die ohnehin getrübte Stimmung in Deutschland auswirken wird.

Eine WM im November und Dezember hat keine Vorgänger und somit gibt es dafür auch keine Erfahrungswerte. Das gilt auch für die Teams. Das deutsche ist gut genug, bis ins Endspiel kommen zu können, und instabil genug, schon reichlich vorher auszuscheiden. So viel kann vorhergesagt werden: Nie war es schwerer als im Spätherbst 2022 für ein DFB-Team, Begeisterung in der Heimat zu entfachen.

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