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Leitartikel

Falsche Signale

Zu viele Fans in den Stadien, kaum paneuropäische Stimmung. Doch die Fußball-EM hat auch positive Seiten.

Wer einmal englische Fußballfans erlebt hat, die voller Inbrunst ihre Hymne „Football’s Coming Home“ schmettern, in der sich auf selbstironische Art die Herzschmerzgeschichte vom ewigen Scheitern bündelt, der bekommt eine Vorahnung, was sich am Sonntag in Wembley abspielen wird.

Das Europameisterschaftsfinale zwischen England und Italien steuert auf einen Höhepunkt zu, der alle Widersprüche dieses Events vereint. Ausnahmezustand, Menschenansammlungen, Big Party nicht nur am Big Ben. Und das in einem Land, in dem die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus ihr Unwesen treibt. Erst einmal passt das nicht zusammen.

Doch jene, die sich eine der 60 000 Eintrittskarten gesichert haben, um weitgehend ohne Abstand und Maske an heiliger Fußballstätte dabei zu sein, wischen bei vollem Bewusstsein jedes Gesundheitsrisiko beiseite. Die Wunde nach 55 Jahren ohne Titel – der einzige im legendären WM-Endspiel 1966 gegen Deutschland mit dem berühmten Wembley-Tor gewonnen – zu schließen, ist ihnen wichtiger.

Der Europäischen Fußball-Union (Uefa) als Veranstalter hätte nichts Besseres als dieses flirrende Finale passieren können: Zwei stolze Fußballnationen, England und Italien, beide auf unterschiedlichen Wegen wieder erstarkt, haben jeweils das ganze Land im Rücken – und an Corona wird frühestens nächste Woche wieder gedacht.

Das ist verantwortungslos, andererseits verständlich. Trotz allem Unwesen, dass vor allem die Verbände und die Vereine in diesem Business inzwischen betreiben, taugt der Fußball immer noch wie kaum ein anderes Ereignis dazu, die Menschen für eine Sache zu begeistern.

Und wann war Ablenkung je so willkommen wie in diesen verwirrenden Corona-Zeiten, in denen auch vielen Politkerinnen und Politikern der Kompass verloren ging? Dieses Seelenheil fließt in keine Statistik ein, aber den positiven Effekt auf die Psyche kann niemand negieren, der es erlebt hat. Nur weil der deutsche Freudentaumel ausgeblieben ist, muss das nicht gleich verdammt werden.

Dieses paneuropäische Projekt, das im Vorjahr abgeblasene Turnier weiterhin über ganz Europa und letztlich elf Spielorte zu verteilen, war von Anfang an ein waghalsiger Großversuch, gelenkt von geschäftlichen Interessen. Spiele vor Publikum verkaufen sich halt besser.

Die Uefa hat allerdings versäumt, die Leitplanken klarer zu fassen. Beispielsweise wäre eine verbindliche Vorgabe an maximaler Auslastung hilfreich gewesen. Die Hälfte der Stadionkapazität hätte überall gereicht. Auch wenn in Budapest nur Geimpfte, Genesene und Getestete in die Puskas-Arena strömten. Dort vier Spiele vor fast ausverkauftem Haus zu veranstalten, vermittelte falsche Signale.

Verschwiegen werden darf nicht, dass dieser Spielort genau wie in Kopenhagen, Amsterdam oder anderswo auch Menschen unterschiedlicher Herkunft beim Public Viewing unter freiem Himmel zusammenbrachte. Das Feeling, das Deutschland bei dieser EM auch wegen der zunehmenden Entfremdung seiner schwächelnden Nationalmannschaft nie wirklich erlebte, ist hier sehr wohl entstanden: ein Sommermärchen im Kleinformat. Es war nicht falsch, Nationen einmal einzubinden, die sonst nie in der Lage sind, ein solches Großereignis auszurichten. Doch die Reisebewegungen waren nicht frei von Risiken.

Am kurzfristig mit zusätzlichen Spielen beschenkten Spielort Sankt Petersburg ist die Zahl der Corona-Infektionen rapide nach oben geschnellt. Hunderte finnische Anhängerinnen und Anhänger sowie mehr als 2000 schottische Fans haben sich wohl in Zusammenhang mit dem Besuch von EM-Spielen infiziert.

Der Ritt auf der Rasierklinge in anderer Form war die Regenbogendebatte, die vor allem aus Deutschland mit Absolutheit vorgebracht wurde. Dabei war der Antrag bei der Uefa, die Münchner Arena wegen des Bezugs auf ein Gesetz in Ungarn, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt, in Regenbogenfarben zu beleuchten, aussichtslos. Das wirkte wie die Belehrung mit dem erhobenen Zeigefinger – und wenn eine Bewertung aus der Ferne ohne Differenzierung erfolgt, führt das schnell zu verhärteten Fronten.

Viel irritierender wirkte im Anschluss, dass die selbst seit Jahren Werbespots für Vielfalt, Toleranz, Fairplay und Respekt schaltende Uefa nicht in der Lage war, wenigstens seinen Sponsoren ein Mindestmaß an Freiheit zu garantieren.

Volkswagen durfte seine Werbebanden nicht überall bunt leuchten lassen – in Baku und St. Petersburg erging ein Verbot. Ein unpassender Kniefall der Uefa vor autoritären Regimen. Als Nächstes wäre der deutsche Autobauer am Zuge, sein Engagement als Partner einer Organisation tunlichst zu überdenken, die sich bisher beharrlich weigert, abseits des Sports auch nur irgendein Fazit zu ziehen.

Erst weit nach dem Endspiel wird man wissen, ob das betörende Erlebnis speziell in London mit verstörenden Häufungen schwerer Corona-Erkrankungen erkauft worden ist. Wenn dem so ist: England und auch Premier Boris Johnson wollen es so.

Berichte Sport

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