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Die Rechnung geht auf

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Von: Jan Christian Müller

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FIFA-Präsident Gianni Infantino spricht auf einer Pressekonferenz.
FIFA-Präsident Gianni Infantino spricht auf einer Pressekonferenz. © Tom Weller/dpa

Trotz der Kritik an Katar ist die Fußball-WM ein Erfolg für den Golfstaat.

Noch zwei Spiele, dann ist Schluss. Soviel gilt als gesichert: Binnen vier Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft hat das Scheichtum Katar seinen Schrecken verloren. Die teuerste und obszönste Marketingkampagne, die die Menschheit je gesehen hat, hat verfangen.

Es ist nicht nur schöner Schein, es sind auch harte Fakten, die das Emirat im Gegenwert von umgerechnet bis zu 200 Milliarden investierten Petrodollars getrost im Haben verbuchen darf. Aber der Preis lässt sich auf der Sollseite nicht nur in Scheinen verrechnen. Sondern auch in Leben. Und in Toten.

Die eine Geschichte konterkariert die andere. Der Nepalese Rupchandra Rumba baute am Stadion Education City die Gerüste. Er starb mit 24 in einem kargen Hochbett in einem Wohnsilo am Stadtrand von Doha an einem Herzinfarkt und hinterließ Frau und zehnjährigen Sohn.

Die Inderin Merlin Roy putzt die Hotelzimmer von WM-Fans. Sie vermisst ihre zweijährige Tochter sehr. Aber sie weiß die Sicherheit in Katar zu schätzen und das Geld, das sie verdient. Sie fliegt wohlhabender in ihre Heimat, als sie gekommen ist. Rupchandra Rumba kehrte im Sarg zurück.

Leute wie Merlin Roy schenkten den Gästen ein Lächeln und ihre Dienstbarkeit. Die Mehrheit der emotional heruntergekühlten Gastgeberinnen und Gastgeber verströmte den Charme der Klimaanlagen in den Stadien. Sie schauten Fußball wie Theater; als Staffage auf den teuren Plätzen, die sich niemals prall füllen wollten.

Und doch: Es überwog die Freude der Fans aus aller Welt - diejenigen aus Europa mehrheitlich ausgenommen - so eng vereinigt wie noch nie zuvor und wohl auch niemals wieder bei einem solchen Weltturnier in einer Stadt. Ein Fest der Völker auf wenigen Quadratkilometern.

Es war der listig ausgeheckte und über mehr als ein Jahrzehnt hinweg perfekt umgesetzte Plan des Zwergstaats Katar, sich mit der Austragung einer global ausstrahlenden Glamourshow triumphal als Riese zu präsentieren. Die Menschen, die das Emirat zur prächtig orchestrierten und perfekt organisierten Hochglanzveranstaltung besuchten, sahen Gloria und Glitzer, Prunk und Protz - und sie erlebten Arbeitsmigrant:innen wie Merlin Roy.

Menschen, die ihrem kleinen Leben auf dem großen Umweg über die steinreiche Autokratie zu einem Klecks mehr Wohlstand verhelfen. Und die noch zwei Tage lang stolz sein werden, ein Rädchen im Getriebe einer fast makellosen Inszenierung zu sein.

Die Geschichten der Toten verblassten mit jedem Doppelpass. Die Moralistinnen und Moralisten mussten sich bald fühlen wie Aussätzige. Nicht mehr Katar war an den Rand gedrängt, sondern diejenigen, die berechtigt Kritik geübt hatten. Die streberhafte deutsche Besserwisserei wurde vor Ort und in der arabischen Welt als Anmaßung empfunden. Schon, als das erste Spiel verloren ging, gab es als Echo Hohn und Spott.

Das sportliche Abschneiden des DFB-Teams konterkarierte den daheim vielfach erwarteten und mühsam vorgetragenen politischen Anspruch, der Spieler und Verband überforderte und bald ins Abseits trieb. Das machte es Ausrichter Katar und Veranstalter Fifa leicht, sich den lästigen Deutschen zu entledigen. Die verloren schnell ihren Biss, liefen bald brav bei Fuß und endeten schließlich: husch, husch, im Körbchen,

Ist die in vielen Belangen mangelhafte deutsche Performance in Katar nun Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung hierzulande? Sind wir dabei, zu einem Volk der Nörglerinnen und Nörgler zu mutieren, ohne unsere vermeintliche Überlegenheit auf ein Fundament von Fleiß und Disziplin zu fußen? Fehlt nicht nur unseren besten Fußballspielern, sondern auch uns selbst die Bereitschaft, sich für den Erfolg zu quälen? Meckern wir zu viel und schwächen uns dabei selbst in einem Klima der Freudlosigkeit?

Bange Fragen, die beantwortet werden sollten. Die Nationalmannschaft kann sie schon übernächsten Sommer bei der Europameisterschaft im eigenen Land mit mehr Überzeugung nachreichen und dabei den Ton und die Stimmung vorgeben: ein Sommermärchen 2.0, ein Impuls des gemeinsam empfundenen Glücks würde Deutschland vermutlich gut tun.

So wie die Weltmeisterschaft 2022 Katar gut getan hat. Die Fassade geriet perfekt, auch dank der fast zweieinhalb Millionen Helferlein vor der funkelnden Skyline Dohas. Der Blick dahinter: zwei Welten, komplett voneinander abgeschottet. Dort: Die Migrant Workers in den Industrial Areas draußen vor der Stadt, den Fußballspielen bestimmt nicht abgeneigt. Hier: Die Dekadenz des unendlichen Reichtums, Bares in Bündeln, Fußball als Vehikel des Fortschritts. Und über allem thronte nicht der Emir von Katar, sondern: Gianni Infantino, Fifa-Präsident, selbstvergessen lächelnd in einem weichen Sessel.

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