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Offen? Geschlossen? Im Moment wird über eine Restrukturierung des Schuljahrs auf Grund der Corona-Pandemie diskutiert.

Leitartikel

Ferien statt Pause

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Mehr Freizeit für Schülerinnen und Schüler im Winter, mehr Unterricht im Sommer? So dumm ist der Gedanke in Corona-Zeiten nicht. Jedenfalls ist er besser als ein neuer Lockdown.

Soll es in diesem Schuljahr in Zeiten der Corona-Pandemie längere Winterferien geben – und dafür zum Ausgleich weniger freie Tage im Sommer? Der Vorschlag ist auf den ersten Blick wenig attraktiv für Schüler und Lehrer, die auf sechs Wochen Sommerferien eingestellt sind. Und er stellt Eltern, die mal wieder neu planen müssten, vor Probleme.

Dennoch ist die Idee alles andere als dumm. Denn erstens besteht die Hoffnung, dass die Situation in Sachen Corona im nächsten Sommer eine andere ist, weil es dann womöglich einen Impfstoff gibt oder ein wirksames Medikament. So könnte Unterricht leichter stattfinden. Zweitens gilt: Selbst wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch immer voll und ganz in der Pandemie steckten, gäbe es im Sommer nicht im selben Maß wie in den Wintermonaten Probleme, Klassenzimmer zu belüften.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie muss jetzt eines im Zentrum stehen: Wir müssen alles tun, damit es nicht wieder zu flächendeckenden Schließungen von Schulen und Kitas kommt. Dabei geht es nicht nur um die Interessen der Eltern, die bereits im ersten Lockdown durch das Nebeneinander von Homeoffice und Kinderbetreuung in Bedrängnis geraten sind. Es geht in allererster Linie um das Wohl der Kinder.

Die flächendeckende Schließung von Schulen verschärft die Bildungsungerechtigkeit im Land. In einer solchen Situation verschlechtern sich insbesondere die Bildungschancen und -ergebnisse derjenigen, die zu Hause nicht so gut gefördert werden können. Jeder Tag Schule, der verloren geht, ist ein Schaden. Längere Zeiten ohne Schulbesuch können ganze Lebensläufe negativ beeinflussen.

Ein möglichst regulärer Schulbetrieb muss Priorität haben. Das erfordert von allen Beteiligten die Bereitschaft, ohne Scheuklappen auch über Lösungen außerhalb der gewohnten Bahnen zu diskutieren. Ein Vorziehen von Ferienzeiten kann ein möglicher Weg sein – zumindest, wenn dabei klipp und klar vereinbart ist, dass die ausgefallene Unterrichtszeit aus dem Winter im Sommer auch wirklich nachgeholt wird.

Ein kluger Ansatz ist auch das Unterrichten im Schichtbetrieb. Es ist doch durchaus vorstellbar, dass an weiterführenden Schulen die älteren Schülerinnen und Schüler erst am Nachmittag kommen. Das stellt hohe Flexibilitätsanforderungen an die Lehrer. Nur: Wenn nicht in dieser Pandemie-Situation, wann sonst sollen wir den Lehrerinnen und Lehrern solche Flexibilität abverlangen?

Auch der Kauf von Luftfiltergeräten für die Klassenräume muss erneut Thema sein. Eltern, die seit vielen Jahren darauf warten, dass zumindest mal die Toilettenräume in den Schulen ihrer Kinder renoviert werden, mag der Glaube an eine schnelle Lösung fehlen. Aber es steht den Ministerpräsidenten und Kultusministern ja frei, sie mit Entschlossenheit zu überraschen.

Den Schulbetrieb in einer Pandemie-Situation so weitgehend wie möglich aufrechtzuerhalten, ist eine komplexe Herausforderung, die eine gute Analyse der Situation, eine umsichtige Vorplanung und entschlossenes Handeln erfordert.

Die Politik muss agieren wie ein Schachspieler, der bei jedem Schritt stets darüber nachdenkt, was seine nächsten Züge sein könnten. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt.

Die Kultusminister haben ihr Tempo – etwa bei der Umsetzung des Digitalpakts – zwar erhöht. Doch unterm Strich sind sie noch immer viel zu langsam unterwegs. Bedenklich ist, dass es in den Sommerferien nicht gelungen ist, eine Fortbildungsoffensive in Sachen digitales Unterrichten in die Spur zu setzen. Lehrer und Schulen sind nicht gut genug vorbereitet, falls sich die Corona-Lage weiter verschlechtert. Das muss sich dringend ändern.

Als es mit der Pandemie losging, sind die Schulen zeitig und lang in den Lockdown geschickt worden – auch um Ältere in der Gesellschaft vor einer schnellen Ausbreitung des Virus zu schützen. Jetzt sind im Gegenzug alle gefordert, sich an Maskenpflicht und andere Regeln auch wirklich zu halten, damit es nicht erneut zu Schulschließungen kommen muss.

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, sagt ein Sprichwort. Wie es scheint, braucht es das ganze Land, um die Schulen offen halten zu können.

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