Das Zeichen eines Ein-/Ausschaltknopfes ist über der Volksbühne angebracht. Im November bleiben Kulturstätten geschlossen.
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Das Zeichen eines Ein-/Ausschaltknopfes ist über der Volksbühne angebracht. Im November bleiben Kulturstätten geschlossen.

Leitartikel

Fehlende Lebenshilfe

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Politik sollte bei Kunst und Corona umdenken. Sie darf Theater, Kino und Museum nicht mehr mit Sauna, Wettbüro oder Nagelstudio gleichsetzen. Der Leitartikel.

Die Corona-Krise soll nachdenklich gemacht haben. Bedenklich, dass sie nicht umdenken lässt. Sonst würde nicht so weitergemacht, so unbedenklich. Aber Kabarettspott oder Comedy-Joke beiseite, ist doch der Kulturbranche längst nicht mehr nach Stichelei zumute, wenn es um die Corona-Auflagen für den Kulturbetrieb geht. Bitterer Sarkasmus anstelle süffisanter Bissigkeiten – so der Tenor aus der betroffenen Branche, von Künstlerinnen und Künstlern.

Den Umgang mit diesen Mitbürgerinnen und Mitbürgern bewertet auch ein ehemaliger Bundespräsident als unangemessen – gar als unverantwortlich? „Dass die Kulturschaffenden jetzt ein zweites Mal in Mitleidenschaft gezogen werden, weil andere Regeln missachten, das ist ganz, ganz bitter“, sagt Christian Wulff: „Wenn alle so verantwortlich gewesen wären, wie Theater, Konzertsäle und Museen es in den Wochen zwischen der ersten und zweiten Lockdownphase waren, hätten wir den zweiten Teillockdown nicht gebraucht.“ Das große Umdenken, während des Frühjahr-Lockdown von der Politik beredt beschworen, hat weder zu einer nennenswerten Neubewertung etwa von Pflegekräften geführt noch zu einer Wertschätzung des Kulturbetriebs. Sonst wären Theater und Museum, Literaturhaus oder Kino nicht zu einer Hochrisikoregion deklariert worden, auf den Pressekonferenzen der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten nicht in einem Atemzug mit Spielhallen oder Freudenhäusern genannt worden. Verantwortungsbewusste, der medizinischen Notlage geschuldete Gleichstellung? Mag sein.

Auch Gleichmacherei, gegen die Museumsdirektoren, Theaterintendantinnen, Kinobetreiber oder Regisseurinnen protestiert haben, weil sie ausgeklügelte Hygienekonzepte in den von ihnen verantworteten Einrichtungen durchgesetzt haben. Damit haben die Künste, deren Freiheit darin besteht, sich über den Status quo hinwegzusetzen, Einsicht in die Notwendigkeit gezeigt.

Dass dennoch ausgerechnet der Kultursektor nicht gefeit ist gegen hanebüchene Ansichten, hat eine Ministerin vorgemacht, die im Bundesland Nordrhein-Westfalen mit Kulturangelegenheiten befasste Isabel Pfeiffer-Poensgen, die meinte, die „Kultur muss aufpassen, dass sie nicht immer eine Extrawurst brät“.

Die parteilose Politikerin hat die Aussage mittlerweile bedauert, sie hallt aber nach – und zwar jedes Wort. Der Aufpasserinnenspruch „aufpassen“. Das Unwirsche einer Chefin, die „nicht immer“ behelligt werden möchte. Nicht zuletzt das Wort einer Kultusbürokratin: „Extrawurst“. Nur so rausgerutscht?

Ob Kultur nun als Sahnehäubchen auf der Torte oder als Torte selbst beschrieben wird, als Luxus oder, wie ebenfalls geschehen, als Schmierstoff für das Soziale, für jeden nachdenklichen Menschen sind diese absurden Vergleiche schwer erträglich.

Das hat damit zu tun, dass das Nachdenkliche unmittelbar mit Kultur zu tun hat. Nachdenklich zu sein, ist so etwas wie eine Kulturtechnik. Die allerdings, wie jede Kulturtechnik, einem Menschen nicht etwa zufliegt. Sie muss erworben werden. Was mit Nachdenklichkeit zu tun hat, die wiederum, wenn man denn das schicke Wort gebrauchen möchte, das größte kulturelle Kapital ist, das die Künste mitbringen.

Immerhin hat die Politik, angefangen mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sich enorm angestrengt, um die Nöte von Künstlerinnen und Künstlern einzudämmen. So sollen Betroffene aus der Kultur- und Veranstaltungsbranche während des Teillockdowns vom Staat einen „fiktiven Unternehmerlohn“ erhalten. Kulturunternehmen stehen im traurigen November 2020 75 Prozent ihres vorjährigen Umsatzes als direkte Hilfe in Aussicht.

Es wird eine gewaltige Bürokratie in Bewegung gesetzt, dennoch muss man befürchten, dass viele private Bühnen oder Galerien die Krise nicht überleben werden. Kinos werden schließen, Lebensentwürfe, denen sich Künstlerinnen und Künstler verschrieben haben, werden kollabieren.

Kultur sei „Lebenselixier einer Gesellschaft, die gemeinsam durch eine Krise geht“, sagte der amtierende Bundespräsident, womit Frank-Walter Steinmeier offenbar einen sehr hochherzigen Kulturbegriff hat. Kultur als Lebenselixier, als Lebenshilfe, als Therapeutikum, das ist sicherlich gut gemeint – aber es geht bei der Relevanz der Künste um etwas anderes. Um deren Systemrelevanz? Allerdings wissen wir durch die Reflexionsrelevanz der Künste, wie sehr Systeme etwas sehr Abstraktes sind.

Dagegen sprechen die Künste für das Konkrete, das Einzelne, dich, mich. So sehr der Kulturbetrieb sich einsichtig gezeigt hat für das Corona-Krisenmanagement der Politik, das Management sitzt weiterhin einem gewaltigen Missverständnis auf, solange es über die feinen Unterschiede zwischen Theater oder Nagelstudio, Museum und Freudenhaus, Kino oder Wettbüro, Sauna oder Literaturhaus systematisch hinweggeht. Bedenklich. Umdenken wäre was anderes.

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